Agatha Christie hatte Miss Marple als feine Dame der oberen Mittelklasse angelegt und war daher zuerst nicht gerade glücklich, wie Margaret Rutherford die Hobbydetektivin verkörperte. Doch das sollte sich ändern. <BR /><BR />Margaret Rutherford ist eine der bekanntesten englischen Schauspielerinnen des vergangenen Jahrhunderts. Fragt man Filmfans, worauf dieser Ruhm gründet, hört man immer dieselbe Antwort: Weil sie Miss Marple ist. Und das, obwohl Rutherford in über 50 Filmen mitgespielt hat, eine überaus beschäftigte Theaterdarstellerin war und 1963 sogar einen Golden Globe und einen Oscar als beste Nebendarstellerin für ihre Rolle in „Hotel International“ erhielt. <BR /><BR />Margaret Rutherfords Familiengeschichte war durchwoben von Tragöden und Schicksalsschlägen. Bereits 10 Jahre vor ihrer Geburt erschlug ihr unter schweren Depressionen leidender Vater William Rutherford Benn ihren Großvater mit einem Nachttopf. William entging der Todesstrafe nur durch die Einweisung in ein Hospital für geisteskranke Kriminelle. Nach 7 Jahren wurde er in die Obhut seiner Ehefrau Florence gegeben.<h3> Schwerer Schicksalsschlag</h3> 1892 wurde Margaret geboren, und die Familie wanderte nach Indien aus, wo der Vater als Geschäftsmann und Journalist tätig war. In Indien ereilte die Familie ein schwerer Schicksalsschlag: Die Mutter starb. Der labile Vater brachte die 3-jährige Margaret nach England zu ihrer Tante Bessie und führte fortan ein rastloses Leben. 1904 landete er abermals in einer psychiatrischen Anstalt. Bis zu ihrem Lebensende trug Margaret die Furcht mit sich, ähnlich instabil und psychisch krank zu werden wie ihre Eltern.<BR /><BR />Während der Highschool-Zeit in London entdeckte das Mädchen die Liebe zur Schauspielerei. Margaret Rutherford erwarb aber zunächst ein Diplom als Klavierlehrerin und anschließend eines in Sprecherziehung an der Royal Academy of Music. Der gesundheitliche Zustand von Tante Bessie verschlechterte sich während des Ersten Weltkrieges zusehends, und die Nichte übernahm ihre Pflege. Dadurch kam jedoch die persönlich so erhoffte künstlerische Entwicklung völlig zum Stillstand. Für eigene Träume blieb kein Raum. Bei Wind und Wetter radelte die junge Frau zu ihren Schülern, um ihnen Unterricht zu erteilen, in der restlichen Zeit pflegte sie die Tante.<h3> Eine Spätzünderin</h3>Diese erlebte Glanz und Gloria ihrer Nichte nicht mehr. Sie starb 1925 und hinterließ ihr neben einigen 100 Pfund Bargeld auch das Häuschen, so dass Margaret nun ihr Lebensziel – die Schauspielerei – endlich in Angriff nehmen konnte. So ist es in der Biografie „Die haben ihre Methoden – wir die unseren, Mr. Stringer!“ von Klaus Roedder nachzulesen. <BR /><BR />Rutherford war eine Spätzünderin: Mit 33 bekam sie ihre erste kleine Rolle, mit 37 schaffte sie es ins Ensemble eines Kleinstadttheaters. Noch mit 40 musste sie strampeln. Für die jugendliche Liebhaberin kam sie nicht in Frage. Aber eine Gouvernante verkörperte sie in Perfektion.<BR /><BR /> Mit der Rolle der Miss Prism in Oscar Wildes „Bunbury“ wurde Margaret Rutherford, nunmehr 47 Jahre alt, endgültig entdeckt. Der Theaterkritiker Kenneth Tynan notiert einst zu ihr: „Das Einzigartige an Margaret Rutherford ist, dass sie allein mit ihrem Kinn schauspielern kann.“ Ihre Karriere beschrieb sie einmal mit den knappen Worten: „Mein Erfolg kam spät, aber – wenn ich so sagen darf – in recht sensationeller Art.“<BR /><BR />Drehen wir die Zeit aber noch einmal ein paar Jahrzehnte zurück. Ihr Filmdebüt gab Rutherford 1936. Sie kletterte langsam, sehr langsam die Karriereleiter hoch. Als sie Anfang der 1960er Jahre für die Rolle der Miss Marple in „16 Uhr 50 ab Paddington“ engagiert wurde, hatte sie bereits einen hervorragenden Ruf als Filmschauspielerin. Rutherford machte die Rolle der Miss Marple zu der ihren. Sehr zum Leidwesen von deren Schöpferin Agatha Christie, die Miss Marple als feine Dame der oberen Mittelklasse angelegt hatte. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="771128_image" /></div> <BR />Für die Rolle der Hobbydetektivin konnte niemand ungeeigneter sein als Margaret Rutherford, die frech, besserwisserisch, enthusiastisch, mit vollem Körpereinsatz und von imposanter Statur durch den Film polterte. Schlussendlich wurden die beiden großen Frauen aber Freundinnen, und die Krimiautorin widmete der Schauspielerin den Roman „Mord im Spiegel“. <BR /><BR />Bis 1965 folgten 3 weitere Miss-Marple-Filme – „Der Wachsblumenstrauß“, „Vier Frauen und ein Mord“ und „Mörder Ahoi“ – sowie ein Kurzauftritt in „Die Morde des Herrn ABC“. Diese Filme zementieren Rutherfords Starstatus bis heute.<BR /><BR />Ihre letzten Jahre verschattete die Alzheimer-Krankheit. Halt gab ihr Stringer Davis, der Mann, den sie 1945 geheiratet hatte, und der – im Film – auch Miss Marple beisteht.<BR /><BR /><b>Hinweis:</b> Zum 50. Todestag zeigt ORF 2 heute Sonntag die Doku „Die wahre Miss Marple – Der kuriose Fall Margaret Rutherford“, die die skurrile Biografie der Schauspielerin erzählt, die noch spannender ist als jeder Agatha-Christie-Roman. <BR />