Seit Jänner arbeitet sie in ihrem neuen Atelier in Bozen, in der Ex-Galerie Prisma. Ich bin eine ihrer ersten Besucherinnen und habe die Möglichkeit, in ihre Kunst einzutauchen, ihre Talente zu entdecken und mich von ihren Perspektiven und Erzählungen inspirieren zu lassen...<b>Von Heidi Hintner</b><BR /><h3> Zum Internationalen Frauentag 2024 meint die Künstlerin</h3><BR />„Der Weltfrauentag ist nicht nur ein Fest für Frauen*, sondern auch ein feministischer Kampftag. Er ist ein Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse und Anlass, die Gleichstellung von Geschlechtern kritisch zu reflektieren. Auch wenn Chancengleichheit ein gesetzliches Ziel ist, ist sie noch lange keine Realität. Die strukturelle Benachteiligung von Frauen* ist bis heute an der Tagesordnung, es reicht ein Blick auf den Gender Pay Gap oder die mangelnde Repräsentation von Frauen* in Führungspositionen. Ungleichheit ist messbar. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir den heutigen Tag nicht feiern sollten. Wir dürfen uns Blumen wünschen, aber ebenso faire Bezahlung, Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Champagner, eine gerechte Verteilung von Erwerbs- und Fürsorgearbeit UND Pralinen…! Wir haben das Recht, alles zu fordern und zu wollen!“ AliPaloma.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1003976_image" /></div> <BR /><BR /><b>BLICK 1: Kunst, Architektur, Feminismus, Gesellschafts- und Sozialkritik. Du setzt dich mit politischen und gesellschaftlich relevanten Themen auseinander. Was willst du mit deiner Skulptur „Dorn im Auge“ (2023) sagen?</b><BR />AliPaloma: Meine Skulptur zeigt einen Dorn, botanisch eigentlich richtig Stachel, den ich von einer zarten pfirsichfarbenen Rose vom Garten meiner Oma entnommen hab. Ich hab ihn eingescannt und vielfach größer aus Holz fräsen lassen. Ich mag es sehr gern, kleine Dinge unter die Lupe zu nehmen und zu vergrößern. <b><BR /><BR />„Dorn im Auge“</b> ist eine Erinnerung an alle, nicht ständig den gesellschaftlichen Vorstellungen entsprechen zu müssen und macht Mut zum Ungemütlichsein und darauf, den Status quo herauszufordern. Beispielsweise nicht über den nächsten schlüpfrigen Witz zu lachen, sondern auf den Tisch zu klopfen und zu sagen: Ey, wir sind im Jahr 2024! Bitte, was ist los, dass Humor noch immer auf der Diskriminierung eines Geschlechts basieren muss und darauf aufmerksam zu machen, wenn Verhaltensweisen diskriminierend und ausschließend sind. Die meisten von uns finden das mittlerweile ziemlich unangebracht, aber es ist halt oft einfacher mitzulachen oder wegzuschauen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1003979_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>BLICK 2: Du hattest die Idee, einen Genderstern als großes rosa Sofa für einen öffentlichen Raum zu gestalten. Was ist aus deinem Genderstern geworden? Was brauchst du, um das Projekt realisieren zu können?</b><BR />AliPaloma: Ich wollte, einen großen <Fett>Genderstern</Fett> im öffentlichen Raum platzieren, genauer gesagt in den Innenhof der Stadtbibliothek Brixen; es war eine Wettbewerbsteilnahme. Die Installation sollte der Bibliothek als überdimensionales Wohnzimmer gerecht werden, vielen verschiedenen Personen Raum zum Entspannen, Lesen und Austausch bieten und dabei ein Symbol für eine inklusive Gesellschaft sein. <BR /><BR />Das Sternchen ist – neben anderen – eine Möglichkeit, Frauen und nicht-binären Personen in der Sprache Sichtbarkeit zu geben. Denn: Wie es viele Studien belegen, erzeugt das generische Maskulinum hauptsächlich Bilder von Männern im Kopf. Sprache kann lebending sein, unser Bewusstsein prägen und uns helfen, Rollenbilder zu hinterfragen und aufzubrechen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1003982_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>BLICK 3: Du verfolgst deine Themen konsequent und entwickelst sie weiter; deine Arbeiten sind auch als politische Aussagen zu verstehen. Ein Thema, das sich durch dein Werk zieht: Gewalt an Frauen. 2021 hast du für die Gemeinde Brixen „Women’s* Shelter“ gestaltet. Im November hattest du, gemeinsam mit Barbara Plagg, die Idee mit der „Flagge gegen Gewalt“ am Bozner Dom. Das wäre ein starkes Zeichen der katholischen Kirche gewesen, die Mitverantwortung des Christentums bei der Entstehung gewaltfördernder Mentalitäten zu reflektieren. Dazu kam es aber nicht, und Denkmuster, die zur Unterordnung von Frauen beitragen, wirken weiter. Ein „sozialer Skandal“.</b><BR />AliPaloma: Ich kann meine Kunst nicht frei von Politik denken, und beschäftige mich mit Machtverhältnissen, weil sie Teil unseres Alltags sind. Die WHO sieht nach wie vor Gewalt als eines der größten Gesundheitsrisiken für Frauen*. Es ist schrecklich: Jede dritte Frau ist in ihrem Leben von Gewalt betroffen, alle 72 Stunden wird in Italien eine Frau ermordet! <BR /><BR />Als Anfang November 2023 die 22-jährige Giulia Cecchetin von ihrem Ex- Partner ermordet wurde, bezeichnete ihre Schwester Elena den Täter nicht als Monster, so wie es viele Medien taten, sondern als „figlio sano del patriarcato“. Sie spricht von einer patriarchalen Kultur der Vergewaltigung. Staat, Gesellschaft und Kirchen tragen hier Mitschuld, weil sie nichts dagegen unternehmen. Ein „sozialer Skandal“ eben. <b>Barbara Plagg</b> und ich waren erschüttert und wollten ein auf- und wachrüttelndes Zitat vom höchsten Gebäude von Bozen hängen, eine Zeile von einem Gedicht, das von vielen als Zeichen der Solidarität und Fassungslosigkeit in den Sozialen Medien gepostet wurde. Der Auszug lautet: „Se domani tocca a me, voglio essere l'ultima“. Unsere Idee wurde durch Kirchenregeln vereitelt, die nur das Hissen von Kirchenfahnen erlauben. Diese Absage empfinden wir als versäumtes Zeichen von Seiten der Kirche, Flagge gegen Gewalt an Frauen* zu zeigen. Frauen*feindlichkeit hat in der römisch-katholischen Kirche seit Jahrhunderten System. Neben anderen Institutionen hat die Kirche die Verantwortung, endlich konsequent mit patriarchalen Verhaltensweisen und Strukturen zu brechen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1003985_image" /></div> <BR /><BR /><b>BLICK 4: Verrätst du etwas über deine neueste Arbeit, die im März im Museion zu sehen sein wird?</b><BR />AliPaloma: Meine Arbeit <Fett>„Resist“,</Fett> die ich für die kommende Ausstellung „Renaissance“ im Museion konzipiert habe, zeigt eine Boje aus Glas. Das Material entstammt meiner früheren Arbeit „<Fett>Allen Alles?“</Fett>, die ich für die „50 x 50 x 50“ in den Räumen der Festung Franzensfeste konzipiert hatte. Am Ende der Ausstellungsdauer zerschlug ich die Mauer in einer Performance; ein emanzipatorischer Akt zur Befreiung der mächtigen Architektur der Festung und der dahinterstehenden patriarchalen Gesellschaftsstrukturen. Nun hab ich dieses Material neu einschmelzen lassen, in der Glasgießerei Vetroricerca in Bozen. Ich hab 2 Jahre über die Form nachgedacht; bis mich die Symbolik der Boje angezogen hatte. Die Boje setzt ein Zeichen für die Notwendigkeit kollektiver Unterstützung im Kampf für Geschlechtergerechtigkeit. Bojen können nur im Netzwerk Schiffe sicher durch Gewässer leiten; sie haben außerdem die Fähigkeit an der Oberfläche zu bleiben, unabhängig von den starken Wellen und Strömungen, denen sie ausgesetzt sind; sie gehen nie unter. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1003988_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>BLICK 5: Politik und Ästhetik. Form und Material. Bei dir gehören sie zusammen.</b><BR />AliPaloma: Ja, sagen wir so: Ich finde es faszinierend, Überlegungen und Gedanken in ästhetische Formen zu übersetzen. Auf eine gewisse Weise ist mein künstlerisches Schaffen eine persönliche Auseinandersetzung und Reaktion auf das alltägliche Leben, auf persönliche Erfahrungen und auf die vielen Normen, Rahmenbedingungen und Rollenbilder, die in unserer Gesellschaft verwurzelt sind und unser Dasein beeinflussen. Einige Themen, die in meinen Werken Ausdruck finden, sind unbequem. Werden sie jedoch visuell ansprechend übersetzt, erscheinen sie greifbarer für mich, und die Schwelle des Verständnisses wird abgebaut. Möglicherweise wird ein Thema über die ästhetische Wahrnehmung leichter verstanden, es entsteht ein Gefühl dazu. <BR /><BR /><BR />Was Form und Material betrifft, mag ich es, herkömmliche Materialien, die mit bestimmten Formen assoziiert werden, auszutauschen, um einen Bruch und eine Ambivalenz zu erzeugen. Ein Beispiel dafür sind meine gläsernen Kettenglieder. Sobald ihr metallisches Material durch Glas ersetzt wird, wirken diese Ketten und starren Strukturen weniger massiv. Sie können durchbrochen werden, ihr Klang erzeugt sogar eine Verspieltheit und weckt Hoffnung auf Veränderung.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1003991_image" /></div> <BR /><BR /><b>BLICK 6: Die Farbe Rosa ist eines deiner Markenzeichen. Was bedeutet für dich Rosa?</b><BR />AliPaloma: Rosa ist wohl die lieblichste aller Farben; sie mag für vieles stehen; aber selten wird sie mit Macht oder Stärke in Verbindung gebracht. Mit den Stereotypen der Farbe Rosa, die mit Mädchenfarbe verbunden sind, arbeite ich gerne. In meinen Arbeiten wird die Farbe Rosa mit starken Symbolen in Verbindung gebracht: Ich habe einen kristallgläsernen Anker in Rosa gemacht, fleischfressende Pflanzen, starke Botschaften in rosafarbenen Neonschriften. Außerdem ist Rosa laut Wissenschaft die älteste Farbe der Welt. Den früheste Nachweis von Farbe im Reich des Lebens finden wir in 1,1 Millionen alten Gesteinsschichten: Die leuchtend rosa Pigmente waren die Überreste von Chlorophyll, einem natürlichen Farbstoff, die von frühen Lebensformen, den sogenannten Cyanobakterien, produziert wurden. Dank des Farbstoffs konnten die Ur-Bakterien mit Hilfe von Sonnenlicht Energie gewinnen. <h3> Vita</h3><BR />Geboren 1992, studierte sie Architektur im Bachelor in Innsbruck und lebt als freischaffende Multimediakünstlerin in Bozen. Skulpturen, Installationen, Bühnenbilder, Fotografien und Performances gehören zu ihrer Kunstpraxis. 2016 entstand ihr Schmuckprojekt „Thevulvaproject“ und 2019 war sie an der Seite von Barbara Plagg und Anna Heiss bei der Gründung des feministischen Online-Frauennetzwerks „Südtirols Sisters SUSIs“ dabei. <BR /><BR />AliPaloma zeigte ihre Werke in verschiedenen Museen und unterschiedlichen Kontexten in Südtirol und im Ausland: „Distanzzonen“ (München), „REPEAT“ (Gefängnisgalerie Kaltern), „Beauty Case“ (Hofburg Brixen), „Born To Kill“ (Bühnenbild für Brux, Freies Theater Innsbruck), „Gespräch wegen der Kürbisse“ (Dekadenz Brixen), „Alles Alles?“ (Festung Franzensfeste), „Up in Flames“ (Kunstmuseum Erlangen), „So close!“ mit Mirijam Heiler war die letzte Ausstellung in der Galerie Prisma vor dem Umbau 2023. Seit 2017 ist sie im Südtiroler Künstlerbund.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1003994_image" /></div> <BR />2023 schloss sie sich mit anderen Kulturschaffenden zusammen, um den Verein AMA ins Leben zu rufen, der Veranstaltungen an der Nahtstelle zwischen Kunst, Architektur und Musik organisiert. Im März ist im Rahmen der Ausstellung „Renaissance“ – junge Positionen unter 35 – ihr neuestes Werk „RESIST“ im vierten Stock im MUSEION in Bozen zu sehen. Eröffnung: 22. März um 19 Uhr. <BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />