Anlass ist das 75-jährige Jubiläum des Heimatpflegeverbandes Südtirol, die Ausstellung umfasst auch eine Schau im Granaio in Nomi und im NOI Techpark, wo Außeninstallationen zu sehen sind. Ein Gespräch mit der Künstlerin Sylvie Riant, die einen ganzen raum bespielt und mit Claudia Plaikner, Vorsitzende des Heimatpflegeverbands Südtirol. <b>Von Eva Gratl</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1087254_image" /></div> <BR /> Kuratiert wurde sie von <b>Eleonora Klauser Soldá, Lisa Trockner,</b> Co-Kuratoren <b>Remo Forchini</b> und <b>Valentine Kostner.</b> Teilnehmende Künstler und Künstlerinnen sind: <b>Leonhard Angerer, Walter Blaas, Italo Bressan, Susanne Burchia, Stefano Cagol, Hannes Egger, Ulrich Egger, Karolina Gacke, Werner Gasser, Elisabeth Hölzl, Elias Jocher, Wil-ma Kammerer, Kira Kessler, Angelo Demitri Morandini, Manuel Oberkalmsteiner, Elisabeth Oberrauch, Laura Pan, Lissy Pernthaler, Christian Piffrader, Leonora Prugger, Paula Prugger, Sylvie Riant, Ariel Trettel, Gustav Willeit, Andreas Zingerle.</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1087257_image" /></div> <BR /><BR />„Konzept Heimat“ kann beides sein, ein klar umrissenes Programm oder ein Rohentwurf, in Bezug auf die Ausstellung Heimat wohl eher letzteres. Sie ist viel Holz, viel kritischer Blick, viel Ökologie, manchmal Geborgenheit, Veränderung, Lebensgefühl, Hoffnung, Rückschau, Wurzeln, Identität, Sehnsucht, Gemeinschaft und Einsamkeit. Alles eben, weil Heimat so individuell und dynamisch gefühlt wird – der Ort, in dem man sich zu Hause fühlt, auch der, den man sich vielleicht angeeignet hat.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1087260_image" /></div> <BR /><BR />„Heimat ist da, wo ich verstehe und verstanden werde“, schrieb der Philosoph <b>Karl Jaspers.</b> Kann man dazu mehr sagen? Gleichzeitig liest und hört man, es sei ein Begriff der politischen Rechtsparteien. Künstlerische Werke zu diesem Begriff öffnen aber noch andere Türen, auch wie unterschiedliche Techniken und Materialien Heimat darstellen. Es ist eine überaus facettenreiche Schau, die ein vertieftes Betrachten verlangt, um die Untertöne manchmal zu hören. Stellvertretend haben wir die Präsidentin des Heimatpflegeverbandes <b>Claudia Plaickner</b> und die Künstlerin <b>Sylvie Riant</b> befragt. Sie bespielt einen gesamten Ausstellungsraum. <BR /><BR /><BR /><b>Laut Ihrer Biografie nimmt man an, dass Sie vielleicht 2 „Heimaten“ haben. Sie stammen aus Frankreich, leben aber seit langem in Bruneck.</b><BR />Sylvie Riant: Ich habe in der Tat genau so lang in Frankreich als auch in Südtirol gelebt, die ersten 30 Jahre dort, die nächsten hier. Meine Herkunft und meine Sprachkenntnisse waren gute Trümpfe für eine rasche und schmerzlose Integration in der Brunecker Gesellschaft: Als Westeuropäerin galt ich als „Expat“, nicht als „Migrantin“ und wurde nie mit Diskriminierung konfrontiert. Umgekehrt: aus Paris zu stammen brachte einen Hauch von Prestige mit, was mich überraschte: Letztendlich leben im Pariser Gebiet über 20 Millionen Menschen, so empfand ich selbst meinen Geburtsort eher banal als besonders.<BR /><BR />Das Leben in Südtirol habe ich geliebt: den Dialekt, der die Sprache in meinen Ohren weicher und melodischer machte, die Bodenständigkeit und Zuverlässigkeit der Menschen, die Berge und nicht zuletzt das – für so ein kleines Land – vielfältige kulturelle Angebot und das große Interesse der Bevölkerung für zeitgenössische Kunst, (größer, subjektiv gefühlt, als das in vielen französischen Provinzen). Es bildete einen klaren Kontrapunkt zum Pariser Leben.<BR /><i>Ist jedoch Südtirol für mich Heimat geworden?</i><BR /><BR />Heimat ist ein Begriff, der mit dem Mythos der Herkunft mitschwingt, auf dem jede Gesellschaft ihre symbolischen Grundlagen fundiert. Die Philosophin Claire Marin spricht nicht von Heimat (das Wort existiert in Französisch nicht) aber von einem „place“, einem Ur-Ort, an dem das Individuum „an seinem Platz“ wäre/stände. (vgl. Claire Marin, „An unserem Platz“ 2023). Dieser archaische Platz wird oft idealisiert, ist aber sozio-geografisch definiert. Zu ihm könne man immer zurückkehren und in ihm Zuflucht finden. Marin sagt auch, dass wir selten „an diesem Platz“ bleiben: So habe ich Paris verlassen und einen neuen „Platz“ in Südtirol angenommen. Ich blieb die ganzen Jahre in engem Kontakt mit meiner Familie und meinem Land. Heimat im traditionellen Sinn wäre also im Grunde trotz Entfernung noch vorhanden gewesen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1087263_image" /></div> <BR />Aber wie die meisten Migranten und viele Expatriates habe ich ein Gefühl der Entfremdung und Nichtzugehörigkeit entwickelt. Ich fühle mich zurzeit „Gast“. In Frankreich wie in Südtirol. Dieser Zustand, der innere Freiheit verleiht, hat sich intensiviert, seit meine Eltern nicht mehr leben und besonders seit ihr Haus letztes Jahr abgerissen wurde. Vater und Mutter, meine Fährmänner, sind gegangen. Ihr Haus gibt es nicht mehr.<BR /><BR />Meine Heimat ist nicht mehr zu orten und spielt sich im Kopf, zwischen Erinnerungen, Erzählungen und Imaginärem. Und wenn Heimat ein „wahrer Ort“, wie von Schriftstellerin Annie Ernaux benannt, dann ist dieser wahre Ort die Sprache – die Muttersprache und vor allem die Kunst. (Vgl. Annie Ernaux, „ Le vrai lieu. Entretiens avec Michelle Porte. “ 2018)<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1087266_image" /></div> <BR /><BR /><b>In der Ausstellung präsentieren Sie in einem eigenen Raum „Ihre Heimat“...</b><BR />Riant: Ich zeige eine Art „degré zéro“ der Heimat, rund um das Thema Geburtshaus. Das „Besondere“ daran ist vielleicht, dass es sich um ein Haus handelt, das es nicht mehr gibt. Zudem spielt sich das Ganze nicht in Südtirol ab, sondern in Antony, Banlieue von Paris. 1965 erbaut von meinem Vater musste es 2023 abgerissen werden. Im Pariser Gebiet bekommen viele Häuser aufgrund des Wechsels von Dürre und Regen Risse, werden schief, so wie unser Haus. Allein in Antony waren mehr als 500 Häuser betroffen. Ich plane dort eine Fortsetzung an diesen Zyklus in Form eines partizipativen Kunstprojekts mit Familien, die ihre Häuser verloren haben. Die Zerbrechlichkeit des Hauses spiegelte sich in der Zerbrechlichkeit seiner letzten Bewohnerin, meiner Mutter, wider: Sie war in ihren letzten Lebensjahren an Demenz erkrankt. Die Geschichte der Mutter und die Geschichte des Hauses sind miteinander verwoben: Haus und Mutter sind in meinem Raum die „Hauptdarsteller“.<BR /><BR />Der Raum artikuliert sich um den 12-minutigen Film „juste avant“, Kern meiner Präsentation. Der Film erzählt mit einer sensiblen Vertonung des Musikers <Fett>Christian Mair</Fett> aus Bruneck vom Abschiedsbesuch vom Haus, von Erinnerungen und Tagträumen der Besitzerin vor dem gezwungenen Loslassen und Abriss des Gebäudes. Das blaue Kleid der Mutter im Film erscheint in der Installation „Aufbruch“ als Styx, Fluss der Toten. Diese zweite Arbeit besteht aus dem Rollator meiner Mutter, einer der wenigen Gegenstände, der noch im Haus war. Bereits in einer früheren Installation in Franzensfeste gezeigt, wird er diesmal als Ritualobjekt in einem Video benützt und in Wachs immobilisiert.<BR /><BR />Dritte Installation ist die Geige der Mutter in ihrer Pappschachtel. Das Instrument ist mit einer Geschichte verbunden, die die komplexe Frage der Verantwortung in dunklen Zeiten stellt: Meine Mutter spielte Geige mit einem jungen jüdischen Nachbarn, der ihr 1940 einen Heiratsantrag machte. Sie war 14 und lehnte ab. Später verschwand er. Die Mutter fühlte sich ihr Leben lang schuldig. Ich habe die Geigenschachtel abgegossen und projiziere auf der Gipsoberfläche diese Geschichte. Ich zeige noch ein großes Foto, „Baubo“ (Göttin der Fruchtbarkeit), wo unter dem Nylonunterrock ein Bauch zu erkennen ist, Anspielung an die Analogie zwischen Innenraum und Bauch, Orte der Sicherheit und Geborgenheit. Die fünfte präsentierte Arbeit besteht aus 16 kleinen Foto-Collagen. Die Fotos wurden mir von Personen geschickt, die mit oder im Haus zu tun hatten, als das Haus jahrelang leer gestanden ist. Ich habe die Fotos neu geschnitten und als Collage mit Fundstücken, die ich im Haus fand, weiterbearbeitet.<BR /><BR /><BR /><b>Heimat ist ein Raum, der Geborgenheit und Sicherheit gibt. Und auch Verlust. Was überwiegt in Ihrer Bespielung des Ausstellungsraums?</b><BR />Riant: Manche Besucher der Ausstellung fanden den Raum „bedrückend“; andere „berührend“. Geborgenheit und Verlust sind gleichwertige Teile der Installation. Die Werke bieten sich als Projektionsfläche für die Betrachter an und zeigen ihnen etwas, was durch ihren intimen Charakter irritieren oder berühren kann. Ich gehe von einem Ereignis aus, das Verlust impliziert aber das ich in der Ausstellung nie zeige: den Abriss des Hauses. Dieses Ereignis ist zwar mir passiert, es ist aber nicht der Grund, warum ich mit diesen Werken in die Öffentlichkeit gehe. Ich möchte hier Annie Ernaux wieder zitieren. <i>„Nicht weil mir Dinge passiert sind, schreibe ich sie, sondern weil sie passiert sind, weil sie nicht einzigartig sind“.</i> (Vgl. Annie Ernaux, „le vrai lieu“, 2018) Wir alle erleben Verluste. Relevant ist darüber zu berichten, weil sie über Allgemeinheit erzählen, nicht über Besonderheit: Sie sagen uns etwas über uns und unseren Bezug zur Welt. Der Verlust ist in dieser Ausstellung mein Ausgangspunkt. Ich verwandle ihn in Arbeiten, <i>„um etwas zu retten aus der Zeit, in der wir nie wieder sein werden.“</i> Annie Ernaux (in „le vrai lieu“). Ich verhalte mich wie eine Archäologin, die jedem Fundus, jedem Fragment großen Wert verleiht. Aber ich versuche nicht, die Vergangenheit zu rekonstruieren, sondern aus kleinen „Nichts/ Dingen“ neue Zeichen zu schaffen, eine Poesie zu erreichen. Es ist ein tragender Prozess, ein Sieg gegen das Vergessen.<BR /><h3> 5 Fragen an Claudia Plaikner</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="1087269_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Der Begriff Heimat ist unscharf, oft wird er romantisch verklärt. Was bedeutet für Sie Heimat?</b><BR />Claudia Plaikner: Ich würde sagen: Der Begriff ist vielschichtig, weil Heimat so viele Facetten hat: Es kann geografische oder emotionale Verortung gemeint sein; es können Erinnerung sein, es kann der Ort sein, wo man sich selber am authentischsten fühlt. Mein persönlicher Heimatbegriff, mit dem ich mich am besten identifizieren kann, ist der, den der BHU (Bund Heimat und Umwelt in Deutschland) für seinen Heimatbegriff formuliert hat, nämlich: Heimat entsteht durch emotionale Bindung und soziale Vernetzung in einem persönlichen Handlungs- und Verantwortungsraum.<BR /><BR /><BR /><b>Der Südtiroler Heimatpflegeverband geht zu seinem 75-jährigen Jubiläum neue Wege, indem er mit dem Südtiroler Künstlerbund zusammen- arbeitet. In der Ausstellung präsentieren unterschiedliche Werke das Konzept Heimat...</b><BR />Plaikner: Neue Wege zu beschreiten, tut gut, neue Netzwerkpartnerinnen zu finden, wird heute immer wichtiger, um den vielen Themen und Herausforderungen gerecht zu werden. Ich erlebe die Ausstellung als vielschichtig und zeitgemäß, wie es der Begriff „Heimat“ selbst ist. Die Schau ist äußerst gelungen, abwechslungsreich, sowohl was die Behandlung der heimatpflegerischen Themen als auch die gewählten künstlerischen Ausdrucksformen und Darstellungsmittel anlangt. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1087272_image" /></div> <BR /><b>Wir sehen in der Schau, dass die Künstler und Künstlerinnen häufig gesellschaftliche Themen in Bezug auf den oft verklärten Begriff Heimat behandeln. Welcher Aspekt liegt Ihnen besonders am Herzen?</b><BR />Plaikner: Ja, die Künster haben durchaus auch gesellschaftliche Themen im Zusammenhang mit dem Begriff Heimat thematisiert: sich verorten, Heimat haben, heimatlos werden, neue Heimat finden, Heimat nur mehr in der Erinnerung haben, die Bedrohung der Heimat durch die Veränderung in Umwelt und Klima sehen, sich für die Erhaltung der Heimat (Natur, Umwelt . . .) einsetzen; Heimat in der Sprache, im Klang, in der Natur, in der Tradition finden und so weiter. Es ist nicht nur ein einziger Aspekt, den ich als besonders wertvoll empfinde, sondern es ist die Summe von vielem. Natürlich ist mir die Erhaltung unserer Natur- und Kulturlandschaft ein zentrales Anliegen und die Frage, wie wir unsere Heimat vor der Klimakatastrophe bewahren können, indem wir die richtigen Schritte setzen. <BR /><BR /><BR /><b>Durch die Migration und Globalisierung spricht man heute von Heimatlosigkeit. Kann man die Heimat mit dem idealisierten Heimatbild, das von konservativem Denken oft propagiert wird, noch bewahren? Wo sehen Sie Möglichkeiten?</b><BR />Plaikner: Mit der Idealisierung wird man heute kaum noch weit kommen. In einer sich stark verändernden Heimat und Welt wird der Aspekt des idealisierten Heimatbildes zusehends von der Frage ersetzt, wie wir Heimat für die nachfolgende Generation überhaupt noch garantieren, bewahren können. „ Heimat auch im Plural“ (E. Hölzl) zu verstehen, liefert die Voraussetzung, Themen wie Migration und Globalisierung zu bewältigen. <BR /><BR /><BR /><b>Sie sind Partnerverband in dieser Ausstellung, vielleicht verraten Sie uns, welches Werk Sie besonders anspricht...</b><BR />Plaikner: Mich haben viele Werke sehr angesprochen, z.B. auch jenes von Lissi Pernthaler, die einen großen Kokon aus natürlichen Materialien gebaut und genau an der Stelle im wunderbaren Altenburger Buchenwald positioniert und bewohnt hat, an der ein riesiges Speicherbecken entstehen soll. Die Ausstellungsbesucherinnen können den Kokon betreten und den Geräuschen des Altenburger Waldes lauschen. Das Werk sagt viel über den Umgang mit den wertvollen Ressourcen wie Wasser, Boden, Luft, Wald aus.