Alex Cecchetti aus Terni (*1977) ist Künstler, Poet und Choreograph. Er lebt in Paris und London. Cechetti hat einen ganz persönlichen Kunststil entwickelt, den man als Kunst der Vermeidung bezeichnen könnte. Der international anerkannte Künstler stellt weltweit in Museen, Kunstzentren und Galerien aus. Beim Italian Council, einem internationalen Wettbewerb zur Unterstützung der Kreativität des Zeitgenössischen und der künstlerischen Forschung wurde er vor Kurzem zu den 10 „unterstützungswürdigen“ Künstlern gewählt. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="716990_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>In Ihren Arbeiten nehmen Sie oft Bezug auf Techniken aus aller Welt? Woher rührt dieses globale Interesse?</b><BR />Alex Cecchetti: Das ist keine leichte Frage. Mein Leben ist eine Art kontinuierliche Reise, die die Grenzen überschreitet. Die erste Reise, auf die ich ging, war mit zweieinhalb nach Afghanistan. Im Auto, von Italien aus. Ich habe sofort die Erfahrung gemacht, wie ein menschliches Wesen eine Brücke sein kann, oder vielleicht ein Boot. Etwas, das reist, während dieser Reise aber nicht undurchlässig ist, für die Einflüsse, denen es begegnet. Man absorbiert und gibt auch etwas ab. Es geht mir weniger um mein eigenes Interesse für andere Kulturen und mehr um die Position des Einzelnen in der Welt. Das ist Teil meiner Biographie. Dieses Interesse, wenn man mehr als oberflächlich in eine andere Kultur eintaucht, lässt uns Rassismus und Vorurteile überwinden. Es ist mehr eine Liebe als ein Interesse.<BR /><BR /><BR /><b>Kommt dieser Kontakt immer zustande? Kommt es vor, dass Sie zu einem Ort keinen Zugang finden?</b><BR />Cecchetti: Ich weiß nicht. Ich bleibe immer durchlässig für äußere Einflüsse, was manchmal auch gefährlich ist. Es entstehen emotionale Beziehungen nicht nur zu Personen, sondern auch zu anderen Lebewesen. Ich war auf einer kleinen griechischen Insel, Kastelorizo, wenige Kilometer von der Türkei entfernt. Dort ging ich eine besondere Verbindung zu den Bäumen und Ziegen ein. Jedes Wochenende ging ich sie, einen nach dem andern, besuchen. Nicht weil ich das Gefühl gehabt hätte, dass sie wichtig waren, sondern weil sie dort waren. Sie sind Wesen, sie sind Personen, diese Bäume und Ziegen. Als ich nach 9 Monaten die Insel verließ, habe ich geweint. Es war, wie man eine Familie verließ.<BR /><BR /><BR /><b>Wer den Wald einmal mit all seinen Verbindungen wahr nimmt, der wird es schwer haben, der Natur gegenüber gleichgültig zu sein…</b><BR />Cecchetti: Man kann den Wald analytisch betrachten. Das ist im Grunde nicht notwendig. Wer in den Wald geht, weiß, dass er beobachtet wird, dass er sich in einem anderen Organismus befindet. Im Wald kommuniziert und plaudert alles ständig miteinander. Deswegen habe ich nie an die wirkliche Stille geglaubt, weil die Dinge immer im Austausch stehen. Auch dieser Bach plappert konstant, schneller als ich.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="716993_image" /></div> <BR /><b>Es gibt die Erzählung, dass John Cage auch im schalltoten Raum noch drei Dinge gehört hat - seinen Herzschlag, das Blut in seinen Adern und das eigene Nervensystem…</b><BR />Cecchetti: Es ist auch eine Meditationstechnik, auf die Geräusche des eigenen Körpers zu hören. Er spricht mit sich selbst, wie ein Wald und man wird sich dessen bewusst, besonders seines Atems. In der Stille macht man diese Erfahrung, es ist alles ähnlich einem Wald: Da gibt es einen Specht, der klopft, und einen Bach, der rauscht.<BR /><BR /><BR /><b>Entsteht Ihr künstlerisches Schaffen eher aus solchen Meditation oder angeregten Zuständen heraus?</b><BR />Cecchetti: Einige meiner Werke habe ich sogar geträumt. Es passiert mir oft, dass ich ein Werk träume, welches im Traum zu einem anderen Künstler gehört – unbekannten Künstlern oder Freunden, welche gar nicht künstlerisch tätig sind. Im Traum denke ich: „Ich hätte sie beinahe gehabt, diese Idee, aber sie/er ist zuerst drauf gekommen.“ Und dann wache ich auf und beschließe, es für die nächste Ausstellung umzusetzen. <BR /><BR /><BR /><b>Wie Paul McCartney, dem „Yesterday“ im Traum einfiel.</b><BR />Cecchetti: Das wusste ich nicht, aber ich träume oft Arbeiten. Manchmal auch als eine Art Vision. Das ist nicht programmatisch. An einem gewissen Punkt muss man erkennen, dass das Bild, das sich einem gezeigt hat, zum Kunstwerk werden kann, dass man es anderen schenken und sie einladen kann, es zu sehen. <BR /><BR /><BR /><b>Würden Sie Ihre Beziehung zur Kunst als intim ansehen?</b><BR />Cecchetti: Wenn eine Idee es wert ist, dass ich an ihr arbeite, dann weil ich in diesem Moment außer mir, „fuori di testa“ war. Das hat wieder mit Grenzen zu tun. Es ist immer etwas, das mich erreicht, wenn ich eher dort drüben, „di là“, als hier bin.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="716996_image" /></div> <BR /><b>Gibt es bereits einen thematischen Kern von dem Sie wissen, dass Sie ihn bei der Biennale 2022 behandeln wollen?</b><BR />Cecchetti: Die Idee ist, den Besucher an jenen Punkt zu bringen zu diesem „di là“, von dem wir gesprochen haben und das Thema des Weges zu behandeln. Das, was an diesem Weg, wie bei einer Idee wichtig ist, ist nicht von Punkt A zu Punkt B zu gelangen, sondern das Gehen, die Bewegung. Wenn ich jetzt ein Weg bin und als Weg spreche, dann interessiert mich nicht nur der Anfangs- oder Endpunkt, sondern auf meiner ganzen Länge zu existieren. Ich würde den Besucher gerne auf der Distanzierung vom Selbst, von der eigenen Individualität zu einem größeren Selbst hin begleiten.Um dort hin zu gelangen, muss man sein Ego, das wie eine Art Netz ist, zurücklassen, befreien. Auf diesem Weg sollte niemand einen Namen oder eine Stellung haben. Das ist nicht wichtig.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="716999_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wird dieser Weg eher eine Einzelerfahrung sein, oder gehen ihn mehrere Personen gemeinsam?</b><BR />Cecchetti: „Walking Backwards“ war eine andere Arbeit bei der man sich rückwärts durch botanische Gärten bewegt und sie war für 2 gedacht: Einen Teilnehmer und eine Person, die führt. Das schafft eine tiefe Beziehung, die auf einer unbekannten Erotik gründet. Es ist eine Anziehung ohne Sexualität. Man schafft einen Dynamo, der Energie von einer Person auf die nächste überträgt. Ich denke, bei der Arbeit zur Biennale muss man wieder über eine solche Intimität nachdenken, weil sie sich anbietet. Es wird nicht eine große Gruppe einem Guide folgen.<BR /><BR /><BR /><b>Was bedeutet für Sie Erotik?</b><BR />Cecchetti: Die Welt ist erotisch, angefangen bei den Blumen: Sie sind eine erotische Strategie von einer Ausgefeiltheit und Intelligenz, an die wir Menschen nicht heran gekommen sind. Wie schafft man es, nicht nur Vögel oder Insekten, sondern sogar uns Menschen anzuziehen? Die Blume hat uns nichts gesagt außer einer Farbe. Das Universum selbst ist erotisch und so wunderbar, denn das Bewusstsein selbst ist nichts als die Manifestation eines erotischen Wunsches. Ich will wissen, woraus die Sterne sind, weil ihr Licht mich im ersten Moment verführt hat. Die Verführung und die Erotik sind der universelle Zeitvertreib. <BR /><BR /><BR /><b>Braucht es dieses menschliche Verstehen-Wollen für Sie immer?</b><BR />Cecchetti: Ich bin verliebt. Man kann nur verliebt sein, und wer es nicht ist, der tut nichts. Wer möchte schon morgens aufstehen, wenn er nicht verliebt ist? Für mich ist das offensichtlich, und ich weiß nicht, was ich ohne das machen würde. Es wirkt banal, aber je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr ist es so.<BR /><BR /><BR /><b>Der englische Philosoph John Berger sagt: Das sichtbare und unsichtbare Sehen sind die essenzielle Form unserer Beteiligung am Leben...</b><BR />Cecchetti: Ich habe im Louvre eine Arbeit gemacht, die sehr stark mit der Wahrnehmung spielte: Einen geführten Besuch des Louvre, bei dem der Louvre nicht dort war. Die Bilder und Skulpturen sind fort, Paris ist fort. Dort bin nur ich und die Säle sind leer. Im ersten Moment sind die Besucher ungehalten, weil da nur ich bin. Dann spiele ich ein Spiel: Ich nehme die Jacke von jemandem und halte sie an die Wand. Und bitte alle bis 3 zu zählen, bevor ich die Jacke entferne, als ob etwas auftauchen müsste. Ich verwende ein wenig den Gestus eines Zauberers. Ich wiederhole das dreimal und nichts erscheint. Dieser Flecken Wand, den ich aufdecken möchte, ist eine Fläche, die wir kollektiv für Projektionen nützen können. Jeder sieht sie anders. Was auftauchen muss, ist unsere gemeinsame Verantwortung. <BR /><BR /><BR />I<b>n Ihrem Curriculum liest man, Sie seien 2014 verstorben…</b><BR />Cecchetti: Damit das schon einmal erledigt ist, so muss man nicht mehr daran denken. Man kann sich befreien vom Tod und an anderes denken. Sich nicht vom Tod, aber von der Angst vor ihm zu befreien, ist ein grundlegender Schritt, um anzufangen zu sein. Damals hatte ich beschlossen, mit der Angst vor dem Tod aufzuhören. Ich war in San Francisco, begann, mich sehr für Botanik zu interessieren: Ich ging joggen und stellte fest, dass wenn ich nun einen Herzinfarkt hätte, ich niemanden kennen würde von diesen Blumen, Bäumen und Pflanzen. Tags darauf kam ich zurück und habe Fotos von all diesen Personen gemacht und ihre Namen und das, wofür wir sie nutzen. Ich habe von allen gekostet und hatte eine kleine Kolik, aber das war egal. Dann, als ich zum Joggen dort zurück kam, waren sie alle Freunde. Ich falle, mit meinem Gesicht unter Freunde. <BR /><BR /><BR /><b>In Südtirol haben Sie schon mehrfach gewirkt, ist das auch eine Rückkehr zu Freunden?</b><BR />Cecchetti: Ich komme wirklich oft und kenne mittlerweile nicht mehr nur Menschen, sondern auch Wälder. Ich erinnere mich, wie ich eine Arbeit für eine Projektion nach Bozen ins Museion brachte. Es war eine Arbeit über den heiligen Franziskus, die ihn beim erklimmen eines Berges zeigte, währenddessen er sich auszog. Am Gipfel verschwand er, als ob er nach der Kleidung sich selbst ablegen würde. Das war eine Arbeit von 1999-2001. Dieses sich selbst ablegen, das ist in etwa das, was ich hier machen möchte. Das ist seltsam.<BR /><BR />Ein interessantes Gespräch mit dem Künstler hat das Castello di Rivoli Museo d'Arte Contemporanea <a href="https://www.youtube.com/watch?v=RgYNVcDz51A" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">in diesem Video</a> gestaltet. <BR /><BR /><BR /><b>Biennale Gherdëina</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="717002_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><OrtGrundschrift>St. Ulrich.</OrtGrundschrift> Bei der 8. Ausgabe der Biennale Gherdëina hat man für nächstes Jahr mit <TextHBlau>„Persones Persons“</TextHBlau> einen auf den ersten Blick missverständlichen Titel gewählt: Personen, damit sind nicht nur die Menschen gemeint sondern auch alles andere.<BR />Man macht sich einen Kniff zu Nutze, der im Tierrecht schon lange Anwendung findet und, mit den Waffen der Kunst, auch in den Köpfen wirksam sein kann: Erklärt man einen Oktopus zur Person, so steht er unter besonderem Schutz, erhält Rechte, die ihm zuvor verwehrt waren. „Gemeinsam mit Lucia haben wir versucht, uns Möglichkeiten vorzustellen, auf welche Personen und andere Lebewesen, sowie Berge und Landschaft zusammenleben, Geschichte machen und Mythologien zu teilen“, meinte <Fett>Filipa Ramos</Fett> (rechts) bei der Vorstellung der Biennale Gherdëina. Ihre Co-Kuratorin, <Fett>Lucia Pietroiusti</Fett> (links) ging darauf ein: „Wir wollen einen Beitrag leisten zu dem was sicherlich die größte Herausforderung unserer und zukünftiger Generationen ist, der Klimawandel und die Umweltzerstörung. (…) Es besteht eine ausgesprochene Dringlichkeit einen Zugang zu diesem Thema zu finden und es wahrzunehmen.“ Sicher besteht in diesem Ansatz großes Spannungspotential zum Kontext Südtirol in den sich die Biennale 8 einfügt, doch auch ein fruchtbarer Boden. <BR /><BR /><BR />PS: Das renommierte Kunstmagazin ArtReview aus London, das 1948 gegründet wurde, veröffentlicht jedes Jahr ein Ranking der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten in der Kunst. 2021 wurde <Fett>Lucia Pietroiusti</Fett> auf Platz 13 gewählt.<Rechte_Copyright></Rechte_Copyright><BR /><BR /><b>Teilnehmende Künstler 2022:</b><BR /><BR /><BR />Etel Adnan<BR />Chiara Camoni<BR /><b>Alex Cecchetti</b><BR />Gabriel Chaile<BR />Revital Cohen und Tuur van Balen<BR />Jimmie Durham<BR />Simone Fattal<BR />Barbara Gamper<BR />Kyriaki Goni<BR />Ignota Bücher<BR />Karrabing Filmkollektiv<BR />Britta Marakatt-Labba<BR />Lina Lapelytė<BR />Eduardo Navarro<BR />Angelo Plessas<BR />Tabita Rezaire<BR />Sergio Rojas<BR />Giles Rund<BR />Thaddäus Salcher<BR />Martina Steckholzer<BR />Himali Singh Soin und David Soin Tappeser<BR />Ana Vaz und Nuno da Luz<BR />Bruno Walpoth<BR />Zadie Xa und Benito Mayor Vallejo<BR /><Rechte_Copyright></Rechte_Copyright><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />