Filmkritiker Helmut Groschup durchstöbert für Sie YouTube und stellt wöchentlich hier einen Klassiker vor. Heute: „Medea“ von Pier Paolo Pasolini (Regie), Italien 1969.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="700184_image" /></div> <BR /><BR /><b>Genre:</b> Antikentragödie<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Pier Paolo Pasolini (1922-1975)</b><BR /><BR />Andere Filme „Edipo re“ (1967), „Teorema“ (1968), „Il Decameron“ (1971), „Salò o le 120 giornate di Sodoma“ (1975)<BR /><BR /><BR /><b>Drehort:</b> Pier Paolo Pasolini und Maria Callas<BR /><BR />Nie erklang der Sopran der Sängerin in der Lagune. Dabei verbrachte Maria Callas während der Dreharbeiten zu „Medea“ im Sommer 1969 mehrere Wochen in der Inselwelt der oberen Adria. 14 Leinwandminuten entstanden, während die Crew in Grado im Hotel Argentina logierte und allmorgendlich zum Drehort aufbrach, zur winzigen Insel Mota Safòn. Sie spielte im Film, der recht frei der Tragödie des Euripides folgt, die Heimat des Zentauren Cheiron. Regisseur Pier Paolo Pasolini hatte sie beim Segeln mit einem Freund entdeckt, dem Maler und Autor Giuseppe Zigaina. Sofort identifizierte er sie als ideale Kulisse nicht für einen Ort, sondern eine Zeit: die Antike. (Stefanie Bisping)<BR /><BR /><BR /><b>Was passiert</b><BR /><BR />Alles beginnt im Licht eines Sonnenaufgangs: Der kleine Jason streckt sich genüsslich in den ersten Sonnenstrahlen, und ein Kentaur belehrt ihn über Wahrheit und Lüge. Eines Tages wird der Jüngling auf eine Reise zu seinem Onkel Pelias in die Berge geschickt, wo er den Auftrag erhält, das Goldene Vlies zu beschaffen. Mit seinen Kriegern macht er sich auf den Weg und begegnet Medea (Maria Callas), die ihm nicht nur zum Vlies verhilft, sondern ihn auch in die Liebe einführt. Doch das Glück ist nicht von langer Dauer. Jason verliebt sich in Korinth in Glauke, die Tochter von König Kreon. <BR />In ihrer leidenschaftlichen Liebe tief verletzt, tötet Medea nicht nur Glauke, sondern auch Kreon und ihre eigenen Kinder. An der antiken Tragödie von Euripides „… hat mich die Maßlosigkeit dieser Liebe am meisten fasziniert“ (Pasolini). Pasolini lässt den Mythos in Bildern archaischer Landschaften, prunkhafter Kleider und exotischer Riten auferstehen. Pasolini versteht Medea auch als Metapher für den postkolonialen Kulturkonflikt. Sie ist für ihn nicht rasende Barbarin, sondern Vertreterin einer utopischen, paradiesischen Welt, die von archaischen Riten bestimmt wird, und sich gegen eine rationale Moderne, die den Sinn für das Metaphysische verloren hat, zur Wehr setzt. (Kino Xenix, Zürich)<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Filmkritik</b><BR /><BR />„Das sind Bilder von archaischer Wucht, von beeindruckender Schönheit, von umwerfender Fremdheit … „Medea“ ist der überzeugendste der postneorealistischen Filme Pasolinis.“ (Peter Buchka)<BR /><BR />„Eingestanden sei, dass einem vor solch schönen, vollkommenen Filmen das kritische Wortemachen vergehen kann: die Wirkung dieses unerhört starken Stoffes, den Pasolini in ganz ungeheuerlich bewegenden Bildern erzählt, widersteht der Beschreibung auf fast demütigende Weise. Pasolinis Verdienste sind nicht die eines großen Mythendeuters, sondern eines großen Regisseurs.“ (Ruprecht Skasa-Weiss)<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Literarischer Hintergrund</b><BR /><BR />Der Film ist eine freie Bearbeitung der Tragödie „Medea“ des Euripides, die sich aber darauf beschränkt, der Vorlage „einige Zitate zu entnehmen“ (Pasolini). Zudem verwendet der Film in der ersten Hälfte, vergleichbar fragmentarisch, Motive der Argonautensage, die die Vorgeschichte zu Medea erzählt; der Text des Euripides setzt erst in Korinth ein. Es fallen vor allem die erzählenden Elemente weg, so etwa alle Abenteuer der Argonauten, doch auch in der Geschichte von Jason und Medea entstehen Lücken, die das Verständnis der Handlung erschweren. Das Personal wird auf das Nötigste reduziert, die zahlreichen berühmten Helden der Argonautensage, unter ihnen Herakles und Orpheus, werden zu einem Haufen namenloser junger Abenteurer, fast alle anderen Nebenfiguren entfallen komplett. (nach Wikipedia)<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Expertenmeinung</b><BR /><BR />Pier Paolo Pasolini unternimmt in seiner polemischen Umstülpung der antiken Medea-Tragödie eine Forschungsreise in die magischen Gesellschaften mit ihren archaischen Masken, ekstatischen Kulten, Menschenopfern, dem Geruch von Blut und Mysterium. Er wagt einen von Faszination und Distanz geprägten Blick in die Welt kannibalischer Riten, angesichts derer Jasons Griechen als Bande Dekadenter erscheinen müssen. Der Erzählduktus, die synkretistischen Kostüme, die Wahl der Drehorte - Pisa und die gelben Steinwüsten der Osttürkei und Syriens - machen Pasolinis Absicht klar: keinen weiteren „Klassiker“ aus dem Geist humanistischer Verlogenheit zu inszenieren, sondern ein ethnologisches Drama der Kulturkonfrontation. (Das Kino, Salzburg)<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Fazit</b><BR /><BR />Ein Filmjuwel, Callas als Filmstar und nicht als Sängerin.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Literaturtipp</b><BR /><BR />Euripides, Medea, Reclam<BR /><BR />Dieser Filmklassiker ist zu finden bei Youtube.<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />