Ein Gespräch mit dem Direktor Bart van der Heide. <BR /><BR /><BR /><b>Die Jury hat Ihr „offenes und experimentelles Programm im Dialog mit internationalen Szenen und starkem lokalem Bezug“ gelobt. Welche Maßnahmen setzt das Museum für zeitgenössische Kunst, Museion, in Zukunft, um dieses Profil weiter zu schärfen?</b><BR />Bart van der Heide: Für uns sind Offenheit und Experimentierfreudigkeit keine Schlagworte, sondern konkrete Arbeitsprinzipien. Das Museion möchte die neue ICOM-Definition für Museen nicht nur symbolisch, sondern strukturell in die tägliche Praxis umsetzen (Anm. d. Red. ICOM ist der Internationale Museumsrat). Das bedeutet, dass wir unsere Arbeitsweise, unsere Entscheidungsprozesse und die Offenheit der Institution gegenüber Künstlern, Forschern und der Öffentlichkeit überdenken müssen. Wir werden weiterhin in langfristige Kooperationen statt in kurze Ausstellungszyklen investieren und in Formate, die eine nachhaltige Auseinandersetzung sowohl mit dem internationalen Diskurs als auch mit dem lokalen Kontext ermöglichen. Unser Profil zu schärfen bedeutet, Beziehungen und Prozesse zu vertiefen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1274391_image" /></div> <BR /><BR /><b>Und wie wollen Sie den Spagat zwischen globaler Relevanz und lokaler Förderung schaffen, ohne in eine identitätspolitische Debatte zu rutschen?</b><BR />Van der Heide: Wir sehen globale Relevanz und lokale Verantwortung nicht als Widerspruch. Heute entsteht internationale Relevanz oft gerade aus situativen Praktiken. Museion instrumentalisiert die lokale Identität nicht, ignoriert sie aber auch nicht. Südtirol ist eine mehrsprachige und historisch vielschichtige Region und daher für zeitgenössische künstlerische Fragen von großer Relevanz. Unsere Aufgabe ist es, Rahmenbedingungen für Reflexion und Dialog zu schaffen, statt feste Narrative zu liefern. <BR /><BR /><BR /><b>Der Preis würdigt Museen, die gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar machen. Welche konkreten kulturpolitischen Aufgaben sieht das Museion heute für sich, und wo verorten Sie dabei die Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit?</b><BR />Van der Heide: Museion versteht sich als eine zivile Institution. Unsere Verantwortung besteht nicht nur darin, gesellschaftliche Entwicklungen widerzuspiegeln, sondern auch die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass diese diskutiert, hinterfragt und verstanden werden können. Dazu gehören Themen wie Demokratie, Inklusion, technologischer Wandel und ökologische Transformation. Zeitgenössische Kunst ist keine Randerscheinung. Wir verstehen sie als einen wesentlichen Partner in Prozessen der sozialen Innovation. Museion positioniert sich daher zusammen mit Institutionen wie NOI Techpark, Eurac Research und der Freien Universität Bozen als kultureller Raum, in dem zukünftige Gesellschaftsmodelle vorgestellt, hinterfragt und kritisch weiterentwickelt werden können. Wichtig ist, dass diese Themen nicht symbolisch bleiben. Sie erfordern einen Wandel der Institutionen selbst. Für uns bedeutet kulturelle Verantwortung auch organisatorische Verantwortung, also im Grunde genommen das zu praktizieren, was wir in unserem Programm formulieren.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1274394_image" /></div> <BR /><BR /><b>Zeitgenössische Kunst ist aufwändig: Transport, Personal, Forschung, Vermittlung. Wie stabil sind aus Ihrer Sicht die Rahmenbedingungen in Südtirol – und welche politischen Entscheidungen wären notwendig, um Ihrem internationalen Anspruch langfristig gerecht zu werden?</b><BR />Van der Heide: Südtirol bietet relativ stabile Rahmenbedingungen, die wir sehr schätzen. Gleichzeitig erfordern internationale Ambitionen langfristige Planungssicherheit, insbesondere in den Bereichen Forschung, Personal, Naturschutz und Bildung. Langfristig setzt dies ein gemeinsames Verständnis von Kultur als nachhaltige öffentliche Investition voraus. Stabilität, Kontinuität, Vertrauen sind wichtige Voraussetzungen für Institutionen, die international tätig sind und zudem lokal verwurzelt bleiben.<BR /><BR /><BR /><b>Auszeichnungen erzeugen Erwartungen an Programm, Personal und Infrastruktur. Worin setzen Sie klare Prioritäten?</b><BR />Van der Heide: Unsere Prioritäten sind Menschen, Prozesse und Qualität. Wir konzentrieren uns auf nachhaltige Arbeitsbedingungen, berufliche Weiterentwicklung und institutionelle Klarheit. Innovation bedeutet für uns Kohärenz. Das bedeutet, dass wir Programme, Organisation und Werte langfristig aufeinander abstimmen<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1274397_image" /></div> <BR /><BR /><b>Dieser Preis würdigt Institutionen, die auch künstlerische Forschung ermöglichen. Wie wollen Sie Ihre Forschungslinien weiter ausbauen?</b><BR />Van der Heide: Die künstlerische Forschung steht im Mittelpunkt der Arbeit von Museion. Wir verstehen Ausstellungen nicht als Endergebnisse, sondern als Momente innerhalb längerer Forschungsprozesse. Deshalb investieren wir in langfristige künstlerische Kooperationen, Archivierungspraktiken und interdisziplinäre Projekte, die sich über einen längeren Zeitraum entwickeln. Gleichzeitig wenden wir die Forschung auch auf uns selbst als Institution an. So war das Museion beispielsweise das erste Museum für zeitgenössische Kunst in Italien, das einen Nachhaltigkeitsfahrplan veröffentlicht hat, wobei die Forschung als Instrument für institutionelle Reflexion und langfristige Verantwortung genutzt wurde.<BR /><BR /><BR /><b>Und wie sichern Sie Offenheit und Qualität – etwa durch Open Access Formate, Residencies, Expertenbewertung, Partnerschaften mit Hochschulen...?</b><BR />Van der Heide: Offenheit und Qualität stärken sich gegenseitig. Wir arbeiten mit strengen kuratorischen Prozessen, internationalen Netzwerken von Fachkollegen und akademischen Partnern und erweitern gleichzeitig den Zugang durch offene Formate, Vermittlung und Bildung. Residenzen, Forschungspartnerschaften und Kooperationen mit Universitäten ermöglichen es uns, lokale und internationale Perspektiven sinnvoll miteinander zu verbinden und sicherzustellen, dass Offenheit keine Geste, sondern eine Methode ist.<BR /><BR /><BR /><b>Kulturelle Teilhabe ist ein zentrales Thema der Kulturpolitik. Wie stellen Sie sicher, dass das Museion nicht nur eine Kunstelite anspricht?</b><BR />Van der Heide: Indem wir das Publikum ernst nehmen. Das bedeutet, dass wir unterschiedliche Wissensstände berücksichtigen, ohne Inhalte zu vereinfachen, dass wir Vermittlung und Bildung als Kernaktivitäten anbieten und dass wir Räume schaffen, in denen sich Besucher willkommen fühlen und nicht eingeschüchtert. Programme wie unsere Bildungsinitiativen, Jugendformate und gemeinschaftsorientierte Projekte wie der Art Club sind keine Zusatzangebote, sondern integraler Bestandteil unserer Mission.<BR /><BR /><BR /><b>Und welche Verantwortung trägt das Museion in unserer mehrsprachigen Region?</b><BR />Van der Heide: In einer mehrsprachigen Region ist Sprache sowohl Zugang als auch Haltung. Museion engagiert sich für sprachliche Zugänglichkeit und kulturelle Übersetzung, nicht nur in der Kommunikation, sondern auch in der institutionellen Praxis. Unsere Verantwortung besteht darin, Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Perspektiven koexistieren, interagieren und sichtbar bleiben können und in denen Vielfalt nicht nur symbolisch, sondern strukturell zum Ausdruck kommt