<b>Von Ida Walder</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1265631_image" /></div> <BR /><BR /><b>Gab es einen konkreten Moment oder Auslöser in Ihrem Leben, an dem für Sie klar wurde, dass dieser Text gerade heute verfilmt werden muss?</b><BR />Alexander van Dülmen: Es gab keinen konkreten aktuellen Anlass. 2021 und 2022 habe ich autobiografische Aufzeichnungen gemacht und dabei wieder <Kursiv>„Die Ermittlung“</Kursiv> von Peter Weiss zur Hand genommen, ein Buch, das mich schon in den 1980er-Jahren stark bewegt hat. Damals war ich zum ersten Mal in Auschwitz-Birkenau und habe noch viele Überlebende persönlich kennengelernt. Beim erneuten Lesen war ich wieder tief ergriffen – von der Stärke des Textes und von der Kraft der Bilder. Daraus entstand relativ spontan die Idee, einen Film zu machen. Kurz darauf sah ich eine Verfilmung der Protokolle der Wannsee-Konferenz, die mich sehr geärgert hat. Nicht, weil sie schlecht gemacht war, sondern weil sich erneut alles auf die Täter konzentrierte. Wenn dort der Holocaust beschlossen wird, bleibt oft abstrakt, was das konkret bedeutet. In solchen Filmen fallen dann Sätze wie <Kursiv>„harte Arbeit“,</Kursiv> ohne dass wirklich vermittelt wird, was Auschwitz, was Vergasung und Vernichtung tatsächlich waren. Der Text macht das dagegen auf eindringliche Weise deutlich. So ist der Film entstanden. Dass er nun zeitlich mit dem 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im vergangenen Jahr zusammenfiel, war ehrlich gesagt Zufall. Der Film arbeitet – wie auch das Stück – mit Originalaussagen aus den Auschwitz-Prozessen.<BR /><BR /><BR /><b>Wo endet da die dokumentarische Genauigkeit – und wo beginnt die filmische Verantwortung?</b><BR />Van Dülmen: Im Vorfeld des Films habe ich mich mit dem Regisseur RP Kahl und mit Prof. Andrea Löw vom Institut für Zeitgeschichte getroffen, um diese Fragen zu diskutieren: Welche Zitate aus den Protokollen des Auschwitz-Prozesses können unverändert verwendet werden? Wir haben dann entschieden, den Text nicht zu verändern. Wir haben ihn zu hundert Prozent übernommen. <BR /><BR />Prof. Löw wies uns zudem darauf hin, dass es sich um einen fiktionalen Text handelt: Das, was Peter Weiß im Theaterstück geschrieben hat, ist Fiktion, auch wenn etwa 98 Prozent der Worte direkt aus den Auschwitz-Protokollen stammen. Die Frage nach Veränderungen stellte sich dadurch gar nicht mehr; wir berufen uns auf Peter Weiß. Man kann nachlesen, wie er den Text erstellt hat, und ich halte ihn für absolut authentisch. Gleichzeitig bleibt es ein literarischer Text – fast wie eine Versform. Gerade im Vortrag enthält er eine sehr starke lyrische Qualität, die ihn von einem reinen Protokollnachlesen unterscheidet. Deshalb hat der Film keinen dokumentarischen Charakter im engeren Sinne, auch wenn er sehr präzise vermittelt, was Auschwitz tatsächlich war.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1265634_image" /></div> <BR /><BR /><b>Der Film dauert über vier Stunden – eine bewusste „Zumutung“. War diese Länge von Anfang an als ästhetisches Konzept gedacht oder ergab sie sich aus ethischer Notwendigkeit?</b><BR />Van Dülmen: Der Text ist so lang. Dass es genau vier Stunden werden würden, war nie von vornherein klar. Der Film ist in elf Gesänge gegliedert, was ihm auch die Möglichkeit gibt, wie eine Serie gesehen zu werden. In den Mediatheken wird er größtenteils so angeboten, sodass man Unterbrechungen einlegen kann. Das Wort „Zumutung“ prägte auch Schauspieler Karl Markovics, der im Film mitwirkt, nach einer Vorstellung in einem Wiener Kino. Wir hatten den Film einmal zusammen mit einer Holocaust-Zweiten-Generation-Überlebenden gesehen – ihre Reaktion war sehr bewegend: „Zumutung“ – aber in einem positiven Sinn. Es geht nicht darum, sich etwas einfach über sich ergehen zu lassen, sondern den Mut aufzubringen, sich den Film anzusehen und die vier Stunden wirken zu lassen. Unsere Erfahrungen der letzten anderthalb Jahre zeigen, dass die Länge kaum abschreckt. <BR /><BR /><BR /><b>Der Theatertext ist reduziert gehalten. Was kann der Film leisten, was das Theater nicht kann – und wo stößt das Medium an seine Grenzen?</b><BR />Van Dülmen: Der Film unterscheidet sich grundlegend vom Theater. Im Kino kann man zum Beispiel die Reaktionen der Schauspielerinnen und Schauspieler viel intensiver im Gesicht lesen – etwas, das im Theater nie so möglich wäre. Die Intimität, die durch direkte Konfrontation, Emotionen und bestimmte eingefrorene Momente entsteht, lässt sich nur im Film umsetzen, besonders mit der Dynamik von acht Kameras. Auch wenn der Film zunächst wie eine Bühne wirkt – das Szenenbild stammt von einer Theaterbühnenbildnerin –, ermöglichen Details wie präzise Kostümauswahl, Nahaufnahmen oder leise gesprochene Worte eine andere Intensität. Die Schauspielerinnen und Schauspieler haben jeden Gesang durchgespielt, ohne zu wissen, wo genau die Kameras sind, und dadurch intensiver miteinander agiert, als es im Theater möglich wäre, wo man immer auch in Richtung Publikum spielen muss. Akustisch erlaubt der Film extreme Spannweiten: von fast verstummten Sätzen bis zu lauten Ausbrüchen. Und die präzisen Beschreibungen von Folterkammern, Mauern, Orten lassen den Schauplatz lebendig werden.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1265637_image" /></div> <BR /><b>Im Film werden die Angeklagten beim Namen genannt, während die Zeugen nur Nummern sind. Welche Wirkung hat diese Entscheidung auf das Publikum – und was sagt sie über die Positionierung des Films zu Täter und Zeugenschaft?</b><BR />Van Dülmen: Peter Weiß trifft damit im Theaterstück eine deutliche Position: Die Angeklagten sind die Identifizierten, die Zeugen bleiben Zeugen. Für uns ist nicht so wichtig, wer genau welcher Zeuge ist – entscheidend ist ihr Zeugnis. Das Publikum reagiert auf die Angeklagten emotional stärker als auf die schrecklichen Aussagen der Zeugen. Damit habe ich vorher nicht gerechnet: Es gab Wut, manchmal höhnisches Lachen, wenn ein Angeklagter wieder lügt oder behauptet, er könne sich nicht erinnern. Hier zeigt der Film eine bemerkenswerte Aktualität. Es erinnert an heutige Phänomene, in denen Menschen ungestraft Lügen verbreiten, sei es in Politik oder anderswo. Im Prozess selbst ist das besonders schrecklich: Die Überlebenden hatten den Mut, nach Frankfurt zu reisen und ihre Zeugenaussagen zu machen, die Qualen noch einmal durchzuleben und dabei sachlich zu bleiben – nur um dann von den Angeklagten verhöhnt zu werden.<BR /><BR /><BR /><b>Gab es während der Arbeit am Film Momente, die Sie besonders belastet haben – obwohl Sie wussten, was auf Sie zukommt?</b><BR />Van Dülmen: Die Frage wird mir oft gestellt, und ich muss jedes Mal neu darüber nachdenken. Einen Moment, in dem ich seelisch zusammengebrochen wäre, gab es nicht. Durch die lange Beschäftigung mit dem Text entwickelt man eine gewisse Routine – fast wie ein Arzt, der täglich chirurgische Eingriffe durchführt. Was mich aber überrascht hat, waren drei Dinge. Erstens: immer wieder neue Textstellen, die mich tief getroffen haben, obwohl sie beim ersten Lesen nicht im Vordergrund standen – etwa kleine Details aus dem Lageralltag. Solche Details wirken zunächst unscheinbar, sind aber Ausdruck der Realität. Zweitens: die unglaubliche Qualität der Schauspielerarbeit. Besonders die osteuropäischen, die nicht perfekt Deutsch sprechen, haben durch ihren Klang und Dialekt zusätzliche Glaubwürdigkeit und Tiefe erzeugt. Das war jedes Mal beeindruckend. Und drittens: Nach dem allerletzten Drehtag fühlte ich mich emotional bewegt, als hätte sich ein Kreis geschlossen. Ich erinnerte mich daran, wie mein Vater mir 1987 das Buch auf den Schreibtisch gelegt hatte, wie ich später in Auschwitz war und Anfang der 90er einen Dokumentarfilm über Überlebende machen wollte – was mir damals niemand zugetraut hätte. Jetzt hatte ich „Die Ermittlung“ verfilmt, und dieses Gefühl der Vollendung war bei der Premiere erneut stark spürbar. Es war emotional, aber auch befriedigend, dieses Mammutwerk auf eine spannende, künstlerische Weise auf die Leinwand gebracht zu haben.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1265640_image" /></div> <BR /><BR /><b>Welche Unterschiede haben Sie bei den Reaktionen des Publikums festgestellt?</b><BR />Van Dülmen: Der größte Unterschied entsteht, wenn man weiß, dass Holocaust-Überlebende aus der ersten, zweiten oder dritten Generation im Publikum sitzen. Besonders bewegend waren die Vorstellungen in Tel Aviv und Jerusalem vor genau einem Jahr. Dort trifft der Film auf Menschen, deren Großeltern oder Urgroßeltern Opfer waren – ein völlig anderes Publikum als in Deutschland, Österreich oder Südtirol, wo er oft vor einem „Täterpublikum“ gezeigt wird, also vor Menschen aus den Nachfolgegenerationen der Schuldigen. Bei der ersten Aufführung in Budapest, arrangiert durch einen jüdischen Filmclub, saßen fast ausschließlich jüdische Mitbürger im Saal – mit ganz anderen Reaktionen. Auch das Alter des Publikums spielt eine Rolle: Aufführungen mit Menschen ab 60 unterscheiden sich deutlich von solchen mit Schulklassen. Ich muss sagen, die Arbeit mit Schulklassen hat mir unglaublich viel Spaß gemacht – und es funktioniert, wenn sie denn kommen, was nicht immer leicht ist. Aber wenn sie da sind, ist es bemerkenswert.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1265643_image" /></div> <h3> Zur Person Alexander van Dülmen</h3>Geboren 1968 in München, lebt und arbeitet er in Berlin. Er ist Filmproduzent mit über 25 Jahren Branchenerfahrung. Bekannt für internationale Ko-Produktionen wie „Cloud Atlas“ (2012) und „Die Getriebenen“ (2020), leitet er seit 2013 A-Company Film Licensing International und ist auch im Film-Verleih tätig. 2024 war er Initiator und Produzent der Verfilmung von Peter Weiss’ Theaterstück „Die Ermittlung“. In Zusammenarbeit mit seiner Produktionsfirma Film&Mischwaren konzipierte er das Projekt als Beitrag zur Erinnerungskultur und engagierte RP Kahl für die Regie.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1265646_image" /></div> <h3> Blick ins Kino: „Die Ermittlung“ von Rolf Peter Kahl</h3><BR />Der 27. Jänner ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. In „Die Ermittlung“ werden die von Peter Weiss als Theaterstück (1965 uraufgeführt) inszenierten Frankfurter Auschwitz-Prozesse filmisch verarbeitet. Zeugen berichten von ihren Erfahrungen im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Der Film ist – wie auch das Theaterstück – in sogenannte Gesänge gegliedert. Die Gesänge folgen keiner literarischen Form, sondern der Struktur der Aufführung. Insgesamt sind es elf Gesänge, von denen jeder einem anderen Aspekt des Lageralltags gewidmet ist.<BR /><BR /><BR />Das Bühnenbild ist bewusst schlicht gehalten und gleicht dem einer Theaterbühne: ein großes, offenes Studio, in dessen Mitte der Richter sitzt, rechts davon der Staatsanwalt, ihm gegenüber der Verteidiger. Hinter ihm versammelt sich eine Gruppe von Angeklagten. In Braun- und Grautönen sitzen sie in gestuften Sitzreihen hintereinander. Jeder Einzelne ist dem Gerichtssaal ausgeliefert – niemand kann sich mehr hinter einem anderen verstecken. Diese Zeit ist vorbei. Einige versuchen, sich mit Sonnenbrillen den Blicken und der Strafe zu entziehen, andere blicken starr und aufrecht nach vorne, fest davon überzeugt, nichts falsch gemacht zu haben.<BR /><BR /><BR />Die Zeugen treten oft in kleinen Gruppen von zwei oder drei Personen auf und berichten – manche emotionsloser, andere sichtlich bewegt – von der Hölle Auschwitz-Birkenau. Entlang der elf Gesänge tastet sich das Gericht gemeinsam mit der Anklage durch die Vergehen der Angeklagten.<BR /><BR /><BR />Rolf Peter Kahl, der Regisseur, verzichtet dabei bewusst auf filmische Kommentare oder erklärende Ausschweifungen. Lediglich skizzierte Grundrisspläne eröffnen jeden Gesang. Die filmische Gestaltung verstärkt die Strenge und Konzentration der Inszenierung. Durch die Reduktion auf den Gerichtssaal und den konsequenten Verzicht auf historische Rückblenden bleibt der Fokus ganz auf dem Gesagten und den Gesichtern der Beteiligten. Die Kamera arbeitet ruhig und präzise, wechselt zwischen Totalen des Raums und langen, beinahe unbequemen Nahaufnahmen. Gerade diese Nähe erzeugt eine besondere Intensität: Jede Regung, jedes Zögern, jede emotionale Erstarrung wird sichtbar. Die Inszenierung zwingt das Publikum dazu, auszuharren und zuzuhören. Zeit wird nicht verdichtet oder beschleunigt, sondern bewusst ausgestellt. Dadurch entsteht eine filmische Form, die weniger erzählt als bezeugt – und die dem historischen Material mit größtmöglicher Zurückhaltung begegnet.<BR /><BR /><BR /><b>Termin Tag der Erinnerung:</b><BR /> Am 27. Jänner um 17.30 Uhr sind der Produzent Alexander van Dülmen sowie der Darsteller, Wilfried Hochholdinger, bei der Vorstellung im Filmclub Bozen anwesend.<BR /><BR /><BR />Am 28. Jänner um 18 Uhr ist „Nazisti in fuga, la via dei ratti“ von Paolo Tessadri und Marco Benvenuti (2025) im Filmclub zu sehen mit Diskussion im Anschluss.