Das erste Jahr des dreijährigen Projekts, „Die insubrische Linie“, ist einem „trikontinentalen“ Narrativ verpflichtet und zeigt in Meran ein Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm, das historische Hintergründe des europäischen Imperialismus vornehmlich in Afrika aufarbeiten will und sich einem kritischen Transfer der „romantischen Vision eines einheitlichen, monolithischen Europas und seiner bedeutungsschwangeren Selbsterzählung“ widmen soll. <b>Von Ferruccio Delle Cave</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1042086_image" /></div> <BR /><BR />Den lokalen Ausgangspunkt dazu markiert eben die „insubrische Linie“, eine geologisch konnotierte Bruchlinie des europäischen und afrikanischen Kontinents, die in Meran verläuft und somit als künstlerisch aufzuarbeitende Metapher vor dem Hintergrund einer mehrsprachigen Kultur anzusiedeln wäre. Unser territorialer Mikrokosmos gerät so in seiner umkämpften Geschichte zwischen unterschiedlichen, teils gegnerischen politischen und wirtschaftlichen Kräften in einen großflächigen geografischen Kontext. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1042089_image" /></div> <BR />Die Ausstellung geht vom Buch „The Invention of Africa“ des kongolesischen Philosophen <b>Yves Valentin Mudimbe</b> aus, der die Idee Afrikas als eine moderne Erfindung beschreibt, welche sowohl mit der europäischen kolonialen – exotistischen und rassistischen – Vision als auch mit der idealisierten Projektion seiner globalen Diaspora verbunden ist. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1042092_image" /></div> <BR /><BR />Und so werden Künstler und Künstlerinnen aus mehreren Kontinenten wie Europa, Afrika, Lateinamerika und Asien in Meran im Zeitraum von 2024 bis 2027 gezeigt, die die Identität Europas von ihrem Blickwinkel aus aufarbeiten und erzählen werden. Die 11 Künstler und Künstlerinnen setzen sich mit der spekulativen Vorstellung der insubrischen Linie auseinander, die sich wie eine Naht an der Erdoberfläche – entstanden durch die Kollision der eurasischen und der afrikanischen tektonischen Platte – durch die Stadt Meran zieht. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1042095_image" /></div> <BR /><BR />Etwa die Werke von <b>Binta Diaw</b> und <b>Francis Offman</b>. Sie beschäftigen sich mit dem Thema „Extraktivismus“ und beleuchten die Geschichten alltäglicher Rohstoffe wie Kaffee und Karkadeh, aus dem Malventee hergestellt wird. Binta Diaw hat eine Installation und eine Textilarbeit realisiert, die auf die koloniale Beziehung Italiens zu Afrika in der Zeit des Faschismus zurückblickt. In seinen Bildern aus der Serie „Untitled“ greift Francis Offman hingegen die Verwendung von Kaffee auf, um an eine komplexe Geschichte anzuknüpfen, nämlich die mit imperialistischen Handelswegen und der kolonialen Ausbeutung von Ressourcen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1042098_image" /></div> <BR />Auch die Videoarbeiten von <b>Alessandra Ferrini</b> und <b>Abdessamad El Montassir</b> laden mit 2 unterschiedlichen Ansätzen zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Geschichte ein. <b>Liliana Angulo Cortés</b> und <b>Kapwani Kiwanga</b> untersuchen die Rolle der Botanik in verschiedenen Kontexten und Epochen. Kiwangas Serie „Flowers for Africa“ interpretiert die Blumenarrangements der Unabhängigkeitszeremonien in 54 afrikanischen Ländern neu, indem sie die verschiedenen Arten identifiziert, ihre Herkunft erforscht und die Verbindungen zwischen ihnen und den späteren kommerziellen Entwicklungen hinterfragt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1042101_image" /></div> <BR />Ein Kunstkollektiv in Zusammenarbeit mit der Stiftung Brera Mailand unter dem Sammeltitel <b>„The School of Mutants“</b> geht der Frage nach unserer „trikontinentalen“ Kultur nach. „Die insubrische Linie, deren Komposition das Ergebnis der Verschmelzung von „mehr-als-menschlichen“ Substanzen ist, ist eine materielle Metapher, die die Komplexität der Entstehung des heutigen Europas veranschaulicht. Das Narrativ der europäischen Identität und Reinheit wird durch die geologische Realität dekonstruiert: Das orographische Bild der Linie, die heute als Narbe sichtbar ist, materialisiert die Komplexität der Geschichte, die vor 65 Millionen Jahren mit dem Aufeinandertreffen von Afrika und Europa begann.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1042104_image" /></div> <h3> PUBLIC PROGRAM</h3>„Die Insubrische Linie“ präsentiert sich nicht nur als Ausstellung, sondern umfasst ein multidisziplinäres öffentliches Programm, das neben Führungen mit den Kuratoren und dem Team von Kunst Meran auch didaktische Angebote, Performances, Klanginstallationen und Vorführungen von Künstlerfilmen bietet.<BR />Termin: Bis 13.10., Kunst Meran Lauben 163, Meran<BR /><BR /><BR /><b>17.7:</b> Der Film „Aequare: the Future that Never Was“ von Sammy Baloji (Lubumbashi, Kongo, 1978) spielt im Yangambi Science Centre im des Regenwald und erzählt mit Archivmaterial und aktuellen Bildern von kolonialen Infrastrukturen, die die kongolesische Landschaft zerstören.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1042107_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>21.9.:</b> Performance-Programm in Zusammenarbeit mit Transart – Das Kunstkollektiv „The School of Mutants“ (2018) organisiert eine Parade durch Meran und lädt zu Workshops, Diskussionen und Vorträgen ein zu Themen wie: die Kultur der trikontinentalen und antikolonialen politischen Beziehungen, die sich im so genannten „Globalen Süden“ entwickelt haben und die Kernthemen des Kollektivs widerspiegeln. <b>Betty Tchomanga</b> (Charente-Maritime, 1989) präsentiert ein Tanzsolo, das der mythologischen Figur der Mami Wata gewidmet ist. Die Wassergöttin aus Benin, Kamerun, Kongo, Brasilien und Kuba verkörpert Ambivalenzen und Widersprüche, die die Kolonialgeschichte hervorgebracht hat. <b>Alessandra Ferrini</b> (Florenz, 1984) vervollständigt durch eine Lecture Performance ihre Präsenz in der Ausstellung, indem sie durch die Stimulation von Worten, Klängen und Bildern den Inhalten ihrer Recherche eine audiovisuelle Form verleiht.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>12.10.: Ufuoma Essi</b> (London, 1995) bringt mit ihrem Film „Is My Living in Vain“ eine Meditation über die Geschichte der Schwarzen Kirche als Raum der Zugehörigkeit und der gemeinschaftlichen Organisation nach Meran.<BR />Zudem führen Studenten des Studiengangs „Visual Cultures and Curatorial Practices“ von Brera im Rahmen einer kuratorischen Residenz Recherchen durch und werden alle 2 Wochen ein Bulletin zu den Themen und Werken der Ausstellung veröffentlichen.<BR />Mit dieser Auftaktausstellung beginnt auch die Zusammenarbeit von Kunst Meran mit dem Grafikdesigner <b>Montasser Drissi,</b> der das Programm grafisch begleitet.<Rechte_Copyright></Rechte_Copyright><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1042110_image" /></div> <BR /><h3> Vita Lucrezia Cippitelli</h3><BR />Die Kuratorin (Rom, 1974), Ph.D, Forscherin und Kuratorin, Co-Direktorin von Arthub. Sie war zuletzt künstlerische Leiterin von Ateliers Picha (Demokratische Republik Kongo, 2019-2022), einem langfristigen ortsspezifischen Bildungsprogramm der Organisation Picha (ein Zusammenschluss von Künstler*innen, die für die Biennale von<BR />Lubumbashi verantwortlich zeichnen), und Kuratorin der 7. Biennale von Lubumbashi. Sie kuratierte die Biennale „Interactiva“ (Merida, Mexiko, 2005 und 2007) und die 2. Biennale von Bucaramanga, „Desde aqui“ (Kolumbien, 2015). Die Schwerpunkte ihrer Forschung und<BR />kuratorischen Arbeit sind radikale Bildung, DIY-Kultur, Ortsspezifik und Kollektivität, mit besonderem Augenmerk auf die Epistemologie des globalen Südens. <BR /><BR /><BR />Cippitelli arbeitete maßgeblich am Aufbau eines Medienlabors in Havanna (Alamar Express Lab, zusammen mit Omni Zonafranca, Kuba, und Inventati, Italien, 2005-2007), eines Workshops für ortsspezifische Kunstproduktion in Khartoum (Khartoum Art Lab, Sudan, 2010-2012) und eines Masterstudiums für Visual Arts an der Alle School of Arts and Design – Universität Addis Abeba (2011-2016) mit. Lucrezia Cippitelli ist Professorin für Ästhetik an der Akademie Brera, Mailand, und kuratierte kürzlich die Ausstellung „Sammy Baloji. K(C)ongo, Frammenti di dialoghi intrecciati. Classificazioni sovversive“ (Uffizien, Florenz 2022) und<BR />„Georges Senga, Comment un petit chasseur païen devient prêtre catholique“ (Museo delle Civiltà, Rom, 2022). Parallel dazu hat sie als Co-Autorin im Buch „Colonialità e Culture Visuali in Italia“, Mimesis 2021, mitgewirkt.<h3> Vita Simone Frangi</h3><BR />Der Kurator (Como, 1982) ist Forscher, Kurator und Kunstkritiker. Er hat ein Doktorat in Philosophie – Ästhetik und Kunsttheorie an den Universitäten Bourgogne – Dijon (FR) und Palermo (IT) sowie einen philosophischen Aufbaustudiengang in kritischer Gesellschaftstheorie an der Università degli Studi in Mailand – Bicocca absolviert. Von 2013<BR />bis 2017 war Frangi künstlerischer Leiter von Viafarini (Mailand, IT). Seit 2013 leitet er gemeinsam mit Barbara Boninsegna Live Works – Free School of Performance an der Centrale Fies (Dro, Trient, IT). Für dieselbe Einrichtung arbeitete er gemeinsam mit Mackda Ghebremariam Tesfau&#39; (Razzismo Brutta Storia) und Justin Randolph Thompson (Blac History Month Florenz) an der Entwicklung und Gründung des Agitu Ideo Gudeta Fellowship. <BR /><BR /><BR />Seit 2014 leitet er mit Alessandro Castiglioni die nunmehr vierte Ausgabe des nomadischen Ausbildungsprogramms für Kurator*innen „A Natural Oasis?“ im Mittelmeerraum. Seit 2013 ist er Professor für Kunsttheorie und visuelle Kultur an der ESAD – Academy of Fine Arts and Design in Grenoble (FR), wo er zusammen mit Katia Schneller die Forschungsgruppe „Hospitalité Artistique et Activisme Visuel: pour une Europe diaporique et post-occidentale“ (2025 – laufendes Projekt) gegründet hat. Ebenfalls mit Katia Schneller gründete er das Festival des Gestes de la Recherche (4. Ausgabe 2023), das derzeit von Le Magasin – Centre National d&#39;Art Contemporain (Grenoble) ausgerichtet wird.<BR /><BR /><BR />Im Jahr 2015 war er unter den fünf Kurator*innen der 10. Ausgabe des Furla-Preises für zeitgenössische Kunst, 2016 unter den zehn Kurator*innen der 16. Quadriennale von Rom.2018 war er mit dem Projekt „Somatechnics. Transparent travelers and obscure no-bodies“<BR />Gastkurator am Museion, Bozen (IT). 2021 war er Teil des leitenden Kuratorenteams der „School of Waters – MEDITERRANEA19“, 2022 Ko-Kurator der 26. Ausgabe des Premio Nazionale Arti Visive Gallarate am MA*GA und Nominator für den MAXXI BVLGARI PRIZE 2022. 2021 war Frangi Tutor des Programms VERSO der Stiftung Fondazione Sandretto Re Rebaudengo (Turin, IT) und ist derzeit Mitglied des wissenschaftlichen Ausschusses des europäischen Projekts DE.a.RE – Deconstruct and Rebuild (2022-2024). Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen gehören: „Colonialità e Culture Visuali in Italia“ (mit Lucrezia Cippitelli, Mimesis, 2021) und „School of Waters. The Book“ (mit Alessandro Castiglioni, Archive, 2021).