Sonntag, 30. Dezember 2018

Viva wird abgeschaltet

„Wir sind mehr als nur ein Fernsehsender, denn wir sind euer Sprachrohr und euer Freund“, sagt Heike Makatsch, man schreibt das Jahr 1993 und ein neuer – ziemlich bunter – Sender hat gerade den Betrieb aufgenommen. Und Viva, so heißt der Kanal, hat Großes vor, auch wenn es aus dem Mund von Makatsch dahingeplappert klingt: „Und ab heute bleiben wir für immer zusammen, okay?“

Auch für Moderator Oliver Pocher war der Musikkanal Viva das große Sprungbrett.
Auch für Moderator Oliver Pocher war der Musikkanal Viva das große Sprungbrett. - Foto: © APA/DPA

25 Jahre später klingen diese Worte aus den Anfangstagen von Viva nicht mehr groß. Man weiß, dass sie eine Illusion geblieben sind – so wie vieles, an das man in den 90ern glaubte, etwa die dauerhafte gesellschaftliche Akzeptanz von Tätowierungen oberhalb des Steißbeins („Arschgeweih“). Viva wird nicht für immer bleiben, sondern endgültig abgeschaltet. An Montag ist es soweit.

Um 14 Uhr ist Schluss, ironischerweise heißt die Abschluss-Show „Viva Forever“ (deutsch: Viva für immer). Danach endet eine Fernseh-Ära. Kaum ein Sender verkörperte das Lebensgefühl zwischen Backstreet-Boys-Poster, Inlineskates und Tamagotchi einst so sehr wie der Musikkanal aus Köln. Kaum ein Sender förderte auch in derart kurzer Zeit derart viele gute Moderatoren ans Tageslicht: Viva war Sprungbrett für Stefan Raab, Charlotte Roche, Oliver Pocher, Heike Makatsch und viele mehr.

Antwort auf die MTV-Coolness

Angetreten war er als deutsche Antwort auf die globale Coolness-Marke MTV. Die Betonung lag dabei durchaus auf deutsch. Auf Viva sollte deutsche Musik einen Platz haben, auch zur besseren Vermarktung. MTV sitze „auf einer Insel hinter dem Ärmelkanal“, erklärte Viva-Gründer Dieter Gorny.

„Viva sitzt in Köln, mittendrin.“ Als Macher des neuen Senders stieg Gorny selbst zum „Paten der Popmusik“ auf. Mit MTV lieferte man sich einen erbitterten Kampf um Quoten.

„Viva war damals das, was heute YouTube ist“

Vivas Geheimnis war allerdings, dass der Sender auf andere Art gar nicht deutsch war: Perfektionismus und Millimeterarbeit gehörten nicht zu seinen Tugenden. Die Moderatoren quatschten fast betont unprofessionell in die Kamera. Damit trafen aber den Nerv ihres Publikums, das zu Hause mit Zahnspange herumlümmelte und sich auch alles andere als perfekt fühlte. 

Wenn eine angesagte Band zu Viva in den Kölner Mediapark kam, belagerten Teenager das Areal. Den Moderatoren wurden zwar ein paar Anweisungen gegeben, im Grunde ließ man sie aber einfach machen. „Wenn eine Girlgroup kam, sollte man sie zum Beispiel keinesfalls live singen lassen“, erinnert sich Oliver Pocher. „Viva war damals das, was heute YouTube ist“, sagt Pocher.

Zu geil für diese Welt

Unter anderem mit YouTube fing auch der Niedergang an. Im Internet entstand neue Konkurrenz, Musik wurde anders konsumiert. Auf Viva lief plötzlich sehr viel nervige Klingeltonwerbung. 2004 übernahm der amerikanische Medienriese Viacom, Eigner von MTV, Viva. Aus Konkurrenten wurden nun plötzlich Schwestern. 

Am letzten Tag, am 31. Dezember, will Viva noch mal auf seine größten Momente zurückblicken. Das erste je gezeigte Musikvideo etwa war „Zu geil für diese Welt“ der Fantastischen Vier. Die Band hat sich bereits dafür ausgesprochen, genau mit diesem Lied auch zu enden. Auch das wäre ja durchaus eine Botschaft.

dpa

stol