Er ist ein Treffpunkt für Einheimische und Gäste, für Kinder und Cineastinnen, für Stammkinogänger ebenso wie für jene, die nur selten den Weg ins Kino finden. Ein Gespräch mit der Vorsitzenden Helene Christanell. <b>Von Ida Walder</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1268514_image" /></div> <BR /><BR />An den Wochenenden laufen sorgfältig kuratierte Filme in deutscher Sprache, einmal im Monat auch auf Italienisch. Bis zu vier Tage in der Woche öffnet das Kino, und nicht selten sind Regisseurinnen, Produzenten oder Schauspielerinnen zu Gast. Und wenn es das Sommerwetter erlaubt, verwandelt sich der Hinterhof zwischen Juli und August in ein Kino unter freiem Himmel.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1268517_image" /></div> <BR />Doch diese Selbstverständlichkeit regelmäßiger Vorführungen war lange nicht gegeben. Ein Blick in die Geschichte, nach einem Text von Martin Sölva, zeigt, wie steinig der Weg war: Am 25. Dezember 1911 wurde in Kaltern die erste öffentliche Filmvorführung im neu eröffneten „Kinematographentheater“ am Marktplatz gezeigt. Trotz Widerstands der Gemeinde erhielten die Gebrüder Röggla die Konzession, und der Kinobetrieb begann im Bürgersaal ihres Hauses. Über Jahrzehnte hinweg wechselten Eigentümer und technische Formen, vom Stumm- zum Tonfilm, bis 1992 der regelmäßige Kinobetrieb im „<Fett>Laurin-Kino</Fett>“ endete.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1268520_image" /></div> <BR />Doch noch im selben Jahr gründete sich der Verein „Filmtreff Kaltern“, um das Kino weiterzuführen und die Tradition des Landkinos zu bewahren. Mit Unterstützung der Gemeinde wurden zunächst Filmvorführungen im großen Saal des <Fett>Vereinshauses</Fett> angeboten, bevor 2011 der Filmtreff im renovierten <Fett>Bahnhofsgebäude</Fett> mit modernster Technik sein dauerhaftes Zuhause fand – einen Ort, der dank der vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Helfer sowie der Vorsitzenden <Fett>Helene Christanell</Fett>, die das Kino mit Herzblut und Erfahrung leitet, die Freude am Kino noch immer spürbar macht.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1268523_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie hat sich der Filmtreff Kaltern verändert, seit er im alten Bahnhof sein Zuhause gefunden hat? Welche Vorteile bietet der neue Saal, und hat sich dadurch auch das Programm oder das Publikum verändert?</b><BR />Helene Christanell: Bevor wir ins Kino im Bahnhof gezogen sind, fanden unsere Filmvorführungen im Vereinshaus statt, das wir mit vielen anderen Vereinen in Kaltern geteilt haben. Daher gab es nur punktuell Filme zu sehen, und die Kinolandschaft in Südtirol war in den späten 90er Jahren bis zur Eröffnung des Cineplexx-Kinos 2009 sehr dünn. In dieser Zeit haben wir viele Blockbuster gezeigt, von <Kursiv>Titanic</Kursiv> bis <Kursiv>Der Schuh des Manitu</Kursiv>. Aber wir waren nie richtig zufrieden: Der Saal im Vereinshaus war nicht geeignet für Kino – keine ansteigenden Sitzreihen, eine miserable Akustik und ein viel zu großer Raum. Mit dem neuen Saal konnten wir diese Mängel ausmerzen: Man sitzt bequem, sieht gut und die Akustik passt. Und das Allerbeste war, dass wir die Termine für die Filmvorführungen selbst festlegen konnten. Die Programmgestaltung der großen Kinos, Cineplexx und UCI, fast vor unserer Haustür, hat das Programm ebenfalls beeinflusst. Zwar haben wir uns bei der Gründung des Filmtreffs auf die Fahnen geschrieben, ein Kino für alle zu sein – und das gilt nach wie vor – doch die Programmierung geht inzwischen stärker in Richtung Programmkino. Das Publikum hat sich dadurch im Laufe der Zeit etwas verändert.<BR /><BR />Ich denke aber, dass der alte Bahnhof ein gewisses Flair hat, das den Leuten gefällt. Außerdem haben wir einen großen Parkplatz und die Bushaltestelle liegt gleich in der Nähe des Hauses.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1268526_image" /></div> <BR /><BR /><b>Abseits der Stadt ein Programmkino zu führen bedeutet oft, mit anderen Bedingungen zu arbeiten. Was sind die größten Herausforderungen?</b><BR />Christanell: Ein Kino zu bespielen sieht von außen oft einfacher aus, als es tatsächlich ist. Viele glauben, es gäbe eine zentrale Stelle, wo man die Filme „abholen“ kann, oder – in unserem speziellen Fall – dass wir die Filme einfach vom Filmclub in Bozen übernehmen. So läuft das aber nicht. <BR /><BR />Die Filme müssen angemietet werden, und dafür muss man bei den jeweiligen Verleihern anfragen. Wir arbeiten regelmäßig mit etwa 20 Verleihern zusammen. Der Haken ist: Nicht immer sind die Vorführrechte vorhanden, um einen Film in der deutschen Fassung zeigen zu können. Ich muss also ständig im Blick haben, welche Filme demnächst starten, ob Vorführrechte für unser Gebiet existieren und ob die gewünschte Fassung verfügbar ist.<BR /><BR />Für ein kleines Kino wie unseres kommt erschwerend hinzu, dass wir die Filme meist erst zwei bis drei Wochen nach dem Kinostart zeigen können, weil wir nicht täglich Vorführungen anbieten. Zudem müssen für jeden Film die Verleihkonditionen individuell verhandelt werden – es gibt keine festen Preise. Die Verleiher schätzen den „Wert“ des Films und legen dann die Kosten fest. <BR /><BR />Und schließlich erfordert ein Kino – genau wie jeder andere Veranstaltungsbetrieb – einen erheblichen Verwaltungsaufwand.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1268529_image" /></div> <BR /><BR /><b>Der Filmtreff Kaltern lädt regelmäßig Filmschaffende aus dem In- und Ausland ins Kino ein. Wie erleben Sie diese Begegnungen, und gibt es Momente oder Gespräche, die besonders in Erinnerung geblieben sind?</b><BR />Christanell: Es ist immer ein besonderer, schöner Moment, Gäste zu einem Film im Kino zu haben – und das schätzt auch unser Publikum. Im Saal selbst entstehen oft lebhafte Gespräche, an denen sich auch die Besucherinnen und Besucher beteiligen. Ich erinnere mich gut an die Diskussion nach der Vorführung von „Das System Milch“ von Andreas Pichler, bei der es durchaus kontroverse Meinungen zum Thema Milchwirtschaft gab. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1268532_image" /></div> <BR />Auch Gerti Drassl hat viel Aufmerksamkeit erfahren, sie begleitet ihre Filme gerne nach Kaltern und ist eine sehr lebhafte Gesprächspartnerin. Besonders eindrucksvoll war im vergangenen Herbst das Gespräch zu „Despite the Scars“ mit Thea Malfertheiner und Felix Rier. Ihre Bereitschaft, offen über ein so schwieriges Thema wie die Aufarbeitung einer Vergewaltigung zu sprechen, hat dem Publikum großen Eindruck gemacht und ihnen viel Anerkennung gebracht.<BR /><BR />Doch nicht nur die Diskussionen im Saal sind geschätzt – auch die Gespräche im Foyer haben einen besonderen Stellenwert. Es ist inzwischen fester Bestandteil unserer Filmabende, dass die Besucherinnen und Besucher nach der Vorführung bei einem kleinen Umtrunk die Möglichkeit haben, mit unseren Gästen ins Gespräch zu kommen.<BR /><BR /><BR /><b>Was macht das Kino im Bahnhof für die Menschen im Dorf und der Region so besonders?</b><BR />Christanell: Ich denke, ein großer Pluspunkt unseres Kinos ist, dass wir viele unserer Besucherinnen und Besucher persönlich kennen. Wir bemühen uns bewusst, diese Nähe aufzubauen und zu pflegen. Ein weiterer Vorteil ist unsere große Anzahl an ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Helfern, die das ganze Jahr über die Kinokasse betreuen. Wir verteilen unsere Programmflyer selbst, kommen mit den Menschen ins Gespräch und sind immer offen dafür, lokale Geschichten in unser Programm aufzunehmen. Im Laufe des Jahres veranstalten wir viele Filmabende in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, wie zum Beispiel dem Fischereiverband, den Imkern, dem Familienverband, der OEW, dem Beirat für Chancengleichheit und vielen weiteren. <BR /><BR />Auch unser Sommerprogramm hat uns über das Überetsch hinaus bekannt gemacht. Unser Open-Air-Kino ist echtes Kino: Wir zeigen die Filme draußen in Kinoqualität mit einem Digitalprojektor, genauso wie im Saal. Das ist aufwändig, aber wir empfinden es als unseren Auftrag. <BR /><BR />Besonders geschätzt wird auch unser Kinderkino. Für viele Familien ist es ein wertvolles und kostengünstiges Angebot, das dem jungen Publikum schon früh Freude am Film vermittelt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1268535_image" /></div>