Von ihrer Kunst erzählt sie mir, zeigt ihr Gartenarchiv, filigrane Zeichnungen, wunderschöne Textilarbeiten, lässt mich in ihren Katalogen blättern... Und Karin Dalla Torre, Landeskonservatorin und Eigentümerin vom Haus59 in Stilfs, erklärt, warum sie Ihr Haus kostenlos Künstlern zur Verfügung stellt. <b>Von Heidi Hintner</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1067280_image" /></div> Im Haus von Carmen Müller tauche ich ein in ein Blüten-Blätter-Farben-Meer, in Zeichnungen, Malereien, gestickte, geknüpfte, arrangierte Arbeiten, Blütenketten, Fotografien, Bücher, Leporellos. Und bevor ich mich verabschiede, überreicht mir Carmen Müller zwei Geschenke: die Exotin Bulbine, eine Katzenschwanzpflanze aus Südafrika, eine sukkulente Staude mit zarten gelben Blüten, die als Erste-Hilfe-Pflanze genutzt wird und den pflegeleichten und robusten Pfennigbaum, der Glück bringen soll. Ich werde mich gut um sie kümmern und sie pflegen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1067283_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sie werden vielfach als „Gartenforscherin“ bezeichnet? Trifft dieser Begriff das Herzstück Ihrer Arbeit und künstlerischen Tätigkeit oder greift er zu kurz?</b><BR />Carmen Müller: In der Tat, der Begriff trifft auf den Punkt. Ich recherchiere und forsche aus einem künstlerischen Blickwinkel in privaten und öffentlichen Gärten – in Orten – wo ich für eine Ausstellung eingeladen werde. Ausgerüstet mit Skizzenheft und Schnappschuss-Dokumentation mache ich mich auf den Weg, um unbekanntes Terrain zu erkunden. So geschehen in Ausstellungen wie in Oldenburg, in Nenzing, in Innsbruck, in Brixen bis in die Val Bregaglia etwa.<BR /><BR /><BR /><b>Das historische Steinhaus in Stilfs hat den Reiz eines schlichten Obervinschger Bauernhauses und bietet den Raum für Ihre Ausstellung. Wie haben Sie sich dem Thema Kunst im Wohnambiente angenähert?</b><BR />Müller: In diesem Fall werden zahlreiche Räume des Hauses bespielt. Das historische Ambiente bildet die Bühne für eine Installation, was spannend ist. In den Türblättern der Stuben und in den Fensternischen der Kammern sind zarte bäuerliche Blumenmalereien aus dem vergangenen Jahrhundert erhalten geblieben. Das Vorhandene steht im Dialog mit meinen Werken und verbindet sich zu einem Gesamtwerk.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1067286_image" /></div> <BR /><BR /><b>Mit „Himmelprånt & Warzakraut“ zeigen Sie Ihre jüngsten Arbeiten im Haus59 und integrieren auch die Zufälle vor Ort. Wie immer: Sie beobachten, schauen, sammeln, lassen sich überraschen, arbeiten instinktiv, seriell, genau, gehen auf die Geschichte/n vor Ort ein, reagieren darauf und führen Gespräche. Was erwartet uns im Haus59 nach diesem intensiven Arbeitszyklus?</b><BR />Müller: Ich habe mich stellvertretend mit 3 markanten Gärten und ihren Gärtnerinnen und Gärtnern auseinandergesetzt. Der eine Garten – auffallend artenreich und liebevoll im Dorfkern von Stilfs terrassenförmig angelegt, der andere ein großzügiger Kräuteracker auf den „Stilzer Bödenäckern“ und ein stimmungsvoller Feldgarten oberhalb des Dorfes auf „Fatira“ mit 1A-Blick auf den Ortler. <BR /><BR /><BR /><b>Ihre künstlerische Arbeit konzentriert sich seit Jahren auf Recherche, Reflexion, Erkennen, Benennen und Erinnern von Pflanzen in den Gärten Ihrer Umgebung und Ihres Interesses. Sie bringen mehrere Disziplinen zusammen und erarbeiten ein Gesamtkonzept aus Zeichnungen, Malereien, Textilien, Fotografien, Text. Wie gehen Sie beim künstlerischen und ästhetischen Forschen vor?</b><BR />Müller: Ich arbeite stets mit ortsbezogenen Situationen. Ich betrachte die Recherche wie ein Abenteuer, lass mich überraschen, was ich vor Ort entdecke und was sich daraus entwickelt. Meinen Zeichnungen und Malereien füge ich gesammelte Objekte, dokumentarisches Archivmaterial und Texte bei, die aus den Gesprächen und aus dem Erfahrungsaustausch mit den jeweiligen Gartenpflegerinnen und -pflegern hervorgehen. Jeder Garten ist eine Spielwiese, die dem Individualismus breiten Raum gibt und ein Ort, an dem Träume und Sehnsüchte verwirklicht werden. Gärten verbinden Menschen-Pflanzen-Geschichten. Dem will ich auf den Grund gehen und die Erkenntnisse des natürlichen Kreislaufes des Werdens und Vergehens in den Ausstellungen zeigen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1067289_image" /></div> <BR /><BR /><b>Manchmal treten Sie auch mit Ihrem Lebenspartner im Doppel „Müller-Mayr“ auf oder werden als Kunstschaffende gemeinsam eingeladen. Eine gleichberechtigte Arbeit? Oder gibt es immer noch mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung für Männer in der Kunst?</b><BR />Müller: Sie nehmen Bezug auf den gemeinsamen Auftritt der Ausstellung „SteinNelkeFeuerRot“ im Kartäuserkloster, Schnalstal im Sommer 2023. Wir haben einen verschiedenen Ansatz und eine andere Ausgangsposition, was die künstlerische Arbeit betrifft. Manfred Alois Mayr arbeitet architekturbezogen, er interveniert mit seiner Arbeit in die bestehende Architektur. Im vergangenen Jahr hat er im historischen Kreuzgang des Klosters in den Fensternischen eine einprägsame Farbinstallation realisiert.<BR /><BR />Mein Thema habe ich in der Klosterzelle ausgestellt – eine künstlerische Recherche zum Thema Nutz- und Zierpflanzen in den Gärten des Schnalstales. Neben malerischen Werkgruppen standen Zitate und Fundstücke wie z.B. ein „Hexenschnaps“ aus einem Kräutermix sowie eine textile Hommage an die Karthäusernelke. Über Anerkennung kann ich mich nicht beklagen. Und wenn man die internationale Ausstellungstätigkeit beobachtet, sind Künstlerinnen sehr wohl präsent – und auch ganz vorne. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1067292_image" /></div> <BR /><b>Sie verbringen täglich viel Zeit in Ihrem Garten in Meran. Woher kommen Ihre Faszination und Begeisterung für Pflanzen?</b><BR />Müller: Mein Garten ist eine weitere Inspirationsquelle. Ich experimentiere, beobachte und staune. In meinem Garten erinnern mich sämtliche Pflanzen an Orte, in denen ich ausgestellt habe oder an welche ich gereist bin. Von all den Orten nahm ich Ableger oder Stecklinge mit, pflanzte sie in die Erde und freute mich, wenn sie angewurzelt haben und mich – auch nach Jahren – an Orte oder Personen erinnern. Ich arbeite parallel auch an einem Pflanzenarchiv, wo ich alle Pflanzen – die in meinem Garten vorkommen – künstlerisch festhalte. Ein Ende ist lange nicht in Sicht…<BR /><BR /><BR /><b>Sie schreiben: „Der eigene Garten wie der Garten der anderen – Inspirationsquelle für eine künstlerische Feldforschung.“ Wie beeinflussen Gärten Ihre künstlerische Arbeit? Welche Rolle nehmen dabei Frauen ein?</b><BR />Müller: Die künstlerische Bestandsaufnahme einzelner Gärten, die Dokumentation der Einzigartigkeit der Pflanzen sowie die Recherche botanischer Fakten erfüllen mich sehr. Die Begegnung mit einer exotischen Blüte oder die Beobachtung einer Pflanze, die in einer Pflasterritze wächst – alles berührt mich und setzt bei mir etwas in Gang. Sich mit „Gartenfrauen“ über Erfahrungen mit Pflanzen auszutauschen, ist stets eine Bereicherung. Das Bewusstsein für Pflanzenthemen ist bei Frauen besonders ausgeprägt. Viele verfügen über ein Wissen, das über Generationen vermittelt wurde. Sie haben sich Kenntnisse im Bereich von Heil- und Gewürzkräutern angeeignet, sie beobachten Details, was sich im Kreislauf zwischen Pflanzen-Nützlingen-Schädlingen abspielt, und daher lerne ich stets dazu. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1067295_image" /></div> <BR /><BR /><b>Ihr Herz schlägt auch für Textilien…</b><BR />Müller: Textilien haben durch ihre Materialität und Oberflächenstruktur eine besondere Ausstrahlung. Manche Inhalte lassen sich aussagekräftig mit textilen Mitteln umsetzen. In der Stilfser-Ausstellung gibt es eine Hommage an den Efeu – auch Mauerewig genannt – der seine Ranken ausbreitet. Der Efeu, Symbol für ein ewiges Leben. Die ersten Christen haben ihre Verstorbenen auf Efeublätter gelegt.<BR /><BR /><BR /><b>Und das nächste Projekt?</b><BR />Müller: Ich darf einen Garten an einem besonderen Ort anlegen. Ich erzähle gerne darüber, wenn das Projekt in die Tat umgesetzt wurde. <BR /><BR /><BR /><b>Termin:</b> Vom 1. bis 8. September stellt sie im Haus 59 in Stilfs aus. <BR /><b>Eröffnung:</b> 31.8., 18 Uhr<h3> Biografie Carmen Müller</h3>Carmen Müller lebt und arbeitet in Meran. Diplom an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Als Artist in Residence ist sie an verschiedenen Orten als „Gartenforscherin“ tätig. Sie dokumentiert mittels verschiedener künstlerischer Ausdrucksmittel Begegnungen mit Pflanzen und ihren Menschen. Sie verwirklicht Projekte in Parks und Museen und stellt die Ergebnisse der ästhetischen Kulturforschung in Ausstellungen und Publikationen vor. <BR /><h3> 3 Fragen an...</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="1067298_image" /></div> <BR /><BR /><b>Kunst im Wohnambiente: In Ihrem Haus59 in Stilfs treffen Kunst und Wohnen elegant aufeinander. Wie lautet Ihr Konzept?</b><BR />Karin Dalla Torre: Das kleine Haus und die jährliche einwöchige Ausstellung wollen ein konkretes Beispiel sein. Meinem Mann Thomas Pichler und mir ist es wichtig, ganz entspannt zu zeigen, dass ein schlichtes bäuerliches Haus all seine Besonderheiten behalten kann und doch zeitgemäßes Wohnen ermöglicht. Die zeitgenössische Kunst fügt sich ein und darf sich bewähren, in den getäfelten Räumen wie in der Rußküche oder im Bad. Das Motto lautet „Wohnen mit Kunst“, zum Haus gehört auch eine kleine Sammlung, die Teil des Wohnkonzeptes ist. Manche nehmen die Kunst kaum wahr, andere sind begeistert und wollen sich vertiefen. Das Alte durfte bleiben, Neues hat sich dazugestellt. Wohnsinn kann sich entfalten.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1067301_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sie haben das Haus 2016 achtsam renoviert. Welche Bedeutung haben für Sie Themen und Materialien?</b><BR />Dalla Torre: Die Künstlerinnen und Künstler, die Themen und die Materialien der Ausstellung haben mit uns zu tun, mit dem Vinschgau und mit Stilfs, es gibt feine Fäden der Verbundenheit über lange Zeit, eine Vertrautheit mit dem Werk, mit dem Haus und seinem Bauerngartl, mit den Stilfser Themen wie Gehen und Bleiben, Bergbau, Ton, Holz, Kupfer. Oder wie in diesem Jahr geliebte Stilfser Gärten, die oft nur so groß sind wie ein Beet. <BR /><BR /><BR /><b>Wie wählen Sie die Künstlerinnen und Künstler, die Sie im Haus59 ausstellen, aus? Was fasziniert Sie an Carmen Müllers Arbeit?</b><BR />Dalla Torre: Die Sommerausstellung ist ein Geschenk an uns selbst, sie kommt ohne jede Förderung aus und auch die Ausstellenden tragen keinerlei Kosten. Die Auswahl hat sich von Anfang an wie selbstverständlich ergeben, das Haus sucht sich seine Kunst. Auch die Werke von Carmen Müller sind wie geschaffen für dieses Konzept. Der ganzheitliche Ansatz der faszinierenden Gartenforscherin verbindet die Natur mit den Menschen und ihren Orten. Die Bedeutung der Pflanzen und Gärten für Stilfs und seinen Lebenskontext liegt auf der Hand.