Filmkritiker Helmut Groschup durchstöbert für Sie YouTube und stellt wöchentlich hier einen Klassiker vor. Heute: „Comizi d’amore“ (Gastmahl der Liebe) von Pier Paolo Pasolini (Italien 1963).<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="646853_image" /></div> <BR /><BR /><b>Genre:</b> Dokumentarfilm<BR /><BR /><BR /><b>Regisseur:</b> PPP (1922-1975) – am 2.11.1975 in Ostia ermordet<BR /><BR /><BR /><b>Was passiert</b><BR /><BR /><BR />„Comizi d'amore“ ist ein Interview-Film, der sich mit dem Verhältnis der Italiener zur Sexualität beschäftigt. Pasolini ist kein steriler Meinungssammler, seine Gegenwart schenkt dem Film Forscherlust und abenteuerliches Sich-Einlassen auf die Realität. Die Gespräche kreisen um Sexualität als Ehre, Ware, Pflicht, Perversion, Tabu, Passion und Nationalsport der Männer. Zu Wort in diesem Dossier der Sprache und des Sprechens (das allen Regionen, Milieus und Klassen Italiens gilt) kommen vitelloni, Intellektuelle, Bäuerinnen und Prostituierte, prominente Autoren und namenlose Arbeiter. Pasolini deckt Vorurteile und Gemeinplätze auf, gibt sich als spontaner Dokumentarist dem Augenblick hin und gewährt Einblick in das Zustandekommen des Films.<BR />(filmmuseum wien)<BR /><BR /><BR />„Pasolini diskutierte mit Intellektuellen wie Alberto Moravia, Giuseppe Ungaretti und Oriana Fallaci. Die Umfrage, die zum Vorbild für viele spätere Fernseh-Umfragen wurde, zeigt Italien im Wandel; zugleich erhellt sie die leidenschaftliche Persönlichkeit Pasolinis. Bei aller Komplexität ein humorvoller und unterhaltsamer Film.“ <BR />(Lexikon des internationalen Films)<BR /><BR /><BR /><b>Expertenmeinung</b><BR /><BR /><BR />„Eine Enquête in der Technik des „cinéma direct“ (das man damals gerne „cinéma vérité“ nannte). Pasolini geht mit seinem Mikrofon spazieren und stellt den Leuten Fragen über die Liebe, die Sexualität, die Familie, die Religion, die Scheidung, die Jungfräulichkeit, die Homosexualität.“ (Freddy Buache) <BR /><BR /><BR /><b>Stil, Drehorte, Folgen</b><BR /><BR /><BR />Die Filmreportage ist in Kapitel unterteilt, an deren Anfang jeweils der bekannte Psychologe Cesare Musatti und die beiden Doyens der italienischen Gegenwartsliteratur, Alberto Moravia und Giuseppe Ungaretti sowie die Star-Journalistin Oriana Fallaci befragt werden. Die Intellektuellen kommentieren, die Leute reden ohne Hemmungen über sich selbst. <BR /><BR />„Comizi d'Amore“ ist ein unvoreingenommenes Abbild des Nachkriegitaliens im starkem Wandel – ein Muster für spätere Fernsehumfragen. Was beeindruckt, ist die Präsenz von Pasolini als bohrender Reporter selbst. Der Autorenfilm ist ein leidenschaftliches Selbstporträt und gleichzeitig ein Bekenntnis. Für Pasolinis treuen Produzenten Alfredo Bini hatte der Film sogar einen nützlichen Nebeneffekt, nämlich Italien zu durchqueren auf der Suche nach einem geeigneten Drehort für das anstehende Evangelium-Filmprojekt. Nur so konnten von der Produktionsseite her die großen finanziellen Schwierigkeiten überwunden werden. <BR /><BR />Crotone, Matera und Massafra sind jene Orte, die ein wenig später im epischen Film „Matthäus Evangelium“ vorkommen werden. Die Drehorte auf Sizilien, Kampanien, Lukanien, Kalabrien und Apulien wurden auf dieser abenteuerlichen Fahrt entdeckt. „Comizi d'Amore“ ist aber auch das fotografisches Einfangen unverbrauchter Gesichter und Körper des Landes, ist gleichzeitig „visuelles Experimentieren“ mit einer plastischen, ja malerischen Materie, die zur Nachzeichnung der Christus-Legende von Bedeutung sein sollte. Das „Mezzogiorno“, der Süden Italiens also, wurde wegen seiner kargen ästhetischen Erscheinung so zum Landschaftssynonym für Judäa und Galiläa eines vormodernen Zeitalters. <BR />(Helmut Weihsmann)<BR /><BR /><BR /><b>Fazit</b><BR /><BR /><BR />Trotz oder eben wegen provozierender Fragen ist „Comizi d'amore“ ein Beispiel für die Sympathie, mit der PPP Menschen begegnete.<BR /><BR /><BR /><b>Buchtipp:</b> Pier Paolo Pasolini, „Comizi d’amore“, Contrasto<BR /><BR /><BR />Der Filmklassiker „ <a href="https://youtu.be/L6foBjG-vXM" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Comizi d’amore“</a> ist zu finden bei Youtube.<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />