Noch außergewöhnlicher ist der neue Ausstellungsort am Dach des Bunkers 23 in Tartsch: ein Masten mit 6 Metern Höhe und einem Durchmesser von 12 Zentimetern. Im starken Vinschger Wind flattert jetzt eine Friedensflagge, an der genauso stark gezerrt wird, wie zurzeit am Weltfrieden selbst. Kreiert hat sie Benno Simma im Rahmen von „Flagge zeigen“ von Othmar Prenner. Was der Künstler und Designer mit seinem neuesten Kunstprojekt vor hat, erklärt er im Interview. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="791156_image" /></div> <BR /><BR /><b>Der Name „Flagge zeigen“ ist vom Englischen „show the flag“ inspiriert, was so viel bedeutet wie „sich bemerkbar machen und Anwesenheit zeigen“, aber auch „sich für etwas oder jemanden stark machen“. Flagge zeigen wofür?</b><BR />Othmar Prenner: Ich habe eine Fahne gestaltet aus Kleidungsstücken, von Menschen, die behilflich waren, dass der Bunker 23 weiterhin ein Ort der Begegnung und Kultur sein kann. So entstand die Idee, den Fahnenmasten als Ausstellungsraum zu nutzen. Der Vorteil gegenüber den klassischen Galerien ist dabei, dass schnell und unkompliziert etwas in Bewegung gebracht werden kann, alle 2 Monate wird eine neue Arbeit installiert. Wobei diese nicht zwingend auf eine Fahne beschränkt ist, thematisch und in der Materialwahl sind die Künstler frei. Seit Ende Juli flattert nun die Arbeit von Benno Simma,„peace flag“.<BR /><BR /><BR /><b>Was zeigt die Fahne von Benno Simma?</b><BR />Prenner: Für dieses Werk verwendete der Künstler Zeitungen, welche bis in die Zeit vom 2. Weltkrieg zurückreichen. Teile davon hat er auf eine Leinwand angebracht und mit weißer Farbe lasiert, anschließend wurde das Peace-Zeichen verschoben darüber gesetzt. Die Botschaft des Werkes ist eindeutig.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="791159_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?</b><BR />Prenner: Ich lade immer wieder Künstler aus meinem Umfeld ein, mit Benno Simma gab es schon etliche gemeinsame Projekte.<BR /><BR /><BR /><b>In Ihren Werken taucht das Thema der Vergänglichkeit immer wieder auf, inwiefern befasst sich dieses neue Projekt damit?</b><BR />Prenner: Vergänglichkeit steht bei diesem Projekt nicht im Vordergrund. Bei „Flagge zeigen“ geht es um das schnelle, unkomplizierte handeln. Die Arbeiten sind Wind und Wetter ausgesetzt, oft ist das verwendete Material nicht wirklich für einen dauerhaften Einsatz gewählt und somit können sich die Werke mit der Zeit zersetzen, verfärben, altern.<BR /><BR /><BR /><b>Und wie wichtig ist Ihnen bei diesem Projekt, die allgemeine Zugänglichkeit zur Kunst?</b><BR />Prenner: Sehr wichtig – der freie Zugang zu jeder Tageszeit, ungeachtet des Wetters, ohne Bürokratie, ist ein weiterer großer Vorteil von „Flagge zeigen“. Eine klassische Ausstellung im Innenraum würde Öffnungszeiten, Vorschriften usw. mit sich bringen.<BR /><BR /><BR /><b>In Ihrer Arbeit schaffen Sie mühelos den Spagat zwischen Kunst und Design. Kunst verändert die Wahrnehmung des Betrachters. Welche Auswirkungen wünschen Sie sich für die Betrachter von „Flagge zeigen“?</b><BR />Prenner: In dieser Hinsicht habe ich einen ausgedehnten Spielraum, keine Hierarchie was Kreativität angeht, ungeachtet, ob es sich um gute Architektur, einen gut gestalteten Gebrauchsgegenstand oder eine Skulptur handelt. Kunst kann die Wahrnehmung der Betrachter verändern, wenn sie bereit sind, sich darauf einzulassen. Ich denke, Kunst kann Menschen ermutigen, etwas zu wagen, sich zu öffnen. Unser Leben, unsere Umgebung wird immer weiter nivelliert und eingeschränkt. Das gesamte Projekt sollte inspirieren zu Kreativität, Spontaneität und vielleicht auch Anstoß sein zu realisieren, welche Freiheiten das Leben eröffnen kann, wenn man einen riskanteren Weg abseits ausgetretener Pfade geht. Ein Gutes Beispiel dafür ist Hannelore, sie hat sich spontan entschieden mit Unterstützung von Karl, eine Permakultur ringsum den Bunker anzulegen. Dies in einer Landschaft, in welcher mittlerweile eine Betonsäule neben der anderen steht und große Flächen der Kulturlandschaft unter Planen verschwinden, nicht mehr zugänglich für den Menschen.<BR /><BR /><BR /><b>Sie sprechen auch aktuelle Themen an wie Krieg oder Klimawandel. Ist der Blick auf den Ortler vom Bunker 23 aus dabei ausschlaggebend gewesen?</b><BR />Prenner: Schon in der Grundstruktur des Bunkers 23 sind mit der Plattformumfriedung „give peace a chance“ sowie dem aus dem Bunker ragenden Wohnwagen viele Gedanken enthalten, welche in diese Richtung weisen. Der Bunker selbst wurde errichtet für kriegerische Handlungen. Mein lieber, leider verstorbener Freund Benny hatte schon früh den Gedanken, diese düstere Architektur in einen Ort des Friedens umzuwandeln. Benno Simmas Arbeit macht auf diese Themen aufmerksam, und beinhaltet auch den Klimawandel, welcher von hier aus mit dem Abschmelzen des Ortlers gut beobachtet werden kann.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="791162_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Im Projekt sprechen Sie auch davon, wie einfach es ist, eine Flagge zusammenzufalten und mitzunehmen. Hier erschließt sich das Motiv der weiterwandernden Kunst. Wollen Sie die Werke auf Wanderschaft schicken?</b><BR />Prenner: Beim Einholen meiner eigenen Fahne bin ich auf den Gedanken gekommen, diese auf eine Wanderschaft rund um den Globus zu schicken. Der Versand ist einfach, momentan suche ich Fahnenmast-Besitzer, welche zu einer Zusammenarbeit bereit sind.<BR /><BR /><BR /><b>Und wie schaut es mit den nächsten Künstlern aus? Haben Sie schon weitere gefunden?</b><BR />Prenner: Die nächste Arbeit realisiert Florian Slotawa, wobei sein Werk nicht aus einer Flagge bestehen wird; mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.<BR /><BR /><BR /><b>Die Bunkerfahne flattert leicht im Wind, ungreifbar. Wie greifbar bzw. ungreifbar nehmen Sie persönlich Kunst wahr?</b><BR />Prenner: Dazu fällt mir eine Arbeit von Sven Sachsalber ein, welche sich im Inneren des Bunkers befindet. Ein Schriftzug mit einem Zitat von Beuys: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Darunter ein Zitat von Kippenberger: „Jeder Künstler ist ein Mensch.“ Sven hat beide Sätze ineinander.<BR /><BR /><BR /><b>Peace Flag</b><BR /><BR /><BR />Die „peace flag“ von Benno Simma ist das erste Ausstellungsstück des Projekts „Flagge zeigen“. Aus der ursprünglichen Collage aus Kriegsberichterstattungen vom Zweiten Weltkrieg bis heute – mit weißer Farbe übermalt und dem farbigen Friedenssymbol im Zentrum – druckte er die Flagge, die seit Anfang Juli am Bunker 23 gehisst ist. Beide Kräfte, jene des Lebens und des Todes, sind präsent in seinem Werk. Und nicht nur dort: Von der Plattform aus schweift der Blick in die Umgebung; unter anderem auf die Ortler-Cevedale-Gruppe. Auch hier ist alles: Leben und Sterben und das endgültige Aus. Das Peace-Zeichen wurde 1958 vom britischen Künstler Gerald Holtom entworfen für die Kampagne der nuklearen Abrüstung – über die Greueltaten der Kriegsgeschehnisse. Das Friedenszeichen triumphiert in „peace flag“ im übertragenen Sinne über den Greueltaten der Kriegsgeschehnisse und Umweltsünden der Vergangenheit, spendet aber gleichzeitig Hoffnung, aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="791165_image" /></div> <BR /><BR /><b>Biografie: Benno Simma</b> (im Bild) stammt aus Bruneck und studierte an der IUAV-Universität in Venedig Archi- tektur. Seit seinem Abschluss betätigt er sich in den Bereichen Kunst, Architektur, Design und Musik. Außerdem ist er Grün- dungs-direktor der 1998 in Bozen entstandenen Akademie für Design – ADB<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="791168_image" /></div> <BR /><BR /><b>Biografie: Othmar Prenner</b> wurde 1966 in Schlanders geboren. Von 1990 bis 94 hat er Bildhauerei an der HTL Bau und Design in Innsbruck studiert, anschließend an der Akademie der Bildenden Künste in München (1995 bis 2001), wo er Meisterschüler bei Prof. Asta Gröting war. Bevor Prenner 2002 Assistent an der ADBK in München wurde, ging er 2001 mit einem Arbeitsstipendium nach New York. Othmar Prenner lebt und arbeitet in München und in Langtaufers (Vinschgau).<Rechte_Copyright></Rechte_Copyright> <Rechte_Copyright></Rechte_Copyright><BR /><BR /><BR />