Freitag, 13. November 2020

Filmkunst aus dem Unterland: Aurer Regisseurin dreht Musikvideo für Weltstar

Mit einem 50-köpfigen Team dreht Regisseurin Sarah Scherer aus Auer einen Kunstfilm für die neue Single „Beautiful Wounds“ des Solo Albums von Phil Gould, Gründungsmitglied der britischen Band Level42, die u.a. mit Hits wie „Lessons in Love“ weltbekannt wurde. Heute wird es von Label Abbey Records UK veröffentlicht.

Sarah Scherer aus Auer hat ein Musikvideo für Phil Gould verwirklicht.
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Sarah Scherer aus Auer hat ein Musikvideo für Phil Gould verwirklicht.
Interview: Eva Bernhard

„Dolomiten“: Vereinsamung, Fragilität, Erinnerung: Das sind die Elemente, auf die Ihr Video aufbaut. In dieser so besonderen Zeit bekommen sie eine neue Bedeutung. Haben Sie das Video vor oder während Corona realisiert?

Sarah Scherer: Der Dreh für das Video fand schon 2019 statt. Es ist interessant, dass die Geschichte nun, neu interpretiert, an Aktualität gewinnt. Das fasziniert mich an der Kunst: Sie ist immer wieder zeitlos.

„D“: Inwieweit hat der Lockdown Einfluss genommen auf Ihre Regiearbeit?

Scherer: Viele Produktionen mussten verschoben, abgesagt oder in anderer Form umgesetzt werden. Ein Umstand, der für die gesamte Branche eine echte Herausforderung ist. Es gibt kaum noch Planungssicherheit. Als freischaffende Künstlerin versuche ich jedoch, das Beste aus der Situation zu machen: Ideen, die schon lange in meinem Kopf herumschwirren, kann ich jetzt ausfeilen.

„D“: Ihr Video ist für die neue Single „Beautiful Wounds“ des Solo Albums von Phil Gould, Gründungsmitglied der britischen Band Level42, entstanden. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Künstler?

Scherer: Phil und ich lernten uns vor 6 Jahren über gemeinsame Freunde kennen. Er hat immer meine Arbeiten beobachtet und meinte, es würde ihn interessieren zu sehen, wie ich als Filmemacherin seine Single als Musikvideo visualisieren würde.

„D“: So haben Sie die Idee zum Video alleine entwickelt?

Scherer: Ja, Phil ließ mir bei der Konzepterstellung vollkommene künstlerische Freiheit. Er brachte mir damit ein hohes Vertrauen entgegen. Wir sprachen viel darüber, was der Song für ihn bedeutet, gingen gemeinsam ins Museum, um uns inspirieren zu lassen und hatten beide den Wunsch, auch mit Tanz zu arbeiten.




„D“: Im Film erlebt der Protagonist sein Leben sozusagen im Rückwärts-Gang, Höhen und Tiefen werden durch Tänzer wiedergegeben. Kein düsteres Ende sondern ein Ausblick erwartet einem zum Schluss oder?

Scherer: Die Interpretation bleibt wie so oft dem Zuschauer überlassen. Für mich liegt die Bedeutung von „Beautiful Wounds“ in der Auffassung, dass der Mensch durch die Narben seiner Lebenserfahrung an Schönheit und Stärke gewinnt: Wir werden menschlicher, einfühlsamer und kraftvoller. Wir können nicht anders, als den Erinnerungen, Rückschlägen und Herausforderungen, die wir erleben, einen Sinn zu geben und diese im besten Fall mit offenen Armen zu empfangen.

„D“: Es gibt große Umarmungen im Video, einen Sehnsuchtsmoment für uns alle in dieser Zeit...

Scherer: Wie die Tänzer im Video wünsche auch ich mir, niemals aufzuhören nach den Sternen zu greifen – was das auch immer für jeden Einzelnen bedeuten mag. Das Leben ist in einem ewigen Kreislauf begriffen, manchmal auch mit einer Achterbahnfahrt dazwischen, so wie wir auch die Zeit in diesem Jahr 2020 erleben.

„D“: Ihr Protagonist, ein alter Mann, liegt zu Beginn in seinem Totenbett, sitzt danach vor dem rauschenden Fernseher, ein Symbol für?

Scherer: Der Hauptdarsteller blickt in das weiße Rauschen eines Bildschirms, bevor er in seine Traumwelt aus abstrakten Erinnerungen taucht. Dies kann als Störquelle der Erinnerung ausgelegt werden, sowie auch als die Mikrowellenstrahlung des Universums etwa. Dass wir während des Lockdowns jetzt auch sehr viel Zeit alleine vor dem Bildschirm verbringen, uns damit beruhigen oder aufwühlen lassen, ist ein spannender Zufall.

„D“: Und dazwischen gibt es immer wieder Tanz: Sie selbst haben eine Tanz- und Schauspielausbildung in Wien absolviert, verweben Sie in all Ihren Arbeiten Tanz mit Schauspiel?

Scherer: Ich genieße es immer wieder, spartenübergreifend zu arbeiten und freue mich darüber, wenn das möglich ist oder das Werk dies sogar verlangt. Oft ist es sehr hilfreich, wenn man mit dem Ensemble „dieselbe Sprache spricht“ und die Liebe und Wertschätzung für ihren Beruf teilt.

„D“: Heute arbeiten Sie hauptsächlich als Regisseurin. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Scherer: Schon während meiner Schauspielausbildung faszinierte mich der Perspektivenwechsel zwischen „auf der Bühne / vor der Kamera“ und „hinter der Bühne/Kamera“. Nach den ersten Projekten als Regisseurin hatte ich bald Blut geleckt und konnte nicht mehr damit aufhören. Seitdem versuche ich, eine ausgewogene Mischung zwischen den beiden Berufen erreichen. Eine Dynamik die mich immer wieder aufs Neue inspiriert.

„D“: Sie inszenieren am Theater und führen Regie in Filmen. Was reizt Sie mehr und warum?

Scherer: Obwohl es im Grunde genommen 2 sehr unterschiedliche Arbeitsprozesse sind, könnte ich mich im Moment nicht zwischen den beiden Welten entscheiden. Die Regiearbeit am Theater ist im ewigen Wandel begriffen, während im Film auf ein Ergebnis hingearbeitet wird, welches bis in alle Ewigkeit sozusagen ins Zelluloid eingebrannt ist. Glücklicherweise haben beide Welten den Anspruch, eine Geschichte zu erzählen, die Menschen berührt.

dol

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