Der Film – der im Dezember in verschiedenen Kinos in Südtirol zu sehen war – wurde nun in den Wettbewerb des Filmfestival Max Ophüls Preis aufgenommen. Das Festival zählt zu den wichtigsten europäischen Plattformen für den unabhängigen Nachwuchsfilm und findet vom 20. bis 26. Jänner in Saarbrücken statt. <b>Von Ida Walder</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1261482_image" /></div> <BR /><b><BR />Warum und wann hast du entschieden, Theas Verarbeitungsprozess filmisch zu begleiten?</b><BR />Felix Rier: Es gab keinen klar definierten Anfang, sondern ein langsames Hineinwachsen. Ausgangspunkt war ein sehr persönlicher Brief, den ich an Thea geschrieben habe, nachdem sie mir von der Vergewaltigung erzählt hatte. Daraus entstand der Kurzfilm „ein mann zu sein“, der weniger aus Theas Perspektive erzählt ist, sondern vielmehr meine eigene Position reflektiert: die Verantwortung meines Geschlechts und mein Empfinden von Scham, diesem Geschlecht anzugehören, das solche Gewalt hervorbringt. Der Film war vor allem ein Versuch, eine Sprache für etwas zu finden, das mich selbst überfordert hat.<BR /><BR /><b>Über welchen Zeitraum habt ihr gemeinsam gefilmt?</b><BR />Rier: Im Anschluss hat mich Thea eingeladen, sie im Rahmen ihrer choreografischen Abschlussarbeit an der Tanzschule filmisch zu begleiten. Dieser Moment war entscheidend, weil sich der Blick verschoben hat: weg von meiner eigenen Reflexion, hin zu einem gemeinsamen Prozess, in dem Thea, ihre Bewegung und ihr Umgang mit dem Erlebten im Zentrum standen. Wir sind dabei keinem festen Konzept und keinem klassischen Drehplan gefolgt, sondern einem Leben in Bewegung, mit Brüchen, Rückschlägen und Wendepunkten. Ein Gerichtsprozess, eine neue Beziehung, eine Schwangerschaft – all das hat den Film im Laufe der Jahre verändert und vertieft. Und somit auch gezeigt, dass Heilung keiner linearen Dramaturgie folgt. Sie ist widersprüchlich, intim, manchmal auch chaotisch. Der Film wagt deshalb nicht, Heilung zu erklären, sondern versteht sie als eine Haltung: als ein allmähliches Wiedergewinnen von Vertrauen in die eigene Stimme und in den eigenen Körper.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1261485_image" /></div> <BR /><b>Was war dir wichtig im Umgang mit Theas Geschichte?</b><BR />Rier: Von Beginn an war mir wichtig, dass Theas Geschichte nicht auf die Gewalt reduziert wird, die sie erfahren hat. Der Film sollte ein Raum sein, in dem sie als ganze Person sichtbar bleibt – mit ihrer Verletzlichkeit, aber vor allem mit ihrer Kraft. Die Arbeit mit Thea beruhte auf einem offenen Dialog, gegenseitigem Vertrauen und Respekt. Es gab keine Erwartungen daran, was erzählt werden muss. Vielmehr haben wir immer wieder neu entschieden, ob und wann es sich richtig anfühlt zu filmen. Für Thea bedeutete das, dass sie die Kontrolle über ihre Geschichte behalten konnte – auch darüber, wann etwas zu viel war. <BR /><BR /><b>Wie hat sich die Arbeit mit ihr während des Drehs entwickelt – wie ist es euch, und vor allem Thea, dabei ergangen?</b><BR />Rier: Unsere Drehzeiträume waren bewusst lang angelegt – über mehrere Wochen, teilweise sogar Monate –, um jederzeit auf Theas Wohlbefinden reagieren zu können: Drehtage zu verschieben, zu pausieren oder ganz abzusagen, wenn es notwendig war. Dies hat sich auch in der Schnittphase fortgesetzt. Thea hatte jederzeit die Möglichkeit, Szenen aus dem Film zu streichen. Denn am Ende ging es uns vor allem darum, dass sie den Film auf der Leinwand sehen kann und anschließend sagen kann: Ja, das bin ich.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1261488_image" /></div> <BR /><b>Du bist für Thea – und auch für den Film – mehr als nur Regisseur. Gleichzeitig bist du einer der ersten Menschen, mit denen sie über ihre Vergewaltigung gesprochen hat. Musstest du diese beiden Positionen voneinander trennen, oder konnten sie koexistieren?</b><BR />Rier: Thea und ich kennen uns seit unserer Kindheit. Sie war meine erste große Liebe, und wir waren mehrere Jahre ein Paar. Auch wenn sich unsere Beziehung verändert hat, ist unsere Verbindung immer sehr eng geblieben – und genau das war eine der Voraussetzungen dafür, dass dieser Film überhaupt entstehen konnte. Ich habe diese beiden Rollen nie strikt voneinander getrennt. Sie gingen von Anfang an ineinander über, was für mich eine besondere Verantwortung mit sich brachte – in ethischer wie emotionaler Hinsicht. Daraus ergaben sich immer wieder Fragen: Wann filmen wir? Wann hören wir lieber auf? Wann sind wir einfach nur da und hören zu? Auch das Finden der visuellen Sprache des Films war ein sensibler Prozess: Wie zeigt man Schmerz, ohne ihn auszubeuten? Wie zeigen wir Nähe, ohne aufdringlich zu sein? Die Herausforderung bestand darin, mit dem Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde, sorgsam umzugehen. Der Film existiert nur, weil Thea ihn möglich gemacht hat. Meine Aufgabe war es, diesen Raum zu schützen – als Filmemacher, aber vor allem als Freund.<BR /><BR /><b>In welchem Verhältnis stehst du selbst zu dem, was wir im Film sehen?</b><BR />Rier: Sehr nah – auch weil ich den Film selbst mit der Kamera gedreht habe. Gleichzeitig war es mir wichtig, mich nicht in den Vordergrund zu stellen. Der Film begleitet Thea auf ihrem Weg. Meine Rolle bestand vor allem darin, präsent zu sein und aufmerksam zu bleiben – ohne den Prozess zu lenken. Vieles, was im Film sichtbar wird, ließ sich nicht planen oder kontrollieren. Das bedeutete auch, eigene Unsicherheiten auszuhalten und nicht sofort nach Deutungen zu suchen. In diesem Spannungsfeld ist der Film entstanden: aus Nähe, aber mit Zurückhaltung.<BR /><BR /><b>Wie bist du mit der Thematik umgegangen, Verletzlichkeit zu zeigen, ohne sie auszustellen?</b><BR />Rier: Für mich lag der entscheidende Punkt darin, Verletzlichkeit nicht zu erzeugen oder herauszustellen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen sie sich zeigen darf. Diese entsteht im Film nicht durch das Zeigen von Schmerz, sondern durch das Zulassen von Unsicherheit, Stille und Unvollständigkeit. Indem wir auf Erklärungen und eindeutige Auflösungen verzichten, bleibt Nähe möglich, ohne ausgestellt zu werden.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1261491_image" /></div> <BR /><b>Gab es bewusste Entscheidungen, bestimmte Aspekte nicht zu zeigen?</b><BR />Rier: Ja, aus Respekt gegenüber Thea und dem Prozess, den wir begleitet haben. Der Film erhebt nicht den Anspruch, vollständig zu sein oder alles sichtbar zu machen. Gerade bei Erfahrungen von Gewalt ist das Nicht-Zeigen oft ebenso wichtig wie das Zeigen. Manche Momente gehören nicht vor die Kamera, andere lassen sich nicht in Bilder übersetzen. Diese Grenzen zu akzeptieren, war ein zentraler Teil der Arbeit.<BR /><BR /><b>Wo wolltet ihr mit diesem Projekt hin, und was wolltet ihr damit für euch selbst erreichen?</b><BR />Rier: Am Anfang stand kein konkretes Ziel. Der Film ist zunächst aus einer Beziehung und aus dem Wunsch heraus entstanden, füreinander da zu sein. Dass sich die Dreharbeiten dann über mehrere Jahre erstreckt haben, hatte genau damit zu tun: Wir wollten dem Prozess Raum geben, statt ihn zu formen. Für mich persönlich war der Film vor allem ein Lernprozess. Er hat mich dazu gebracht, mich intensiv mit Trauma und seinen langfristigen Auswirkungen, mit Resilienz, mit feministischen Perspektiven – und mit der Frage auseinanderzusetzen, welche Vorstellungen von Männlichkeit wir verinnerlicht haben und weitertragen. Der Film hat mir dabei keine eindeutigen Antworten geliefert. Vielmehr hat er meine Haltung immer wieder verschoben und infrage gestellt. In diesem Sinne war das Projekt weniger der Versuch, etwas zu erklären, als eine Erfahrung, die meinen Blick verändert hat.<BR /><BR /><b>Was bedeutet nun die Einladung zum Max Ophüls Preis für dich, und wie verortest du den Film im Wettbewerbsrahmen?</b><BR />Rier: Diese Einladung bedeutet mir sehr viel, auch weil die Teilnahme am Wettbewerb dem Film eine Sichtbarkeit und Anerkennung verleiht, die Theas Mut und ihre Haltung verdient. Dass der Film nun im Wettbewerb eines Festivals gezeigt wird, das sich explizit jungen filmischen Handschriften widmet, fühlt sich sehr stimmig an. Auch wenn dort Preise vergeben werden, treten wir nicht an, um etwas zu gewinnen, sondern um im richtigen Rahmen wahrgenommen und diskutiert zu werden. Ich verstehe den Wettbewerb deshalb eher als Möglichkeit, den Film in einen Dialog zu stellen – mit anderen Arbeiten und dem Publikum.<BR /><BR /><b>In welchem Kontext wünschst du dir, dass der Film gesehen wird?</b><BR />Rier: Ich wünsche mir, dass der Film in Kontexten gesehen wird, in denen Zeit und Aufmerksamkeit möglich sind. In Kinos und auf Festivals, aber auch in begleitenden Formaten wie Gesprächen oder Bildungszusammenhängen – dort, wo Raum ist, nicht sofort reagieren oder urteilen zu müssen. Der Film richtet sich nicht an ein bestimmtes Publikum. Er kann für Betroffene etwas anderes bedeuten als für Menschen, die bislang wenig Berührung mit dem Thema hatten. Wichtig ist mir vor allem, dass er als Ausgangspunkt für Austausch verstanden wird – für Zuhören, für Fragen, vielleicht auch für Unsicherheit. Ich wünsche mir keinen Kontext der Sensation oder der schnellen Einordnung, sondern einen der Offenheit. Einen Rahmen, in dem Nähe zugelassen wird und Fürsorge mitgedacht werden darf.<h3> Zur Person Felix Rier</h3>Fotografieren. Nach einer Ausbildung in Berlin zum Mediengestalter Bild/Ton, spezialisierte er sich an der ZeLIG – Schule für Dokumentarfilm in Bozen auf Kamera und Licht. Seit 2022 arbeitet er als freiberuflicher Kameramann und Tontechniker für Kinodokumentarfilme und interessiert sich besonders für Filme, die gesellschaftlich relevante Themen aufgreifen und eine starke visuelle Sprache haben. <h3> Film: „Despite the Scars“ (Auch wenn Narben bleiben)</h3><BR />Felix Rier zeichnet in seinem Film „Despite the Scars“ (Auch wenn Narben bleiben) ein tief berührendes Porträt, das <Fett>Thea Malfertheiner</Fett> auf ihrem Heilungsprozess begleitet. Die zurückhaltende, behutsame Bildsprache des Films bildet <?TrVer> einen bewussten Gegenpol zur grausamen Erfahrung, die Thea widerfahren ist. <BR /><BR />Die junge Tänzerin kämpft bzw. tanzt sich nach einer Gruppenvergewaltigung Schritt für Schritt in ihr Leben zurück. Ihre Choreografien sind dabei mehr als bloße Routinen – durch sie kann sie den Schmerz bearbeiten und verarbeiten.<BR /><BR />Mit der bedingungslosen Unterstützung ihres Partners Thiago und der liebevollen Nähe ihres Hundes Mandinga findet Thea einen geschützten Raum, um zu beginnen, ihre zerbrochene Welt wieder zusammenzusetzen. Die Geburt ihres Sohnes verändert zusätzlich ihre Beziehung zu ihrem Körper und zu sich selbst grundlegend.<BR /><BR />Felix Rier schafft es mit seinem zarten Blick durch die Kamera, Unausgesprochenes sichtbar zu machen – versteckt sich aber nicht hinter der Kamera und nimmt somit gleichzeitig die Rollen des Regisseurs und eines Freundes ein. <BR /><BR />„Despite the Scars“ macht die kollektive Verantwortung deutlich, die wir tragen, um Menschen zu unterstützen, die Traumata erlebt haben, und erinnert uns an die zentrale Bedeutung von Empathie, Würde und Liebe in Zeiten der Dunkelheit.