Die Cross-Border-Kulturhauptstadt Europas will Grenzen abbauen, doch alte Zöpfe nicht abschneiden. <BR /><BR /><BR />Vor Beginn der Titelübernahme gab es berechtigterweise große Polemiken um die Kulturhauptstadt 2025, denn Gorizia hat in seinen Gemeinderegistern immer noch einen Ehrenbürger zu verzeichnen, der diese Ehre nicht verdient: Benito Mussolini. Noch im November brachten die Minderheitsabgeordneten der von Mitte-Rechts verwalteten Gemeinde einen Antrag ein, die Mussolini illo tempore verliehene Ehrenbürgerschaft abzuerkennen. Einige Gemeinden in der Umgebung von Görz hatten dies bereits getan. Der Antrag aber wurde von der Mehrheit geschlossen abgelehnt, worüber Nova Gorica wenig erfreut ist.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1118376_image" /></div> <BR />Gäbe es nicht diesen „Wermutstropfen!“, wäre die Idee einer staatenübergreifenden Kulturhauptstadt eine gute Sache. Deshalb will man in Görz auch mit dem Motto „Go!Borderless“ punkten. „Wir haben eine schwierige, teils blutige Vergangenheit, und darum bedeutet es so viel, dass wir nun so intensiv zusammenarbeiten“, freut sich Neda Rusjan Bric, künstlerische Beraterin des Projekts. <BR /><h3> Geschichte</h3><BR />In der Historie der beiden Kleinstädte mit jeweils rund 35.000 Einwohnern spiegelt sich gewissermaßen die Weltpolitik des vergangenen Jahrhunderts. Gorizia in der Region Friaul-Julisch Venetien ist dabei die viel ältere Stadt, die einst Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie und ein beliebter Winterkurort war und nach dem Ersten Weltkrieg Italien zugeschlagen wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Grenze 1947 neu gezogen, die östlichen Ausläufer der Stadt waren plötzlich jugoslawisch. „Gorizia hatte 2 Bahnhöfe. Einer davon war mehr oder weniger das einzige Gebäude auf der jugoslawischen Seite, sonst gab es nichts. Deshalb wurde entschieden, Nova Gorica (übersetzt: Neu-Gorizia, Anm.) zu bauen“, erklärt Bric, die auch als Schauspielerin und Theaterregisseurin arbeitet. <BR /><BR />Seit der Auflösung Jugoslawiens im Jahr 1991 gehört es zu Slowenien, seit 2007 kann die Staatsgrenze zu Italien aufgrund des Schengen-Abkommens, dem Slowenien beigetreten ist, an jeder beliebigen Stelle überschritten werden – wobei im Zuge der Covid-Pandemie 2020 für mehrere Monate wieder echte Grenzzäune hochgezogen wurden.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1118379_image" /></div> <h3> Menschen grenzüberschreitend zusammenbringen</h3><BR />Natürlich werden Performances, Konzerte, Theateraufführungen , Ausstellungen und vieles mehr in diesem Jahr geboten, aber in erster Linie geht es darum, die Sichtweise der Menschen in der Region zu ändern und Leute grenzüberschreitend zusammenzubringen.<BR /><BR /><BR />So wird etwa das Thema Grenze – teils spielerisch – angegangen. Entlang der früheren Sperrzone entsteht ein breiter Grüngürtel als transnationaler Erholungsraum mit diversen Attraktionen. Auf einem Spielplatz etwa kann man zwischen den 2 Staaten hin- und herschaukeln. Teil davon ist auch das „Epicenter“, das auf jenem Bahnhofsvorplatz – die Slowenen nennen ihn Trg Evrope, die Italiener Piazza Transalpina – entsteht, der vormals vom Grenzverlauf in der Mitte durchschnitten wurde und das als Zentrum der Kulturhauptstadt dient.<BR /><BR />Über das Sichtbarmachen und im besten Fall Überwinden fest gefahrener Sichtweisen auf das 20. Jahrhundert soll es im nahe gelegenen EPIC, einem in einer ehemaligen Lagerhalle untergebrachten neuen Museum, gehen. „Ein historisches Ereignis wird oft unterschiedlich betrachtet. Ein Beispiel: Österreich-Ungarn konnte die Italiener in einer der blutigsten Kämpfe des Ersten Weltkriegs, der Zwölften Isonzoschlacht, zurückdrängen. Noch heute nennen es die Slowenen, die damals aufseiten der Monarchie gekämpft haben, 'Das Wunder von Caporetto' , während in Italien von der 'Katastrophe von Caporetto' die Rede ist“, so Bric. Man wolle auch einen Beitrag zum „Ausbrechen aus historischen Bubbles“ leisten.<BR /><BR />Auch wenn grenzüberschreitendes Arbeiten, Einkaufen oder Ausgehen fest im Alltagsleben verankert ist, sollen die beiden Regionen nun kulturell mehr zusammenwachsen – und damit auch sprachlich. Um das gegenseitige Verständnis zu fördern, sind verschiedene Workshops geplant. So will man u.a. in einem Jahrzehnt eine Art passive Zweisprachigkeit erreichen.<BR /><BR />Darüber hinaus gibt es Programme zu Natur und Nachhaltigkeit, wobei etwa der durch beide Länder fließende Fluss Soca bzw. Isonzo eine Rolle spielen soll. Das jährliche traditionelle Gourmetfestival „Gusti di frontiera“ im Herbst wird nun 2025 kurzerhand in <TextHBlau>„Gusti senza frontiera“</TextHBlau> umbenannt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1118382_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Im Zuge der Schiene „Come Home“ werden aus der Region stammende Künstlerinnen und Künstler, die inzwischen international erfolgreich sind, eingeladen, ihrer Heimat wieder die Ehre zu erweisen. Einer davon ist Alexander Gadjiev, gebürtig aus Gorizia als Sohn einer slowenischen Mutter. Der 29-jährige Pianist ist zugleich „Botschafter“ der Kulturhauptstadt. Mit Orchester und Chor wird er auf der die Soca überspannenden und damit die beiden Länder verbindenden Solkan-Brücke auftreten und dann auf Sveta Gora, einem Heiligen Berg mit Kirche und Kloster, der für beide Länder ein wichtiger Ort ist. <BR /><BR /><BR />Zahlreiche „Hidden Treasures“ werden auch vor den Vorhang geholt: In einem Steinbruch, der immer noch in Betrieb ist und wo es ausschaut wie auf dem Mond, wird zum Beispiel die Tanzperformance 'Borderless Body' über Robotik und den menschlichen Körper stattfinden.“<BR /><BR />Nova Gorica-Gorizia stand auch in Kontakt mit den Verantwortlichen der österreichischen Kulturhauptstadt „Bad Ischl – Salzkammergut 2024“. Und so wurde geplant einige SKG-Projekte als „Erbe“ weiterzuführen – etwa die im Innenhof des alten Postgebäudes von Bad Ischl untergebrachte Installation „Luv Birds in toten Winkeln“ der slowenisch-österreichischen Künstlerin Maruša Sagadin, die auch in der slowenisch-italienischen Kulturhauptstadt 2025 ihren Platz findet.<BR /><BR />Die künstlerische Beraterin des Projekts „GO!2025“ will sich auf jeden Fall auch den Negativseiten stellen, indem sie mithilfe von Kunst und Kultur Vergangenheitsbewältigung anstrebt. Wobei es nicht darum geht, nur Hochkultur zu produzieren, sondern die Menschen mitzunehmen. <BR /><BR />Der erste Schritt diesbezüglich war im Dezember das Einschalten einer erstmals künstlerisch einheitlich gestalteten Weihnachtsbeleuchtung für Nova Gorica und Gorizia. Nun fiebert man dem Eröffnungsspektakel entgegen: Die Kulturhauptstadt 2025 wird mit einem groß angelegten öffentlichen Fest von 7. bis 9. Februar eröffnet – und somit um den 8. Februar, an dem in Slowenien immer der Nationale Kulturfeiertag begangen wird. Das ist der Sterbetag des bedeutendsten Dichters des Landes, <Fett>France Prešeren</Fett> (1800-1849), der auch die Nationalhymne Sloweniens getextet hat. Dass es im Text selbst nicht – wie sonst eher üblich – um Blut und Boden, sondern ums gesellige Trinken geht, kann man auf der Habenseite verbuchen.<BR /><BR /><BR />Highlight<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1118385_image" /></div> <h3> Fotografie: McCurry – Sguardi sul mondo</h3><BR />Steve McCurry gilt seit über 50 Jahren als einer der größten Meister der zeitgenössischen Fotografie. Im Zuge des Projekt „GO! 2025 & Friends“, das sich über die gesamte Region erstreckt, werden im Salone degli Incanti in Triest (bis 4.5.) mehr als 150 Fotografien des Künstlers gezeigt. Jede Aufnahme ist ein Fenster zu fernen Welten und nimmt den Besucher mit auf eine Reise durch verschiedene Kulturen. McCurry bringt uns ferne Völker näher und enthüllt verborgene Fragmente der Menschheit, indem er durch stolze, würdevolle Gesichter universelle Gefühle offenbart. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1118388_image" /></div> <BR /><h3> Tanz: Corpo Senza Confini</h3><BR />„Corpo Senza Confini“ ist Nova Goricas erstes dauerhaftes grenzüberschreitendes Tanzprojekt mit Tanz- und Multimediakunstperformances, die die Grenzen des Körpers und der künstlichen Intelligenz ausloten. Das Schlüsselereignis des Jahres 2025 findet in der postapokalyptischen Umgebung eines Steinbruchs in Solkan statt. Und vom 10. bis 15 Oktober findet das „Visavì Gorizia Dance Festival“ statt. 5 Tage, 18 Veranstaltungen, 10 Orte, mit Ensembles aus Malta, Italien, Slowenien, Kroatien, Israel und Aufführungen auf italienischem und slowenischem Gebiet.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1118391_image" /></div> <BR /><h3> Walk of peace: Dalle Alpi all'Adriatico</h3><BR />Das Erbe des Krieges ist unübersehbar: Er hat Menschen, Landschaften und das Leben auf beiden Seiten der Grenze geprägt. Ein Jahrhundert nach dem Ersten Weltkrieg verbindet der <Fett>„Walk of Peace“</Fett> mehr als 300 Gedenkstätten auf einer einzigartigen Strecke von über 500 Kilometern, die von den Alpen bis zur Adria führt. Zwei Projekte sind Teil von „GO! 2025: die Inventarisierung österreichisch-ungarischer Friedhöfe und italienischer Gräber entlang des Weges sowie die Einrichtung eines Parks der Nationen mit kulturellen Veranstaltungen und einem Führer über den Friedensweg. <BR />www.thewalkofpeace.com<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1118394_image" /></div> <h3> Theater: Inabili alla morte/Nezmožni umreti</h3><BR />Das Projekt „Inabili alla Morte – Nezmožni umreti“ (10.- 11.5) wurde von Giacomo Pedini konzipiert und wird teilweise von ihm inszeniert mit dem Verein Mittelfest. Gorica-Gorizia: Zwei Städte am Schnittpunkt dreier europäischer Kulturen – der italienischen, der slowenischen und der österreichischen –, die zusammen die Geschichte des Kontinents nach den Weltkriegen, die darauf folgenden Spaltungen und die Versuche, sie zu überwinden, darstellen. Der Titel „Untauglich für den Tod“ stammt aus Joseph Roths Meisterwerk „Die Kapuzinergruft“. Das gesamte Projekt ist aus diesem Roman entstanden. <BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1118397_image" /></div> <h3> MUSIK: Episkop</h3>Der musikalische Abend „Episkop: I suoni delle parole / Suns di peraulis“ (29.1.) ist der friaulischen Poesie vom Mittelalter bis zur Gegenwart gewidmet, mit besonderem Augenmerk auf Autoren und Schriftstellerinnen aus Gorizia. Nach einem kurzen Einführungsbeitrag über die friaulische Sprache werden die Gedichte (im friaulischen Original und in der slowenischen Übersetzung, mit Bearbeitungen des Autors) von Jani Kovacic, der Gorizia-Musikgruppe Dramsam und dem Dichter und Übersetzer Matej Tratnik begleitet.<BR /><BR /><BR /><b>Infos:</b> www.go2025.eu/it<BR />Rechts einige Kulturhighlights<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /></TD><TD></TD><TD>