Freitag, 22. Mai 2015

Der Fall Kippenberger: sieben Jahre danach

Sieben Jahre nach der hitzig diskutierten Eröffnungsschau wagt sich das Museion erneut an Martin Kippenberger und ja, auch an sein von vielen Südtirolern verschmähtes Werk „Zuerst die Füße“. Der geladene Kunsthistoriker stellte sich auch den Fragen von STOL zum „Froschskandal“.

Martin Kippenbergers Werk "Zuerst die Füße", das vor sieben Jahren im Museion ausgestellt wurde, brachte viele Diskussionen mit sich.
Martin Kippenbergers Werk "Zuerst die Füße", das vor sieben Jahren im Museion ausgestellt wurde, brachte viele Diskussionen mit sich. - Foto: © STOL

„Nach sieben Jahre ist etwas Ruhe in das Haus eingekehrt. Da war es an der Zeit, in einer anderen Atmosphäre und auf andere Art über Martin Kippenberger zu sprechen“, so Museion-Direktorin Letizia Ragaglia zum Einstieg Donnerstagabend.

Das zeugt von Größe, Überwindung, Nachdruck, offenbart aber auch, dass das Bauchweh nicht gänzlich verschwunden ist, dass dem Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Bozen Narben zurückgeblieben sind. 

Überaus bemerkenswert: der Vortrag von Matthias Mühling, einem deutschen Kunsthistoriker, Kurator und Publizist. Bemerkenswert auch die feine, aber kleine Gruppierung von Interessierten. 

Der gekreuzigte Frosch: keine Religionskritik

Vorneweg die Einschätzung Matthias Mühlings zum Werk „Zuerst die Füße“: „Der Frosch ist keine Religionskritik. Denn solche, welche sie tätigen, hoffen, dass sich die Religion bessert, die man verfolgt. Es geht nicht um eine kluge Kritik, sondern darum, etwas in den Dreck zu ziehen und völlig lächerlich zu machen.“

 

Matthias Mühling, Direktor des Lenbachhaus und Kunstbau München, sprach im Museion über das Werk Martin Kippenbergers. Foto: Luca Meneghel

 

Südtirol Online: Das Museion ist aufgrund des Kippenberger Werkes zum Auftakt im neuen Haus sehr angefeindet worden. Muss sich ein Museum auch damit beschäftigen, wie man mit unverständigen Menschen umgeht?

Matthias Mühling: Meine These dazu ist: Wenn es einen solchen Streit gibt, muss man sich mit den Menschen unterhalten. Das ist selbstverständlich. Streit ist etwas ganz menschliches. Aber ich glaube, dass dieser Streit in Bozen nicht dem Werk von Kippenberger geschuldet ist, sondern dass ein Stellvertreter-Kampf geführt wurde.

Es ging eigentlich darum: Was für eine Identifikation über Kunst will man in Bozen, für wen ist das Museion da, wen spricht es an, wie weit kann man mit der Kunst gehen?

Das war die eigentliche Diskussion. Der arme Martin Kippenberger ist da mitten ins Kreuzfeuer geraten. 

Diese Diskussion muss man führen. Es wäre falsch, die unter der Decke halten zu wollen. Insofern war es sicher sehr schmerzvoll für die Menschen, die damals hier im Museion gearbeitet haben. Retrospektiv hat dies aber enorm zur Ausbildung einer Identität dieses Hauses beigetragen.

STOL: Die Erleichterung der heutigen Museion-Führung ist also verständlich, in der der Tenor mitschwingt: "Gott sei Dank betrachten wir den Kippenberger heute auf eine andere Art und Weise, denn anderes sind wird leid"?

Mühling: Das kann ich nur zu gut verstehen, da der Kippenberger doch so viel mehr ist, als das, was ihm hier angedichtet worden ist.

Es gehört aber zum Alltag eines Museumsdirektors, dass man sich damit auseinandersetzt, dass es Unverständnis in und über die Kunst gibt. Weil ja gerade die Künstler oft versuchen, dieses Unverständnis hervor zu kitzeln. Da können wir nicht sagen, ihr könnt nach Hause gehen. Sondern dann wird es ja auch erst richtig interessant.

STOL: Gilt das Verständnis auch, wenn genau daran Karrieren scheitern, wie jene der damaligen Direktorin der Stiftung Museion Corinne Diserens, die ihren Posten aufgrund der damaligen Entwicklungen räumen musste?

Mühling: Das ist traurig, wenn es dazu gekommen ist. Die genauen Gründe erschließen sich mir nicht. Aber: Ja.

Sich mit der Kunst auseinanderzusetzen, bedeutet ein Risiko und bedeutet, dass die Kunst ein Auf und ein Ab kennt. Das gilt für Künstler ebenso, wie für jene, die die Kunst vermitteln.

STOL: Im Vortrag sprachen sie aber auch davon, dass es Werke gibt, deren Bedeutung und Aussage sich nicht erklären lassen. Dass Künstler, wie auch ein Kippenberger, oft einfach sinnfreie Sachen machen, die man nicht verstehen muss, sie aber einfach doof finden kann. Wie erklärt man das vor dem Museion betenden und protestierenden Menschen, die eine Erklärung verlangen?

Mühling: Ich hatte das Gefühl, dass von der Museion-Seite sehr gut erklärt worden ist, worum es geht, was dieses Kippenberger-Werk ist. Mehr, als dass man immer wieder erklärt, was es bedeutet, kann man nicht machen.

Wenn man einmal in einer Kampagne gefangen ist, in der es gar nicht mehr um das Werk Kippenbergers geht, dann kommt man aus der Sache nicht mehr sauber raus. Irgendjemand musste dann wohl sein Gesicht verlieren.

 

Die Sonntagszeitung Zett hatte damals als erstes Medium über die Eröffnungsausstellung und den gekreuzigten Frosch berichtet. Als Folge auf die hitzige Diskussion wurde die Titelseite "Das Museion im Kreuzfeuer" vor das Werk Kippenbergers gehängt. Foto: Zett

 

STOL: War das Ganze für das Museion denn nicht auch ein Glücksgriff?

Mühling: Nein, das glaube ich nicht. „Oh, wie toll, wir haben diese heftige Diskussion geführt und sie hat zum Charakter und den internationalen Ruf des Hauses beigetragen“, würde ich überhaupt nicht sagen.

Ich glaube, dass es keine besonders fruchtbare Diskussion gewesen ist, aber die Momente in denen gestritten wird, sind immer die Momente, an die man sich erinnert. Eine Freundschaft lebt auch davon, dass man sich mal gestritten hat. Es sind diese Momente, auf die es ankommt, in denen sich offenbart, was man denkt. In denen sich offenbart, wer Freund und wer Feind ist.

Insofern sind solche Diskussionen wichtig, doch sie werden teilweise ein bisschen zu hitzig geführt. So hätte es nicht sein müssen.

STOL: Profitiert ein Künstler (bei Kippenberger stellte sich der weltweite Erfolg erst nach seinem krankheitsbedingten Tod im Jahr 1997 ein), ein Werk von so einem Streit?

Mühling: Es ist eine große These im Kunstmarkt, dass je größer der Skandal ist, umso besser verkaufen sich die Arbeiten. Aus persönlicher Erfahrung kann ich das überhaupt nicht behaupten. Martin Kippenberger war ja schon tot, als das Werk in Bozen gezeigt wurde. Für seine Karriere hat es nichts bedeutet. Die Idee, jetzt bauen wir eine Karriere auf einen Skandal auf, ist Unsinn.

Man muss gute Kunst machen, um erfolgreich zu sein.

Interview: Petra Kerschbaumer

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Die Einladung des Museions zum Vortrag über Martin Kippenberger sorgte auf Facebook wiederum für einige entrüstete Reaktionen.

stol