Ihre Beziehung wird so zum Ort permanenter Auseinandersetzung, in dem sich Liebe und Ideologie untrennbar verschränken. Zwischen zärtlichen Momenten, politischer Brisanz und leiser Komik entfaltet sich ein sensibles Porträt zweier Welten. Matthias und Sadiel erzählen im Interview, warum der Film eine gute Übung war, eigene Gewissheiten anzuzweifeln. <b>Von Ida Walder</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1310595_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Wann hat sich für dich der Moment ergeben, euer privates Leben filmisch zu bearbeiten, bzw. war das Projekt von Anfang an als Film gedacht oder hat sich dies erst im Prozess entwickelt?</b><BR />Matthias Lintner: Ganz ehrlich: Ich habe einfach angefangen zu filmen, weil mich Sadiels Energie total fasziniert hat. Er kam in mein Leben wie ein kleiner Sturm. Erst nach und nach habe ich gemerkt, dass da mehr drin steckt. Dass diese Beziehung nicht nur privat ist, sondern auch etwas Größeres erzählt. So ist der Film eigentlich im Prozess entstanden, Schritt für Schritt, fast wie eine Art Tagebuch, das sich irgendwann verselbstständigt hat. Mich hat erstaunt, dass die Doku manchmal wie ein Spielfilm wahrgenommen wird – viele Leute verstehen also gar nicht, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt.<BR /><BR /><BR /><b>Der Film kreist stark um die politische Spannung zwischen euch. Wie hat sich aus diesem persönlichen Projekt auch ein politischer Film entwickelt?</b><BR />Lintner: Das kam relativ früh, aber ich habe es zuerst nicht ganz ernst genommen. Ich dachte: Ja gut, wir haben einfach unterschiedliche Meinungen. Aber dann wurde mir klar, dass es nicht nur um unsere Meinungen geht, sondern um ganz unterschiedliche Sichtweisen auf Gerechtigkeit, Freiheit, aber auch Politik, Wirtschaft etc... Spätestens als in Italien jemand wie Giorgia Meloni an die Macht kam, habe ich gemerkt, dass das, was bei uns zu Hause passiert, eigentlich überall passiert. Da wurde aus einem Beziehungsfilm plötzlich auch ein politischer Film.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1310598_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Sadiels politische Entwicklung ist stark mit seiner Biografie in Kuba verbunden. Wie bist du als Filmemacher damit umgegangen, eine Realität zu zeigen, die deiner eigenen politischen Perspektive widerspricht?</b><BR />Lintner: Das war wahrscheinlich die größte Herausforderung. Man hat ja immer den Impuls, Recht haben zu wollen. Aber ich habe gemerkt: Wenn ich wirklich verstehen will, muss ich erst mal zuhören. Nicht um zuzustimmen, sondern um den anderen nicht sofort in eine Schublade zu stecken. Ich habe dabei auch gemerkt, wie schnell man selbst in so einer politischen Blase lebt. Der Film war für mich eine gute Übung, diese eigenen Gewissheiten mal anzuzweifeln.<BR /><BR /><BR /><b>Inwiefern hat sich dein Blick auf die Beziehung durch den Akt des Filmens verändert? Gab es Momente, in denen die Kamera Dinge sichtbar gemacht hat, die dir vorher nicht klar waren?</b><BR />Lintner: Ja, absolut. Die Kamera war irgendwann wie eine dritte Person im Raum. Sie hat Dinge sichtbar gemacht, die man im Alltag gerne übersieht oder verschiebt. Plötzlich konnte man nicht mehr so leicht ausweichen. Manchmal schaut man sich später Material an und denkt: Ah, so hat sich das also wirklich angefühlt. In dem Moment selbst ist man oft viel zu sehr drin, um das klar zu sehen.<BR /><BR /><BR /><b>Wie sah der gemeinsame Entscheidungsprozess mit Sadiel aus, wenn es darum ging, was im Film gezeigt wird und was nicht? Gab es Grenzen, die ihr klar definiert habt?</b><BR />Lintner: Wir haben viel darüber gesprochen, auch gestritten. Das gehört dazu. Es gab keine festen Regeln von Anfang an, aber eine wichtige gemeinsame Linie: Der Film sollte ehrlich sein, aber nicht verletzend. Also nichts zeigen, nur um jemanden bloßzustellen. Am Ende war es ein Vertrauensprozess. Und auch ein Prozess von Mut, weil man natürlich nie ganz kontrollieren kann, wie so etwas später beim Publikum ankommt.<BR /><BR /><BR /><b>Der Film wurde auf Festivals rund um die Welt gezeigt, auch beim Filmfestival in Bozen, wo er den Publikumspreis gewonnen hat. Welche Bedeutung hatte es für dich – mit einer queeren Geschichte – den Publikumspreis in Bozen zu gewinnen?</b><BR />Lintner: Das hat mich ehrlich gesagt ziemlich berührt. Gerade weil es kein klassisches Großstadtfestival ist, sondern ein Publikum, das vielleicht nicht jeden Tag mit solchen Themen konfrontiert ist. Dass so viele Menschen gesagt haben: <Kursiv>„Wir erkennen uns da wieder“,</Kursiv> das war für mich das Schönste. Und es zeigt vielleicht auch, dass es am Ende gar nicht nur um eine queere Geschichte geht. Sondern um etwas sehr Grundsätzliches: Wie wir miteinander umgehen, wenn wir unterschiedlich denken. Und vielleicht auch darum, dass man sich nicht sofort einig sein muss, um sich trotzdem ernst zu nehmen.<BR /><BR /><BR /><b>Der Titel des Films ist provokant: „My Boyfriend el Fascista“. Warum hast du so einen starken Namen gewählt?</b><BR />Lintner: Weil es ein Wort ist, das sofort die Tür zuschlägt. Sobald man es hört, hört man auf zuzuhören. Ich wollte das Gegenteil. Einen Raum öffnen. Heute geht uns das Wort „Faschist“ erstaunlich schnell über die Lippen. Aber selten fragen wir uns wirklich, wer da vor uns steht. Der Titel ist eine Provokation. Aber eine, die dich zwingt, genauer hinzusehen.<BR /><BR /><BR /><Fett>Termin:</Fett> Der Film ist derzeit im Filmclub Bozen zu sehen.<BR /><h3> Drei Fragen an Sadiel Gonzalez</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="1310601_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Wie war es für dich, deine persönliche Geschichte, die auch eine starke politische Komponente hat, in einem so intimen Film zu erzählen?</b><BR />Sadiel Gonzalez: In Kuba ist Politik keine Meinung, sondern die Luft, die man atmet. Deshalb waren für mich das Persönliche und das Politische schon immer ein und dasselbe. Als ich nach Europa kam, fiel mir das Gegenteil auf: Politik schien etwas Optionales zu sein. Und Kuba wurde wie eine Postkarte dargestellt: schön, exotisch, fast in der Zeit stehen geblieben. Aber für mich war es nie eine Postkarte. Der schwierigste Teil des Films war es, mich ungeschützt zu zeigen. In den Momenten, in denen ich Fehler machte, in denen ich falsch reagierte. Aber genau dort wird der Film echt. Ich habe Matthias vertraut, und dieses Vertrauen hat es mir ermöglicht, zu bleiben, auch wenn es einfacher gewesen wäre, mich zu verstecken.<BR /><BR /><BR /><b>Deine politischen Ansichten sind stark von deinen Erfahrungen in Kuba geprägt. Welche konkreten Erfahrungen oder Beobachtungen haben dein politisches Denken am stärksten beeinflusst?</b><BR />Gonzalez: Was mich am meisten geprägt hat, war das Aufwachsen an einem Ort, an dem ständig von Gleichheit und Gerechtigkeit gesprochen wurde, während im wirklichen Leben viele Menschen in Angst, Not und unfrei lebten. Ich habe die Doppelmoral gesehen: Das, was man in der Öffentlichkeit sagt, und das, was man zu Hause denkt. Kontrolle wurde als Schutz dargestellt, und die Menschen passten sich an, um zu überleben. Das hat mich sehr sensibel gegenüber jeder Ideologie gemacht, die im Namen des Guten Gehorsam fordert. Wenn mir jemand sagt: <Kursiv>„Du musst so denken“</Kursiv>, geht bei mir innerlich ein Licht an. Für mich ist Freiheit kein Slogan. Es ist die Möglichkeit, atmen zu können, ohne um Erlaubnis zu fragen.<BR /><BR /><BR /><b>Kannst du einige konkrete Erfahrungen aus deinem Alltag in Kuba schildern, die diese Überzeugungen bestärkt haben?</b><BR />Gonzalez: Ich bin in großer Armut aufgewachsen. Ich erinnere mich, wie meine Mutter sich jeden Tag fragte, was wir essen könnten. Die staatlich subventionierten Lebensmittel reichten nur für wenige Tage, dann begann der Kampf, um über die Runden zu kommen. Ich habe die Angst vor der Polizei wegen Kleinigkeiten erlebt, wie zum Beispiel dem Verkauf kleiner Waren, um zu überleben. Ich habe gesehen, wie Menschen alles verloren haben, weil der Handel vom Staat kontrolliert wurde. Auch die Bauern riskierten, ihre Ernte beschlagnahmt zu bekommen. In der Schule lernt man früh, die Dinge „richtig“ zu sagen, um keine Probleme zu bekommen. Auch in meiner Familie habe ich Widersprüche erlebt: Mein Großvater hatte an die Revolution geglaubt, starb aber arm. Das hat mir eine Frage hinterlassen: War die Gleichheit real oder nur ein Wort? Lange Zeit hatte ich Angst zu sprechen, selbst als ich im Ausland lebte, weil ich befürchtete, meine Mutter nicht wiedersehen zu können. Erst als sie hierherkam, ist diese Angst verschwunden.