Samstag, 02. Mai 2015

Ausstellung zeitgenössischer Kunst in der italienischen Botschaft in Wien

Noch bis Ende Juni wird in der italienischen Botschaft im Palais Metternich in Wien die Ausstellung "Dance of Diplomacy - Transpositions" der Brunecker Künstlerin Sissa Micheli gezeigt. Mehr als 300 Gäste, Sponsoren und Diplomaten waren zur Eröffnungsfeier gekommen.

Sissa Michelis "Dance of Diplomacy" (Foto: Silke Baron)
Sissa Michelis "Dance of Diplomacy" (Foto: Silke Baron)

„Der Wiener Kongress, die Erfindung der modernen Diplomatie 1815, ist ein prägendes Bild für jene Epoche, in der in Wien die Grenzen Europas nach Napoleon neu gezogen wurden. Dass sich Sissa Micheli, eine Künstlerin aus Südtirol, einer Region, wo vor knapp hundert Jahren ebenfalls Grenzen neu gezogen wurden, mit dieser Frage künstlerisch auseinandersetzt, ist besonders spannend, bemerkenswert und bereichernd. Weil das Ziel immer sein muss, dass der Tanz der Diplomatie den Stechschritt des Krieges überwindet und die Verbindung von Regionen, von Ländern, von Menschen ermöglicht,“ meinte der österreichische Kulturminister Josef Ostermayer.Die aus Bruneck stammende Künstlerin Sissa Micheli lebt und arbeitet in Wien. Sie ist u.a. diesjährige Trägerin des österreichischen Staatsstipendiums für künstlerische Fotografie. Bei der Ausstellung „Dance of Diplomacy – Transpositions“ handelt es sich um eine ortsspezifische Rauminstallation im Palais Metternich in Anlehnung an den Diplomaten und Staatsmann Klemens Wenzel Lothar von Metternich und dem Wiener Kongress.

Roland Fischer-Briand hat folgenden Text zur Ausstellung beigetragen:

L’année dernière au Palais Metternich …

Wüsste es man nicht besser, so könnte man – angesichts der aktuellen weltpolitischen Gegebenheiten – den Titel von Sissa Michelis Ausstellung Dance of Diplomacy im Wiener Palais Metternich als ironischen Euphemismus lesen.
Auch das Fundament dieser von Marcello Farabegoli kuratierten In-situ-Arbeit ist Zeuge einer turbulenten Historie: Vor 200 Jahren Sitz des Palais Kaunitz, welches dem Wiener Kongress als gesellschaftliches Parkett diente, an dessen Stelle Metternich 1848 sein Winterpalais fertigstellen ließ. Aufgrund der Revolution im gleichen Jahre wurde es geplündert und Metternich musste ins Exil nach London. Nach seiner Rückkehr zog er wieder ein bis zu seinem Ableben hier. Seit 1908 ist es in italienischem Besitz und bis heute Botschaft der Italienischen Republik. Gelegentlich musizierte Fürst Metternich (Violine) tatsächlich mit Kaiser Franz (Cello) an gemeinsamen Quartettabenden, und dies ist einer der Ausgangspunkte für Dance of Diplomacy.

Sissa Michelis zentrale Video-Intervention spiegelt nun diese Räume buchstäblich, indem sie fünf lünettenförmige Projektionsflächen (stellvertretend für die fünf Großmächte von 1814/15) ebendiese Oberflächen visuell abtasten lässt. Laterale wie vertikale Kamerafahrten, mal in die eine, mal in die andere Richtung, zuweilen um die eigene Achse drehend, heben zu einer Choreographie von architektonischen Details an. Gelegentlich synchron, bisweilen sich im Anderen
fortsetzend, entsteht ein polyphoner Diskurs über ein gemeinsames Thema.

Diese kollektive Bewegung wird akustisch von einem Haydn-Trio umfangen, welches jedoch auf etwa Dreiviertel seines Tempos verlangsamt und von Valeria Merlini resampled wurde. Dadurch erhält der Raum eine eigentümliche Zeitlichkeit, ein hypnotisches Schlingern, eine irreale Intimität, die durch die Absenz von Protagonisten in der Projektion nochmals die eigene Anwesenheit verstärkt. Während die runden Reflektoren sich in den Spiegeln des Saales multiplizieren, wird der Betrachter auf sich selbst zurückgeworfen. Dennoch sanft und elegisch, wie durch eine Lupe von Zeit und Raum.

Dance of Diplomacy kann als Transposition gelesen werden: wo Geschichte als eine Betrachtung auf die Zeit selbst, ihrer ständigen Permutation des Augenblicks, als Resonanzkörper unserer Gegenwart manifest wird.
Auch ihre Arbeiten in den angrenzenden Räumlichkeiten spiegeln einzelne Elemente dieser ortsspezifischen Installation wider: Eine Serie von hinterleuchteten Video-Stills, deren partielle Überdeckung die Künstlerin am Tag der Dreharbeiten in diesen Räumlichkeiten als tatsächlichen kosmischen Tanz am Himmel beobachten konnte. Wie auch in Historical space as filmic projection, wo ein Lichtkegel eines Projektors einen verdunkelten Raum abtastet und in dem sich der Betrachter zeitweise selbst – als Schattenspiel – dazwischen schiebt.

Sissa Micheli, deren Werke seit jeher über ihr Medium der Fotografie hinausgehen, entwickelt hier einmal mehr spannende und bezugsreiche Arbeiten, die sich gleichermaßen dem Raum wie dem Betrachter mit einschreiben.
„ Derjenige, der zum ersten Mal an Stelle eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation.“ Sigmund Freud, dem dieses Zitat zugeschrieben wird, dürfte wohl einen Diplomaten als Begründer von (Gesprächs-)Kultur vor Augen gehabt haben.

Noch bis zum 30. Juni 2015 kann nach Voranmeldung mit dem Kurator Marcello Farabegoli ein Teil der Ausstellung sowie eine Videodokumentation der Installationen besichtigt werden.

Die italienische Botschaft befindet sich im Palais Metternich im Rennweg 27 im dritten Wiener Gemeindebezirk.

stol