Ist sie wirklich die sorgende, aufopferungsvolle Familienmutter, die sie so perfekt zu verkörpern scheint? Sehnt sie sich nicht vielmehr nach einem anderen Leben? Ihrem um einiges älteren Ehemann, dem erfolgreichen Verleger Herb, liest die knapp 50- Jährige zwar jeden Wunsch von den Lippen ab. Doch Pippas allzu makellose Fassade bröckelt, als sie plötzlich schlafzuwandeln beginnt. Mit „Pippa Lee“ hat Regisseurin Rebecca Miller - die Tochter des Schriftstellers Arthur Miller - ihren gleichnamigen Bestseller-Roman für die Leinwand adaptiert.Ihr Film fährt dabei mit der starken Robin Wright („Forrest Gump“) als Pippa Lee in seiner Mitte einige große Namen auf: Maria Bello („A History Of Violence“) gibt die etwas zu hysterisch geratene Mutter Pippas, Winona Ryder darf in der sicher bizarrsten Rolle des Films etwas von ihrem großen Talent zeigen, auch Julianne Moore ist in einer kleineren Rolle zu sehen. Schließlich ist da noch Keanu Reeves („Matrix“) als enigmatischer Nachbarssohn, der sich trotz seines Alters nicht recht eingerichtet hat im Leben.Rührend kümmert sich Pippa zunächst um Herb (überzeugend: der wunderbare Alan Arkin), der bereits mehrere Herzinfarkte hinter sich hat. Dennoch ist die Beziehung der beiden geprägt von einer seltsamen Distanz. Mal wirken sie wie Tochter und Vater, mal behandelt Herb sie wie seine Untergebene. Als Pippa schließlich erfährt, dass ihr Mann obendrein eine Affäre mit der weit jüngeren Sandra (Ryder) hat, kommt dies einer Befreiung gleich: Jetzt endlich kann sie einmal tun, wonach ihr der Sinn steht, was sie wirklich möchte. Hatte Pippa sich doch zuvor gleichsam aufgerieben zwischen Helfersyndrom, falscher Bescheidenheit und einem mangelnden Selbstbewusstsein.Bemerkenswert, wie Wright die innere Zerrissenheit Pippas verkörpert, wie sie ihre Mimik zwischen Verhärmung und jugendlicher Vitalität changieren lässt. Reeves Leistung kann da nicht ganz mithalten, er versteht es jedoch, seiner Figur die nötige Weltentrücktheit zu verleihen. Als Zuschauer indes wünscht man Pippa ein wenig mehr als die ihr von Regisseurin Miller zugestandene Entwicklung: Hie und da verliert sich der Film stattdessen in Rückblenden und Erinnerungen an Pippas Kindheit und Jugend - so virtuos diese auch montiert und mit der Handlungsgegenwart verflochten sind. Was bleibt, ist ein leicht diffuses, teils skurriles Drama, das bei all seinen Schwächen vor allem von seinem starken Darsteller-Ensemble zehrt.dpa