„Corte“ wurde vor Kurzem beim „Contemporanea Film Festival 2025“, das gleichzeitig mit dem Torino Film Festival (TFF) lief, gezeigt. Und prompt erhielt der Streifen eine lobende Erwähnung in der Sektion „Concorso italiano“. „Corte“ wurde auch beim Filmfestival Bozen vom Publikum sehr positiv angenommen. Ein Gespräch mit der Regisseurin. <b>Von Ida Walder</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1252071_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Sechs Millennials verbringen ein paar Wintertage in einem Ferienhaus der ehemaligen Arbeiter-Urlaubssiedlung des Energiekonzerns Eni. Beim Holzsuchen begegnen sie einem älteren Ehepaar aus der Nachbarschaft. Online finden sie heraus, dass der Mann, Noél Riccardi, ein renommierter Schriftsteller und Philosoph ist. Nach der Abreise seiner Frau sucht Noél die Nähe der jungen Leute, lädt sie zu sich ein und führt sie durch die Siedlung. Anfangs beeindruckt er mit seinem Wissen über die Architektur und seinem gewitzten Charme. Doch nach und nach kippt die Stimmung: Noél inszeniert sich als überlegener Freigeist, provoziert die Gruppe und versucht, ihre Werte infrage zu stellen. Die Millennials halten dagegen, bis die Situation in einem körperlichen Übergriff entgleitet und die Gruppe sich von ihm distanziert.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1252074_image" /></div> <b><BR /><BR />Wie ist die Idee zum Film „Corte“ entstanden?</b><BR />Magdalena Mitterhofer: Ich wollte schon lange im Villaggio Eni drehen, weil ich diesen Ort gut kenne und unglaublich spannend finde. Während der Corona-Zeit konnte ich zudem kaum Live-Performances machen. In dieser Phase, in der plötzlich viel Zeit und Ruhe da waren, habe ich ein Kammerstück geschrieben. Darin ging es um einen Generationenkonflikt, aber auch stark um Fragen des Raums: Wer verfügt über Raum? Wer kann Gastgeberin oder Gastgeber sein? Wer hat Platz – physisch wie sozial? Diese Themen waren während jener Zeit ja allgegenwärtig. Irgendwann wurde mir klar, dass sich diese Handlung perfekt mit dem Villaggio Eni verbinden lässt. So sind schließlich zwei Interessen zusammengeflossen: der Wunsch, an diesem besonderen Ort zu drehen, und die Auseinandersetzung mit räumlichen Spannungen und Nähe. Daraus hat sich „Corte“ entwickelt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1252077_image" /></div> <BR /><b>Der Raum spielt im gesamten Film eine große Rolle. Man könnte sogar sagen, er ist mehr als nur Kulisse, sondern eine eigene Handlungsebene. Warum passt die Geschichte so gut in die ehemalige Arbeiterurlaubsiedlung Villaggio Eni?</b><BR />Mitterhofer: Zum einen, weil diese Arbeiterurlaubssiedlung ursprünglich eine Art Utopie war – und auch Noel, die ältere Hauptfigur in meinem Film, aus dieser Zeit stammt. Er ist ein Kind jener Jahre, in denen es in Europa gesellschaftliche Aufbruchsstimmung und großflächige Planungen gab, in denen auch sozialpolitische Ideen eine Rolle spielten. Insofern repräsentiert der Villaggio im Grunde eine andere Zeit. Zum anderen fand ich es interessant, dass genau hier die Begegnung zwischen den jungen Leuten und Noel stattfinden kann. Unter normalen Umständen würden sich ihre Wege wahrscheinlich nie kreuzen: Noel ist kinderlos, Universitätsprofessor, und trifft sonst nur auf Studierende in einem gewissen, distanzierten Rahmen. Der abgelegene Ort ermöglicht erst diese direkte Begegnung zwischen den Figuren. Und am Ende eskaliert die Situation mit Noel – man könnte sagen, er wird angegriffen. Dieser Raum erlaubt es überhaupt erst, dass sich diese Dynamik entfalten kann.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Sie sprechen von einer gesellschaftlichen Grenzüberschreitung zwischen Generationen. Was fasziniert Sie an solchen Macht- und Generationenkonflikte?</b><BR />Mitterhofer: In meinen Arbeiten – auch in meinen Performances – beschäftige ich mich immer wieder mit Machtverhältnissen und unterschiedlichen Formen von Gewalt. Ich nähere mich diesen Themen aber nicht unbedingt auf eine politisch korrekte Art; vielmehr interessieren mich Konflikte an sich, und sie tauchen ganz natürlich in meinen Drehbüchern auf. Während der Arbeit an „Corte“ war die Frage nach Generationen besonders präsent. Gleichzeitig habe ich gemerkt, wie begrenzt der Begriff eigentlich ist. Man kann schwer sagen: So ist eine Generation, so ist die andere, weil es innerhalb jeder Generation enorme Diversität gibt. Aber das Thema Demografie beschäftigen mich nach wie vor.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1252080_image" /></div> <BR /><BR /><b>…und dann kam die Corona-Zeit…</b><BR />Mitterhofer: Genau. Während der Corona-Zeit rückten für mich zudem Fragen rund ums Wohnen stark in den Vordergrund: Mieterin sein, auf engem Raum leben, plötzlich kaum mehr Bewegungsfreiheit haben. Dadurch stellte sich auch die Frage, wer in einer Stadt eigentlich darüber entscheidet, welche Räume öffentlich zugänglich sind, wo junge Menschen überhaupt noch hingehen können und wer welchen Platz einnehmen darf. Genau diese Spannungen haben mich interessiert.<BR /><BR /><BR /><b>Viele Szenen wirken fast wie kleine Bühnenmomente – bewusst unnatürlich und theatral. Warum haben Sie die Verbindung von Performance- und Theaterkunst mit dem Film genutzt, um die Figuren und ihre Dynamik zu zeigen?</b><BR />Mitterhofer: Mir ist erst in letzter Zeit bewusst geworden, dass meine Performances eigentlich immer stark von filmischen Referenzen geprägt waren. Ich habe schon immer in Bildern und Szenen gedacht – und da ich auch einmal Film studiert habe, war das Filmbild in meinen Arbeiten immer präsent. Gleichzeitig interessiert mich der Performance-Körper an sich: Performerinnen und die Energie, die sie allein durch ihre Präsenz im Raum erzeugen können – etwas, das sich stark vom klassischen Filmschauspiel unterscheidet. Diese Aufladung des Raumes und die Kraft fasziniert mich. Ich wollte daher eine Körperlichkeit in den Film einfließen lassen, die ich aus den Performances kenne.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1252083_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wenn Körperlichkeit und Präsenz für Ihre Arbeit so zentral sind – wie hat sich das konkret in der Zusammenarbeit mit den Schauspielerinnen und Schauspielern gezeigt? Haben Sie die Szenen und Dialoge gemeinsam weiterentwickelt?</b><BR />Mitterhofer: Ja, auf jeden Fall – auch wenn es von Szene zu Szene unterschiedlich war. Es war mein erster richtiger narrativer Film, und wir mussten uns da gemeinsam herantasten. Ich hatte sehr professionelle Leute am Set, die mehr Dreherfahrung hatten als ich und die diesen Prozess gut mittragen konnten. In der Drehbuchphase traf ich auf zwei großartige Produzenten, bzw. produzentinnen und stellte mit ihnen ein Team zusammen, das für dieses Abenteuer bereit war. Anfangs haben wir relativ klassisch gearbeitet: mit den geschriebenen und einstudierten Dialogen. Aber je weiter wir kamen, desto freier wurde unsere Arbeitsweise. Das sieht man etwa in der Schlusssequenz, wenn die Figuren durch den Wald rennen und ins Haus einbrechen – dort bekommt das Bild stellenweise fast experimentelle Qualitäten, mit starker Überbelichtung und Effekten, die aus dem Moment heraus entstanden sind. Am Ende hatten die Schauspielerinnen und Schauspieler also deutlich mehr Freiraum, und wir haben viel improvisiert.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1252086_image" /></div> <BR /><h3> Zur Person Magdalena Mitterhofer</h3>1994 wurde sie in Innichen geboren und arbeitet als freiberufliche Künstlerin und Regisseurin in Berlin. 2019 hat sie in der Klasse von Hito Steyerl ihren Abschluss in Film und Medien gemacht und für den Kurzfilm den Meisterschülerinnenpreis des Präsidenten erhalten. 2016 bis 17 studierte Mitterhofer für ein Semester an der Tama Art Universität in Tokio. Ihre performativen Werke werden meist vor Ort entwickelt, dabei interessieren sie insbesondere die architektonischen und sozialpolitischen Hintergründe. Für Magdalena Mitterhofer ist der Begriff „Peripherie“ von großer Bedeutung, welcher es ihr erlaubt, sich in unterschiedliche Formate und Themenbereichen vorzutasten. Kollabo- ration, Diskussion und Improvisation mit allen Beteiligten sind wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeitsprozesse. Ihre Performances, In- stallationen und Ausstellungen wurden u.A. vom Berliner Senat, pro Helvetia, Haus der Kunst München, NPN Neustart Kultur und dem Amt für Kultur Südtirol gefördert. Ihre Kurzfilme wurden an der Volksbühne Berlin und im Kunstverein Tiergarten Berlin ausgestellt.