Die Künstlerin Teresa Margolles bringt mit „Frontera“ mexikanische Realität mitten in die Südtiroler Landeshauptstadt. In ihren Kunstwerken – entrissen aus ihrem ursprünglichen Umfeld in Mexiko – stellt sie die Kriminalität in der mexikanischen Gesellschaft, die Drogenkriege, den Schmerz und den Tod in den Mittelpunkt.Die Millionenstadt Ciudad Juarez, Grenzstadt zu den USA, zählt rund 3000 Todesopfer jährlich und gilt als eine der gefährlichsten Städte der Welt. In ihrer Ausstellung (29. Mai bis zum 28. August im Museion) gibt Margolles Einblick in den von Schmerz und Tod geprägten Alltag der Stadt.Originale Ziegelwände mit ihren Einschusslöchern – an den Mauern wurden Exekutionen durchgeführt – stellt Margolles im dritten Stock des Museion auf; in einem Schnitt, der in die Wand gemacht wurde, das Körperfett von Opfern, die „Herida“ (Wunde).Auf einer heißen Stahlplatte („Plancha“) verdampfen Tropfen des Wassers, mit dem Leichen gewaschen wurden. Für die Künstlerin ist dies ein Hinweis auf den Schmerz des Verlustes und auf die Zersetzung des Körpers nach dem Tod.Gemischte GefühleEindrucksvolle Kunstwerke, mitten aus der mexikanischen Realität gerissen. Margolles geht mit ihrer Kunst, mit „Frontera“ an Grenzen. Mit ihrer realistischen Materialwahl ahmt sie nicht nur nach, sondern macht den Tod sichtbar. Im Südtiroler Umfeld sorgen ihre Werke für gemischte Gefühle und schaffen das, was zeitgenössische Kunst im besten Falle will: aufrütteln, zur Diskussion anregen.Werden in der Ausstellung Opfer kommerzialisiert, ist sie ein Ausdruck schlechten Geschmacks? Museion Direktorin Letizia Ragaglia muss in diesen Tagen auf solche Vorwürfe reagieren (siehe auch untenstehende Videos).Ragalia, die derzeit als Jurymitglied auf der 54. Internationalen Kunstaustellung von Venedig ist, kuratiert „Frontera“. Das Museion wolle Positionen zeigen, „die nicht nur auf Europa konzentriert sind“, sondern „die am Rande der globalisierten Kunstwelt stehen“, erklärt Ragaglia in einer Stellungnahme. „Ich denke, es ist wichtig, dass man mit solchen Positionen einen Dialog aufnimmt.“ Es sei das „Spannende, das Interessante" der zeitgenössischen Kunst, „dass sie durch diesen Dialog, diese Diskussionen, auch in uns selbst Fragen aufwerfen kann“, findet die Museion-Direktorin. „Frontera“ hat das geschafft und das Museion einmal mehr zum Thema gemacht.„Teresa hat die volle Unterstützung der Leute in Mexiko“Zum Umstand, dass die Ausstellung Opfer und deren Körper „benutzt“, meint Ragaglia: „Wir sind ein Museum zeitgenössischer Kunst, so stellen wir eben auch Positionen zeitgenössischer Kunst aus.“Es sei nichts Neues, dass Teresa in Mexiko eine Mauer abbaue und sie in Bozen und Kassel wieder aufbaue. Sie wende eben eine zeitgenössische Sprache an.„Teresa hat die volle Unterstützung der Leute in Mexiko. Vor allem von jenen, die Angehörigen in diesem wirklich fürchterlichen Drogenkrieg verloren haben. Diese Leute spornen sie auch noch an weiterzumachen.“Die Ausstellung gebe vor allem dem Schmerz und dem Leiden der Opfer der Angehörigen eine Stimme, erklärt Ragaglia. „Teresa wendet sicherlich auch Mittel an, die manchmal nicht für das Publikum sofort verständlich sind, aber gerade deshalb will sie ja auch die Aufmerksamkeit auf sich lenken.“ Teresa sei ein Teil eines Systems. „Wir wären naiv, die Augen vor diesem System zuzumachen“, meint die Museion-Direktorin.Den Vorwurf der Kommerzialisierung der Kunst sieht Ragaglia gelassen: „Der Tod ist in der Kunst immer verkauft worden, denken wir an Bilder und Statuen von Märtyrern.“Schließlich gebe es in Bozen auch ein weiteres Beispiel, das in diese Richtung geht: „Wir haben in Bozen eine Mumie, wir haben einen Toten: Ötzi“, bemerkt Ragaglia, und dessen Tod werde vermarktet. Allerdings sage da niemand etwas, „das ist schon akzeptiert“.ba