Der Film führt in eine Zeit, in welcher die politischen Divergenzen den Konflikt zwischen der deutschsprachigen Bevölkerung und dem italienischen Staat eskalieren ließen. „Zweitland“ feiert am 19. November Südtirolpremiere – ein Gespräch mit dem Regisseur. <b>Von Ida Walder</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1239864_image" /></div> <BR /><BR />Im Zentrum steht der junge Bauernsohn Paul (gespielt vom Südtiroler Thomas Prenn), der eigentlich Künstler werden und Malerei studieren will, sich jedoch der Perspektivlosigkeit seines Dorfes nur schwer entziehen kann. Seine Pläne rücken endgültig in den Hintergrund, als sein älterer Bruder Anton, der kompromisslos für den Schutz der deutschsprachigen Minderheit kämpft und zunehmend zur Gewalt greift, als einer der Attentäter enttarnt wird und fliehen muss. Paul übernimmt daraufhin Verantwortung für den Hof, für Antons Frau Anna und deren kleinen Sohn – und gerät dadurch in ein Spannungsfeld aus familiärer Pflicht, politischem Druck und persönlicher Sehnsucht.<BR /><BR />Anna wiederum beginnt sich – während die Lage weiter eskaliert und die italienische Polizei hart durchgreift – gegen die patriarchalen Strukturen ihres Umfelds zu wehren und stellt die Radikalisierung ihres Mannes zunehmend infrage. So veranschaulicht „Zweitland“ die Zerrissenheit einer Generation zwischen Tradition, Rebellion und dem Wunsch nach Selbstbestimmung.<BR /><BR />Der Film entfaltet seine Kraft in der stillen Spannung zwischen Nähe und Distanz: in Blicken, in unausgesprochenen Konflikten, im Ringen um Zugehörigkeit. „Zweitland“ zeigt, wie historische Gewalt ins Private eindringt und Menschen zu Entscheidungen drängt, die ihre Welt für immer verändern.<BR /><BR />Nach der Weltpremiere im Juni in München und weiteren Premieren in Österreich Anfang September feiert der Film morgen bei der Südtirol-Premiere im Bozner Capitol Kino seinen Kinostart hierzulande. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1239867_image" /></div> <BR /><BR /><b>Beim Filmfest München feierte „Zweitland“ nicht nur seine Weltpremiere, sondern markierte zugleich auch Ihr Langfilm-Debüt. Wie haben Sie diesen Moment erlebt?</b><BR />Michael Kofler: Es war ein großartiges Erlebnis, die Weltpremiere von „Zweitland“ im internationalen Wettbewerb des Filmfests München zu feiern. Nach der langen Zeit der Entwicklung, Produktion und Postproduktion den Film zum ersten Mal einem Publikum, und dann auch noch vor ausverkauftem Haus, zu präsentieren, hat mich sehr gefreut. Diesen Moment gemeinsam mit den Schauspielern, sowie dem angereisten Team zu erleben, war ein wunderbarer Auftakt. Natürlich empfindet man Anspannung und Neugierde auf die Reaktionen, wenn man so intensiv an einem Projekt arbeitet und es dann endlich auf seine Reise schickt. In den Q&A-Sessions, gab es viele tief gehende Fragen aus dem Publikum, welche sicherlich die Aktualität und gegenwärtige Relevanz der Grundthemen des Films unterstrichen haben. Für mich als Regisseur und Autor war die Vorstellung meines Langfilm-Debüts ein wichtiger und belohnender Moment. <BR /><BR /><BR /><b>„Zweitland“ ist eine internationale Koproduktion – ganz im Sinne des Filmfests München, das sich stark für die internationale Vernetzung von Filmschaffenden einsetzt. Was bedeutete es für Sie, dass der Film gerade dort Premiere feierte?</b><BR />Kofler: Der Film ist eine Koproduktion zwischen Deutschland, Südtirol/Italien und Österreich. Es war von Anfang an unser Ziel, diesen zwar historischen aber thematisch aktuell relevanten Stoff – politische Verantwortung des Einzelnen, politische Gewalt und Radikalisierung, toxische Maskulinität, Identitätssuche – auch einem internationalen Publikum näherzubringen. „Zweitland“ war der Eröffnungsfilm der CINECOPRO-Sektion und wir haben uns sehr über die Nominierung für den Award als beste internationale Koproduktion gefreut. Es war eine Ehre, unseren Film neben den neuen Werken von preisgekrönten Filmemachern wie z. B. Joachim Trier vorzustellen. Und für mich persönlich war die Premiere in München, nochmal etwas ganz Besonderes, weil ich da vor Jahren meine ersten Praktika beim Fernsehen gemacht habe.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1239870_image" /></div> <BR /><BR /><b>Welche Rolle spielen Festivals für Filme wie „Zweitland“, die politisch und international ausgerichtet sind?</b><BR />Kofler: Meiner Meinung nach eine sehr große. Im heutigen Marktgefüge, besonders im Arthouse-Filmbereich, ist jede Möglichkeit, ein internationales Publikum zu erreichen, eine große Chance für das Werk. Besonders aber für einen Film wie „Zweitland’“, der zwar eine eher lokal-spezifische und dennoch eine universal-relevante Geschichte erzählt. Die Präsenz auf internationalen Filmfestivals bietet im Idealfall die Möglichkeit, solche Filme einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Gleichzeitig helfen sie auch, die Aufmerksamkeit von Weltvertrieben zu bekommen. Genau deshalb sind die Plätze in den Festivalwettbewerben aber auch so hart umkämpft. München hatte dieses Jahr neben „Zweitland“ noch einige weitere politische Filme im Line-up, was in Zeiten wie diesen ein wichtiges Signal und mutiges Statement ist. Ich glaube, es ist unverzichtbar, dass Filme, besonders auch historische, die Welt von heute mit ihren Fragen und Widersprüchen reflektieren. Dafür sind Festivals, Sender, Vertriebe, Kinos und nicht zuletzt auch Filmemacher selbst, die offen und empfänglich für derartige Stoffe sind, unentbehrlich.<BR /><BR /><BR /><b>Die Bombenjahre sind ein hochpolitisches und brisantes Kapitel unserer Geschichte, gleichzeitig liegen die letzten Anschläge fast 60 Jahre zurück. Was hat Sie dazu bewogen, sich mit diesem Teil der Südtiroler Vergangenheit auseinanderzusetzen und ihn filmisch aufzuarbeiten?</b><BR />Kofler: Ich glaube, mein erstes Interesse daran kam schon während meiner Jugendzeit in Südtirol in den 1990er-Jahren auf – aus einem von mir empfundenen Widerspruch heraus. Südtirol war damals schon ein sehr beliebtes Urlaubsziel, jedoch nur wenige Jahrzehnte vorher, war es noch ein ethnisch-politischer Krisenherd und sogar Sorgenkind internationaler Diplomatie. Der Gedanke, dass in dieser idyllischen und vom Tourismus geprägten Umgebung, in der ich aufgewachsen war, nur wenige Jahrzehnte zuvor Bomben explodierten und scharf geschossen wurde, schien mir unvorstellbar. Die Zeit der „Bombenjahre“ war damals aber noch eher mit einem Tabu behaftet. <BR /><BR /><BR />Im Geschichtsunterricht wurde das Thema so gut wie gar nicht besprochen, und wenn man Fragen stellte, sprachen die Menschen nicht gerne darüber. Die Narben aus jener Zeit waren noch vielerorts spürbar, genau das hat mich beschäftigt, auch wenn ich das damals alles noch nicht so richtig einordnen konnte. Das Thema hat mich aber nie losgelassen und die Sujets, die ich verhandeln wollte, schienen an Aktualität stetig zuzunehmen. Jahre später, als ich dann schon lange in London lebte und vielleicht auch die nötige Distanz dazu gewonnen hatte, habe ich angefangen, den Filmstoff für „Zweitland“ gemeinsam mit dem leider viel zu früh verstorbenen Produzenten Karl „Baumi“ Baumgartner zu entwickeln. Das war der Anfang der „Zweitland“-Reise.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1239873_image" /></div> <BR /><BR /><b>Glauben Sie, dass die Festivalteilnahme auch mehr Sichtbarkeit für das Thema der Südtiroler Autonomie brachte – gerade bei einem Publikum, das mit der Region nicht vertraut ist?</b><BR />Kofler: Ich denke schon, dass der Film vielleicht dazu beitragen konnte, dieses Kapitel einem breiteren Publikum näherzubringen. Beim Filmfest kamen auch Zuschauer aus vielen nicht deutschsprachigen Ländern auf mich zu, die vorher nicht wussten, dass es diese deutschsprachige Minderheit im Norden Italiens gibt. Auch zeichnete sich ab, dass viele Menschen Südtirol zwar aus dem Urlaub kennen und lieben, aber oft noch nie etwas über diesen Teil der Südtiroler Geschichte gehört hatten. Besonders auch viele junge Menschen waren am Sujet interessiert, was mich sehr gefreut hat. „Zweitland“ ist aber keine Geschichtsstunde, sondern im Grunde ein intimes Familiendrama vor historischem Hintergrund. Der Film bewegt sich abseits der großen politischen Bühne und konzentriert sich auf die menschlichen Schicksale hinter der historischen Geschichte. Im Zentrum steht dabei eine Familie, beeindruckend verkörpert von Thomas Prenn, Aenne Schwarz, Laurence Rupp und Niclas Carli, die an den Unruhen und Verwerfungen einer Zeit zu zerbrechen droht. Mittendrin ein junger Mensch, der hin- und hergerissen ist zwischen Loyalität und Selbstverwirklichung und seinen Platz in der Welt sucht. Ich hoffe, dass die Zuschauer in Südtirol auch vor allem durch diese menschlichen Aspekte der Geschichte Zugang zum Film finden.<BR /><BR /><BR /><b>Versteht sich „Zweitland“ auch als filmische Erinnerung für die Generationen nach den 1960ern?</b><BR />Kofler: Natürlich freue ich mich, wenn der Film dazu beitragen kann, dass sich die Menschen, besonders auch junge Generationen mit der Geschichte auseinandersetzen. Das ist wichtig in Zeiten wie diesen. Wenn man einen historischen Stoff erzählt, trägt man auch immer ein gewisses Maß an Verantwortung, der Historie gerecht zu werden. Dieser Verantwortung ist sich der Film bewusst, und deshalb sind auch umfangreiche Recherchen in das Projekt eingeflossen. „Zweitland“ ist aber kein Zeitzeugnis und stellt sich selbst auch nicht diesen Anspruch. Es ist eine Geschichte über Menschen, die sich fragen, was es bedeutet, Mensch zu sein und Mensch zu bleiben. Vielmehr würde ich mich freuen, wenn der Film dem Publikum etwas über das Gestern, aber vor allem auch etwas über das Hier und Heute mitgibt. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1239876_image" /></div> <h3> Zur Person Michael Kofler</h3><BR /><BR />Der Regisseur ist in Südtirol geboren und aufgewachsen. Er begann seine Karriere im Produktionsbereich bei einer deutschen Produktions- und Visual-Effects-Firma. Danach war er in der Promotion und später in der Produktion und Regie von Videoinhalten und Musikvideos für ein deutsches Musiklabel tätig. Er absolvierte ein Masterstudium in Regie für Film und Fernsehen an der Westminster Film School. Seine Werbefilme wurden auf dem Mobile World Congress in Barcelona und auf der Weltausstellung EXPO in Shanghai gezeigt. Sein Debütfilm wurde beim RACCONTI #1-Programm ausgezeichnet. Michael Kofler lebt in München, London und Südtirol und entwickelt verschiedene internationale Spielfilmprojekte sowie eine Dramaserie.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1239879_image" /></div> <BR /><BR /><b>Südtirol-Premiere:</b><BR />19.11., 20 Uhr, Filmclub Bozen <BR /><BR /><b>Weitere Termine:</b><BR />MERAN Filmclub, 28.11. (15.30, 20.30 Uhr), 29.11. (18 Uhr), 30.11. (20.30 Uhr) <BR />STERZING Filmclub, 28.11. (20 Uhr) <BR />NEUMARKT Filmclub 2.12., (20 Uhr) <BR />SCHLANDERS 3.12. (20 Uhr) –<BR />FILMTREFF KALTERN 20. und 21.11., 20 Uhr sowie 22. und 23.11., 17.30 Uhr – <BR />GAIS Pfarrheim 22.11., 20 Uhr und 23.11., 17 Uhr. Im Anschluss Gespräch mit Regisseur und Produzenten. Moderation Alfred E. Mair <BR />BRUNECK Stadttheater 30.11., 18 Uhr. Im Anschluss Gespräch mit Regisseur und Produzenten des Films. Moderation Christine Lasta.