Sage, Legende, Mythos: Nicht nur das Leben von Joseph Beuys, auch seine Kunst erschweren es uns, diesen Künstler ganz zu erfassen. Eine vertiefte Kennerin seines Werkes ist Judith Waldmann, ehemals kuratorische Leiterin des Kunsthauses Meran.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1272585_image" /></div> <BR /><BR />Eine Vita zwischen Dichtung und Wahrheit, sein erweiterter Kunstbegriff „Jeder Mensch ist ein Künstler“ viel zitiert und noch öfters umgesetzt. Mit Honig und Filz, Margarine und Blut, mit Hirschen, Hirschkühen, Bienen, Eisbären und Pferden, Kojoten sowie seiner Tierpartei etablierte er seine Ideen. Der Künstler, der Holzschlitten ausstellte, Honigpumpen erschuf, der 7000 Eichen pflanzte, Filzdecken auslegte, der in seiner Jugend auch Nationalsozialist war und heute Aushängeschild der ökologischen Bewegung ist, polarisiert immer noch.<BR /><BR />Größte Popularität erreichte er mit den reproduzierbaren Objekten, den sogenannten Multiples, ganz im Sinne: Kunst muss für alle da sein. Erforscht wird der Künstler noch immer, möglich macht dies das Joseph Beuys Archiv. Es ist als internationale Forschungseinrichtung Teil der Stiftung Museum Schloss Moyland und zugleich Institut an der Kunstakademie Düsseldorf. Es umfasst einen großen Bestand an Archivalien zu Joseph Beuys. „Die Kombination aus umfangreichen Werk- und Archivbeständen von und zu Joseph Beuys unter einem Dach ist weltweit einzigartig.“<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1272588_image" /></div> <BR /><BR />Ab Ende März widmet man sich dort im Rahmen eines Projekts der Aufarbeitung seiner Rolle im Nationalsozialismus. Beuys meldete sich 1940 freiwillig zur Luftwaffe, war als Bordfunker und Bordschütze eines Sturzkampfgeschwaders im Einsatz, v.a. in Süditalien, Kroatien, der Ukraine und auf der Halbinsel Krim. 1944 stürzte er auf der Krim ab, kam in britische Kriegsgefangenschaft und wurde 1945 entlassen. <BR /><BR />„Beuys wurde zu Beuys erst durch Fluxus. In den Jahren 1962–1964 ereignete sich der entscheidende Umschlag im Werk des Künstlers, der bis dahin als Bildhauer und Zeichner gearbeitet hatte: In Bezug auf die Wahl seiner Medien (Aktionen, später Multiples), Materialien und Methoden, zu denen auch sein offensiver Umgang mit den Medien zählte. Im Umgang mit Fluxus-Inhalten entwickelte Beuys eine ganz eigene Strategie: Begreifen, Aneignen, Kooperieren und Transformieren“. <BR /><BR />Fluxus, Antikunst, das war Beuys Welt, die Bewegung, die in den 60er Jahren so kompromisslos den Kunstbegriff umkrempelte. „Kunst = Leben“ und „Kunst ist für alle da und alles ist Kunst.“ Bei Beuys war es 1964 ein „Fettstuhl“, 1969 „Das Rudel“. Seine Materialien Filz und Fett, beide mit viel Symbolik aufgeladen. „Das Rudel“, zu sehen in der Neunen Galerie in Kassel ist eine raumgreifende Installation. Ein VW-Bus mit geöffnetem Heck ist und dahinter die Schlitten, bepackt mit Filz, fett und Taschenlampe. Es ist „ein Notfallobjekt, eine Invasion durch das Rudel“, und in einem Ausnahmezustand sei ein Gefährt wie der VW Bus „nur von begrenztem Nutzen. Da müssen archaischere Mittel eingesetzt werden, um das Überleben zu sichern. Das Rudel!“ sagte der Künstler: Scharlatan? Provokateur? Mythos? Oder vielleicht doch Genie? Charismatisch auf jeden Fall und vor allem unvergessen. <BR /><BR />Die vielen Ausstellungen unterstreichen: In der Geschichte der Kunst kommt man nicht an ihm vorbei. Seine Asche wurde verstreut, eine Gedenkstätte befindet sich am Kranenburger Friedhof in der Nähe von Kleve. Und viele Museen weltweit verwahren seine Kunst. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1272591_image" /></div> <BR /><b>Wichtige Ausstellungen 2026:</b><BR />Kunsthalle Tübingen (bis 8.3.): „JOSEPH BEUYS. BEWOHNTE MYTHEN“ <BR />Hamburger Bahnhof, Berlin (2026): Umfangreiche Werkschau im Hamburger Bahnhof Berlin. Beide Präsentationen beleuchten sein Werk, einschließlich Skulpturen, Zeichnungen und Aktionen wie „Das Kapital Raum 1970-1977“.<BR /><h3> Zwei Fragen an Judith Waldmann</h3><BR /><b>Sie sind im Museum Schloss Moyland als Kuratorin für moderne und zeitgenössische Kunst tätig. Das Haus beherbergt die weltweit größte Sammlung an Werken von Joseph Beuys. Woran arbeiten Sie gerade?</b><BR />Judith Waldmann: An Beuys und Lebensmitteln. Taucht man in das unglaublich facettenreiche Werk von Joseph Beuys ein, begegnet man einer schier endlosen Varianz an Nahrungsmitteln. Honig, Fett, Gelatine, Schokolade, Zitrone, Äpfel, Fisch, Brot, Tee, Kaffee, Bier, Wein, Pilze, Zwiebeln und noch vieles mehr wurden von Beuys in seinem Werk verarbeitet. Mal skulptural, wie in seiner ikonischen Arbeit „Capri-Batterie“ von 1985, bei der er eine Glühbirne als alternative Energiequelle an eine Zitrone steckte. Mal als „Zutat“ für Arbeiten auf Holz oder Papier, wie bei der 1964 live im ZDF übertragenen Veranstaltung „FLUXUS-Gruppe“. Hier reicherte Beuys seine typische Braunkreuzfarbe mit Schokolade an und brachte den Satz „Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet“ zu Papier – abschließend garniert mit Schokoladentafeln. Der Akt des Kochens an sich war für Beuys Kunst. <BR /><BR />Zahlreiche Aufnahmen zeigen den Künstler am Herd in seinem Atelier am Drakeplatz in Düsseldorf, wo er oft für Familie, Freundinnen oder Kollegen kochte. Das Schälen einer Kartoffel war für Beuys Soziale Plastik, ebenso wie der anschließende Verzehr der Speisen. Er setze auch ökopolitische Statements mithilfe von Lebensmitteln, indem er beispielsweise während seiner Aktion „Difesa della Natura“ 1983, bei seinen italienischen Freunden der Baronin Lucrezia de Domizio Durini und dem Baron Buby Durini, in den südlichen Abruzzen ökologisch angebauten F.I.U. [Free International University]-Wein produzierte. Beuys durch das Nadelöhr der von ihm genutzten Speisen zu betrachten ist nicht nur unheimlich spannend und aufschlussreich, sondern auch oftmals sehr lustig. Unter dem Arbeitstitel „Beuys bittet zu Tisch! Kunst mit A wie Apfel bis Z wie Zitrone“ dürfen sich unsere Besucherinnen und Besucher auf eine abwechslungsreiche, überraschende und auch humorvolle Ausstellung zum Werk dieses Jahrhundertkünstlers freuen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1272594_image" /></div> <BR /><BR /><b>Welchen Rat würden Sie Menschen geben, die oft kopfschüttelnd vor seinem Werk stehen?</b><BR />Waldmann: Man könnte sagen, das Kopfschütteln gehört zu Beuys' Werk wie Fett, Filz und sein „Signature Look“ mit Anglerweste und Hut. Beuys hat als Künstler radikal neue Wege beschritten und den Kunstbegriff, also das, was Kunst sein und leisten könne, erweitert. Das gilt sowohl für die Form, in der die Kunst sich manifestiert als auch für die erhoffte Wirkungsmacht, die er der Kunst zugesprochen hat. „Jeder Mensch ist ein Künstler“ gehört zu den meistzitierten Aussagen von Beuys und nimmt eine ganz zentrale Rolle in seinem Denken ein. Beuys dachte Kunst als treibende, revolutionäre Kraft für sozialen und gesellschaftlichen Wandel, an dem Jeder und Jede eine gestalterische Rolle einnehmen kann. <BR /><BR /><BR />Auf dem Plakat für seine erste Ausstellung 1971 in Italien in Neapel steht programmatisch „La Rivoluzione siamo Noi“ – „Die Revolution sind Wir.“ Bei der Eröffnung stellte er seine gerade frisch gegründete „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ vor – eine Kunstaktion die als Thinktank für neue demokratische Ordnungssysteme – für eine Erneuerung des Rechts- und Wirtschaftslebens fungieren sollte. Das Kopfschütteln über die Kunst von Beuys reicht vom „Überrascht-Sein“ über die Wahl von Form und Material, wie bei der berühmten Fettecke, die 1986 bei Reinigungsarbeiten in der Kunstakademie Düsseldorf einfach entfernt wurde, bis hin zu absolutem Unverständnis und Zensur. Als Beuys 1984 den Zuschlag für ein Großprojekt im öffentlichen Raum in Hamburg bekam, bei dem er die mit verseuchtem Elbschlick aufgehäuften Spülfelder in Altenwerder radikal umgestalten und mit Hilfe von Pflanzen entgiften wollte, legt der damalige Bürgermeister Klaus von Dohnanyi ein Veto ein. Mit den Worten <Kursiv>„Das, was Beuys vorhatte, ist keine Kunst“</Kursiv> verhinderte er politisch das Vorhaben. Nicht zu schweigen von Beuys fristloser Entlassung als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf 1972, nachdem er sich weigerte, Studienbewerber abzulehnen und mit diesen das Sekretariat besetzte. Doch es ist nicht immer nur die ganz große Geste. Es gibt auch Werke, die Kopfschütteln mit einem Augenzwingern verbinden. So ziert folgender Schriftzug ein 1974 von Beuys und der Edition Staeck herausgegebenes Multiple: „Prof. Joseph Beuys, Institut for Cosmetic Surgery, Speciality: Buttocklifting“. <BR /><BR /><BR />Museum Schloss Moyland in Bedburg-Hau an der deutsch- niederländischen Grenze besitzt die weltweit größte Joseph Beuys Sammlung.<BR />https://moyland.de