Von „Nomadland“ bis „Mank“, von „Tenet “ bis „Ma rainy Black Bottom“ zu den Kurzfilmen, Marian Wilhelm hat sie alle schon gesehen, die Oscarfilme 2021.<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>NOMADLAND</b><BR /><BR />Die nun dreifache Oscar-Gewinnerin <b>Frances McDormand</b> beweist darin nicht nur ungeheures Feingefühl vor der Kamera. Sie hat die Sachbuch-Verfilmung auch produziert und die junge Regisseurin <b>Chloé Zhao</b> mit an Bord geholt. Der Film ist ein außerordentlich kraftvoller Abgesang auf den amerikanischen Traum. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="637103_image" /></div> <BR /><BR />Hauptfigur Fern ist nach dem Tod ihres Mannes zur Nomadin geworden. Die Bergarbeiter-Siedlung, in der sie lebten, gibt es nach der großen Wirtschaftskrise von 2008 nicht mehr. Fern schlägt sich mit Kurzzeit-Jobs durch, etwa in einer Amazon-Fabrik in der Weihnachtszeit. Dort lernt sie andere Wirtschafts-Nomaden im Pensionsalter kennen, die ihr Leben auf die Straße verlagert haben. <BR /><BR />Im Film wird Fern mit den amerikanischen Planwagen-Pionieren verglichen. Doch in ihrer Gegenwart ist alle Utopie verloren, und es gibt kein gelobtes Land im Westen, das es zu erobern gilt. Nur die Begegnungen auf ihrer Reise und die Natur abseits der Straße mit Mammutbäumen, Flüssen und den felsigen Badlands gibt Ferns episodischer Geschichte immer wieder eine zärtliche Stimmung.<BR /><BR />„Nomadland“ ist ein zutiefst amerikanischer Film einer Regisseurin, die in China geboren ist und ihre Ausbildung in den USA erhielt. Das erstaunlichste an diesem US-Film ist ihre Arbeit mit Laiendarstellern, die McDormands Figur trifft. Sie geben dem Film eine authentische Intensität. Würdevoll und tieftraurig zeigt „Nomadland“ ein Amerika, das seine beste Zeit hinter sich hat. Von Filmemacherin Chloé Zhao dagegen darf man noch viel erwarten.<BR /><BR /><BR /><b>MANK</b><BR /><BR />He's a mensch!“ Das sagt Regisseur <b>David Fincher</b> über den Helden seines Films „Mank“. Im Interview mit Ben Mankiewicz zeigt er sich fasziniert von dessen berühmtem Drehbuchautoren-Großvater Herman „Mank“ Mankiewicz, „diesem Typ, der mit seiner großen Fähigkeit und persönlichen Problemen ringt und seinen Stein den Berg hinaufrollt.“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="637106_image" /></div> <BR />Doch „Mank“ ist kein gewöhnliches BioPic. Es ist auch kein Psychogramm dieses Autors. Vielmehr widmet sich Fincher darin dem Schreibprozess des legendärsten Films des klassischen Hollywoods, „Citizen Kane“. Fast 80 Jahre nach dessen Premiere fügt er den Legenden rund um dessen Entstehen ein neues Kapitel hinzu. Erklärt wird dabei wenig.<BR /><BR /> Wer die Referenzen an die Geschichte Hollywoods erkennt, hat deutlich mehr von „Mank“. Fincher vollendet damit zugleich eine eigene Familiengeschichte, stammt das Drehbuch zu „Mank“ doch von seinem Journalisten-Vater Jack Fincher. Der hatte sich darin bis zu seinem Tod 2003 dem Streit zwischen Herman Mankiewicz und Regisseur Orson Welles um die oscarprämierte Autorschaft des Drehbuchs gewidmet. Wie könnte es anders sein, schlug er sich dabei auf die Seite des Autors. Dabei holte er sich Inspiration bei der berühmten Filmkritikerin Pauline Kael und ihrem Essay „Raising Kane“. Die hatte schon in den 70ern die filmhistorisch nicht gänzlich haltbare These vertreten, dass Herman Mankiewicz das alleinige Genie hinter dem Drehbuch gewesen sein. Ihr immens aufschlussreicher Ausflug in die Goldene Zeit Hollywoods, kurz nach dem Aufkommen des Tonfilms, enthält u.a. eine wichtige Botschaft: Autoren und Autorinnen werden damals wie heute viel zu wenig wertgeschätzt – eine unter Cinephilen und Regisseuren immer noch gültige Botschaft, auch hierzulande. Der singuläre Studio-Autorenfilm Citizen Kane rangiert seit seinem neuerlichen Erscheinen in den 50er Jahren ganz oben in den Bestenlisten. Mindestens jedoch ist es der innovativste amerikanische Film, dessen Einfluss noch in David Finchers eigenen Filmen spürbar ist. Wunderkind Orson Welles verwehrte sich gegen den Titel als bester Film aller Zeiten für sein Debüt: „No, certainly not. Ich würde alles daran ändern.“ <BR /><BR />„Citizen Kane“ ist eben auch der Mythos des Scheiterns: Seines Protagonisten Kane. Dessen realer Vorlage William Randolph Hearst, dem politisch brandaktuellen Populisten, der die wenig schmeichelhafte Referenz mit allen Mitteln verhindert wollte. Und von Herman Mankiewicz selbst, der dafür seinen einzigen Oscar bekam. <BR /><BR />Gary Oldman hat nun in „Mank“ sichtlich Spaß an dieser Titelrolle als dauer-betrunkener Autor. Der Film ist eine unterhaltsame, einigermaßen geradlinige Hommage auf allen Ebenen, nostalgisch bis hin zu sanftem Schwarz-Weiß-Bild, Mono-Ton und Musik. Aber ohne das großartige, selbstverliebte Nachstellen von „Lalaland“ oder Tarantino. Der düstere Perfektionist Fincher, als Regisseur so anders als die wilden Genies Mank und Welles, hat mit seinem Film 2 Oscars ergattert – mit einem Blick zurück in die Blütezeit Hollywoods, <BR /> (Derzeit auf Netflix und in den Kinos in Italien)<BR /><BR /><BR /><b>TENET</b><BR /><BR /><b>Christopher Nolans</b> bombastisch-wuchtiger „Tenet“ nun hat einen Oscar für Visuelle Effekte erhalten. Die globale Weltrettungsgeschichte mit SciFi-Elementen dieses analog gedrehten Films passt inhaltlich wie die Faust aufs Auge, in einem Jahr, in dem eine Zeitreise vor oder zurück der einzige Ausweg zu sein scheint. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="637109_image" /></div> <BR /><BR />Nicht nur Corona, auch die neue Bürgerrechtsbewegung in Amerika ließe sich am afroamerikanischen Hauptdarsteller anknüpfen. Während schon lange darüber diskutiert wird, ob der nächste James Bond Darsteller vielleicht kein Weißer mehr sein könnte, erfindet der Brite Christopher Nolan nämlich kurzerhand seinen afro-amerikanischen Super-Geheimagenten. <BR /><BR />So wie ihn der Film und Hauptdarsteller <b>John David Washington</b> („BlacKkKlansman“) zeichnen, ist der Protagonist von „Tenet“, auch ohne britischem Akzent, eine Art James Bond Figur. Elegant-cool, äußerst risikofreudig und in jedem Moment allzu selbstsicher. Mehrmals besteht er explizit darauf, der Protagonist dieser Geschichte zu sein, in einem „eiskalten Krieg“. Namen und Cocktail-Präferenzen hat er allerdings keine. Dafür muss er sich von Sir Michael Crosby (S<b>ir Michael Caine</b>) vom britischen Geheimdienst über seinen minderwertigen Maßanzug belehren lassen. Seine Weltrettungsabenteuer samt bombastischen Verfolgungsjagd-Stunts führen ihn auf eine Sightseeing-Tour um die ganze Welt, vom Kiewer Opernhaus über Estland, Italien, Indien und Russland. <BR /><BR />Für eine bombastische globale Geschichte hat der Film auch ein recht überschaubares Personal, namenlose Fußsoldaten ausgenommen. Superbösewicht Andrei Sator (<b>Kenneth Branagh</b>) ist ein typischer post-sowjetischer Oligarch mit Yacht und einer der MeToo-Ära angemessenen toxisch-brutalen Männlichkeit. Seine Frau Kat (<b>Elizabeth Debicki</b>) dagegen wird als etwas anachronistische Mutterfigur zum Schlüssel innerhalb der Männer-Action. Als Sidekick Neil glänzt <b>Robert Pattinson</b>.<BR /><BR />Doch weil der Weltuntergangsplan des Bösewichts diesmal mit einer Art Zeitmaschine zu tun hat, befinden wir uns zugleich auch in einem ScienceFiction-Film. Doch diesmal kommt die Zukunft sozusagen in die Gegenwart und nicht umgekehrt. Keine weit entfernten Weltraumwelten wie in „Interstellar“, eher ein Knobelrätsel wie „Inception“, als dessen Gegenstück „Tenet“ beworben wird. Willkommen im kognitiven Labyrinth von Drehbuchautor Christopher Nolan, das er seit seinem Durchbruch in „Memento“ (2000) in immer neuen Varianten zelebriert, wenn er nicht gerade das Batman Franchise (2005/2008/ 2012) neu erfindet oder die historische Schlacht von „Dunkirk“ (2017) bildgewaltig in Szene setzt. <BR /><BR />Mind-bending und mind-blowing nennt sich das im Englischen. Eine Inhaltsangabe ist ebenso schwierig wie gefährlich und jenseits des Erzählkinos auch sinnlos. Angesichts absichtlich unverständlicher Dialoge stellt sich zudem die Frage, ob Nolan seinen verknoteten Plot nicht bewusst mit viel Gerede vernebelt. Hier wird „Tenet“ bisweilen unnötig überkomplex. Dabei ist es seine zentrale Idee im Grunde gar nicht. Das Rätsel um das die eben gerade nicht-lineare Geschichte spiralförmig kreist, wird recht bald im Film von einer Wissenschaftlerin im weißen Kittel (Clémence Poésy) erklärt. Dazu nur soviel: Objekte und Menschen lassen sich zeitlich invertieren, funktionieren quasi rückwärts in der bekannten Vorwärts-Raumzeit, wie eine Kugel, die in ihre Pistole zurückschießt. Das ist weniger ein Quanten- oder sonstwie-physikalisches Konzept, als ein genuin kinematografisches.<BR /><BR /> Nolan setzt also nicht erst beim Schnitt an, wie im durcheinander-gewürfelten Selbstfindungs-Thriller „Memento“. Er geht zur Laufrichtung des filmischen Bildes selbst zurück, mit dem schon Filmpioniere wie George Méliès ihre Special Effects zu zentralen Attraktionen machten. Auch Nolan arbeitete überraschenderweise überwiegend mit nicht-digitalen Effekten in der Kamera selbst. Das „Cinema of Attraction’ findet hier auf die große Leinwand zurück und macht die Erzählung selbst zu ihrem Werkzeug für das Staunen, und zwar auf viel ehrlichere und direktere Weise als so mancher herkömmliche Blockbuster-Film.<BR /><BR />Das passt, ist doch Christopher Nolan der vielleicht vehementeste Verfechter analoger Filmkultur und Kinokultur. Er hat auch „Tenet“ wieder auf 70mm-Filmmaterial gedreht. Überhaupt ist der von Star-Kameramann <b>Hoyte Van Hoytema</b> gedrehte Film reich an dreckiger Textur. Keine Spur von futuristischem Hochglanz. Zuweilen wirkt das Setdesign trotz vieler pittoresker Außen-Sequenzen aber auch etwas zu gewöhnlich. Der Showdown ist in der grauen Schotterruine einer verlassenen Stadt angesiedelt. Der Schnitt von Jennifer Lame ist dagegen angenehm temporeich und trotz Plot-Rätsel nie verwirrend.<BR /><BR />„Tenet“ ist ein wuchtiger Action-Film, der sich erwartungsgemäß etwas zu ernst nimmt. Das Versprechen, das im Palindrom des Titels liegt, löst er jedoch in eindrucksvollen Szenen ein. Nur an der Oberfläche kopflastig, liefert er in Wahrheit eine Kino-Baucherfahrung. Und vielleicht ist es genau das, was das Kino im Gegensatz zum kleinen Bildschirm zu Hause bieten kann: immersives Staunen.<BR /><BR /><BR /><b>MA RAINY BLACK BOTTOM</b><BR /><BR />Baseballstar, Funksänger, Menschenrechtsanwalt, Vietnamkriegs-Soldat und Superheld – <b>Chadwick Boseman</b> schlüpfte in seiner kurzen Karriere in überaus unterschiedliche Rollen. Der Schauspieler starb Ende August 2020 43-jährig für die Öffentlichkeit überraschend an einer Darmkrebs-Erkrankung. In seinem letzten Film „Ma Rainey’s Black Bottom“ ist er als ambitionierter junger Blues-Musiker im Jahr 1927 zu sehen – ein starker Auftritt samt zweier intensiver Monologe in der Verfilmung des gleichnamigen Bühnenstücks.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="637112_image" /></div> <BR />Die Dreharbeiten zu diesem kleinen Kammerspiel-Drama fanden im Juli-August 2019 statt. Rückblickend ist Boseman Krankheit und Chemotherapie bereits anzusehen. Mit eingefallenen Wangen verkörpert er den Kornett-Spieler Levee, der mit dem Rest der Band für eine Aufnahme-Session im sommerlich-heißen Chicago ist. Die Star-Sängerin der Truppe ist die selbstbewusste Gertrude „Ma’ Rainey, Mother of the Blues“ (Oscar-Preisträgerin <b>Viola Davis</b>). Theaterhaft-kompakt spielt auch die Filmversion im Zeitraum der Session im Studio zweier weißer Produzenten. <BR /><BR />Levee komponiert eigene Songs und Arrangements und möchte gern selbst als Bandleader Platten aufnehmen. Über die Perspektive der bedeutenden Bluesmusik greift „Ma Rainey's Black Bottom“ die rassistische Ära der großen afro-amerikanischen Migration auf, als Teil eines Zyklus über afroamerikanische Geschichte des Autors August Wilson. Produziert von <b>Denzel Washington</b>, der bereits dessen Stück „Fences“ auf die Leinwand brachte, inszeniert nun Regisseur <b>George C. Wolfe</b> einen ebenso energie-geladenen wie musikalischen Ensemblefilm. <BR /><BR /> Washington steht somit tragischerweise auch am Ende von Chadwick Bosemans Karriere, dem er als jungem Theater-Studenten einst die Reise zu einem Workshop in Oxford finanzierte. Auf der Leinwand porträtierte Boseman in kurzer Folge gleich mehrere historische Figuren: Baseball-Legende Jackie Robinson („42“), „Mr. Dynamite’ James Brown („Get on Up“) und den ersten afroamerikanischen Höchstrichter Thurgood Marshall („Marshall“), sowie Soldat Stormin' Norman in Spike Lees „Da 5 Bloods“. Als T’Challa alias Black Panther im Marvel Blockbuster Universum durchbrach Boseman dann überaus erfolgreich die rassistischen Barrieren Hollywoods. Seine Action-Auftritte als Avenger – drei davon im Wissen um seine Krebserkrankung gespielt! – knüpfen dabei popkulturell direkt an die neue afro-amerikanische Bürgerrechtsbewegung an. Der Disney-Konzern beweist nun sogar Feingefühl und besetzt seine Figur in der für 2022 geplanten Fortsetzung von „Black Panther“ nicht nach. So charismatisch er den König von Wakanda auch verkörperte, ist die Rolle als Jazzmusiker im Kammerspiel „Ma Rainey’s Black Bottom“ nun doch die würdevollere Coda eines allzu kurzen Schauspiel-Lebenswerks.<BR />(Zu sehen auf Netflix)<BR /><BR /><BR /><b>Kurzfilme</b><BR /><BR />Zwei Kurzfilm-Gewinner des Oscars kann sich jede und jeder selbst auf Netflix anschauen. Netflix’ Oscar Shorts machen wenig Lust in die USA zu fahren. Gegen Rassismus und Gewalt hat Amerika nämlich noch immer keine Impfung gefunden. Gute Kurzfilme sind sie aber allemal.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="637115_image" /></div> <BR />Der 30-Minüter <b>„Two Distant Strangers“</b> (Bester Kurzspielfilm) gießt das schwere Thema in die leichte Form einer „Murmeltier“-Story. Protagonist Carter wacht nach einem One-Night-Stand neben einer Frau auf. Doch jedes Mal, wenn er das Haus verlässt drangsaliert und ermordet ihn ein weißer Polizist – und er startet wieder im Bett wie einst Bill Murray. Was er auch anders macht, immer wieder erschwischt ihn der Rassismus in Gestalt des Cops. Die Filmemacher <b>Travon Free</b> und <b>Martin Desmond Roe</b> schaffen den Bogen zur ernsten Realität in Form der vielen Namen von afroamerikanischen Rassismus-Opfern im Abspann. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="637118_image" /></div> <BR />Den Überlebenden eines Todes nähert sich auch die wunderbare sanfte Kurz-Animation <b>„If anything happens to you I love you“</b> von <b>Will McCormack & Michael Govier</b> (Bester animierter Kurzfilm) an. Ohne Dialog und in einfachen monochromen Bildern mit einzelnen Farbtupfern erzählt der 10-Minüter von den zwei Eltern eines Kindes, das nicht mehr da ist. Es ist Opfer eines School Shootings geworden, der Titel ist eine letzte SMS. (Beide Filme zu sehen auf Netflix)<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="637121_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><BR />