<b>Von Ferruccio Delle Cave</b><BR /><BR />Die 68 auf Pergament beschriebenen Blätter, die ca. um 1300, also 100 Jahre nach der Entstehung des Nibelungenliedes, angefertigt, 1833 von Beda Weber auf der Burg Obermontani aufgefunden und 1837 an die damalige Königliche Bibliothek zu Berlin für 500 Tahler verkauft wurden, wird nun, nach mehr als 25 Jahren, zum ersten Mal überhaupt dem Publikum zugänglich gemacht. Doch der Nibelungen-Mythos hat nicht nur die bildende Kunst beeinflusst...<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1011111_image" /></div> <BR /><BR />Eine Sensation, bedenkt man, was dieses Original alles erlebt hat und heute noch darstellt, eine Sensation auch, weil es einen Meilenstein unseres Kulturlebens überhaupt darstellt! Kein mittelalterlicher Text hat sich seit seiner Wiederentdeckung im 18. und 19. Jahrhundert eines derart anhaltenden Interesses bis heute erfreut wie das Nibelungenlied.<BR /><h3> Dauerhafte Faszination</h3><BR />Im Dunstkreis der Romantik im 19. Jahrhundert als „deutsche Ilias“ zum Nationalepos der Deutschen hochgejubelt, dann vor allem von den Nazis ideologisch vereinnahmt, war es ja die Nibelungentreue, die zu einem immer stärker propagierten Kampfbegriff ausgeschlachtet wurde. Phrasen wie „Gefolgstreue“ dienten gegen Ende des zweiten Weltkriegs nur mehr als Durchhalteparolen, so wie einst der „Recke“ Hagen seinem König Gunther und seiner Gemahlin Brünhilde den Treueschwur abgegolten hat. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1011114_image" /></div> <BR />Nach 1945 indes war das Nationalepos so verpönt, dass sich kaum jemand damit beschäftigt hat. Das begann ja schon auch mit der schwierigen und bruchstückhaften Überlieferung: Die bisher bekannten 11 mehr oder weniger vollständigen und 23 fragmentarischen Handschriften bieten, bis auf wenige Bearbeitungen des 15. Jahrhunderts, einen in Umfang und Handlung feststehenden, aber in Wortwahl, Phraseologie und im Strophenbestand stark divergierenden Text. <BR /><BR /><BR />Obwohl das Nibelungenlied im Original den wenigsten vertraut sein mag, wird es heute wieder neu interpretiert, und das im Gewande einer neu zu lesenden Phantasy-Literatur, die sich gerne aus den Quellen mittelalterlicher Figuren und deren epischer Träger bedient. Die namhafteste dieser Romanreihen ist jene 1997 im Econ Verlag erschiene neunteilige Fantasy-Reihe, die sich mit verschiedenen Personen aus der Nibelungensage befasst. Es handelt sich dabei um keine Nacherzählung des mittelalterlichen Stoffes, die Geschichten lassen sich jedoch in die Chronologie des Nibelungenliedes einfügen. Der Rahmen der Welt bildet ein imaginäres Hochmittelalter, neben dem Nibelungenlied speist sich die gezeichnete Welt aber auch aus Hollywood-Ritterfilmen und Ähnlichem.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1011117_image" /></div> <BR /><BR />„Wer braucht schon Game of Thrones, wenn er die Nibelungen hat?“ Diese Frage von <b>Richard Kämmerling</b> in seiner Rezension von Felicitas Hoppes „Die Nibelungen. Ein deutscher Stummfilm“ ist wohl mit „niemand“ zu beantworten. Nicht nur für Kämmerling gehört der Nibelungenstoff „[z]um Kernbestand der deutschen Literatur- und Kulturgeschichte… [als] Fantasy-Story mit ordentlich blutigem Königsdramenanteil, die sich in Sachen Blockbuster-Tauglichkeit vor Shakespeares Metzel-Dramen ebenso wenig verstecken muss wie vor den Epen Tolkiens oder Martins“.<BR /><h3> Neuer Zugang</h3><BR />Denn gerade zu Beginn der Jahrtausendwende setzt beinahe zeitgleich mit dem (Wieder)Beginn der Wormser Nibelungenfestspiele eine bis heute fortdauernde literarische und künstlerische Auseinandersetzung mit dem Nibelungenstoff ein. Einen neuen Zugang zu den überlieferten Stoffen im Medium Film schafft 2004 <b>Ulrich Edel</b> in seinem TV-Zweiteiler „Die Nibelungen – Der Fluch des Drachen“.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1011120_image" /></div> <BR /><BR /><BR /> Kongenial verarbeitet wird der Nibelungenstoff auch in <b>Quentin Tarantinos</b> Film „Django Unchained“ (2012), wobei sich Spuren dieser Rezeption bereits in „Inglorious Bastards“ (2009) feststellen lassen. 2016 erschien <b>Ulrike Draesners</b> „Nibelungen. Heimsuchung“, in der vor allem Draesners Gedichte mit den Illustrationen <b>Carl Otto Czeschkas</b> ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk erschaffen. Für die künstlerische Produktivität des Nibelungenstoffes bis in die Gegenwart bietet <b>Felicitas Hoppes</b> Nibelungen-Buch aus dem Jahr 2021 ein glänzendes Beispiel. Ob und wie die Nibelungen im Netflixzeitalter angekommen“ sind, eine Entwicklung, die mit <b>Fritz Langs</b> Stummfilmadaptation aus dem Jahr 1924 Ufa-Palast am Zoo in Berlin zu einem Meilenstein der Filmgeschichte wurde und auch in Meran gezeigt wird.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1011123_image" /></div> <BR /><BR />Die Ausstellung „Nibelungen. Die Rückkehr“ ist also ein Muss, zugleich eine Herausforderung, sich mit dem frühen Mittelalter, aber auch unsere heutigen Mythen wieder neu zu denken. <BR /><h3> Termine</h3>Kunst Meran, die Akademie Meran und das Festival „Sonora – Conductus“ feiern heute um 20 Uhr im Kunsthaus Meran die Rückkehr der Originalhand- schrift des Nibelungenliedes und laden zur offiziellen Präsentation ein. Leo Andergassen, Direktor des Südtiroler Landesmuseums für Kultur- und Landesgeschichte auf Schloss Tirol, spricht einführende Worte, zudem gibt es eine musikalische Interpretation des Nibelun- genliedes von Philipp Lamprecht, Vinschger Perkussionist und Sän- ger, der den Bogen von der mittelalterlichen bis zur zeitgenössischen Musik spannt. <BR /><BR />Die Handschrift und die Ausstellung „Nibelungen: Imagine Worlds – damals, später, heute“ sind bis 19.5. zugänglich. <BR /><h3> Ins Herz des Mittelalters oder zu neuen Mythen?</h3>Es geht im Kunsthaus Meran in der Ausstellung „Imagine Worlds – damals, später, heute“ in den nächsten Monaten nicht um eine Literaturausstellung, innerhalb der die auf Burg Obermontani im Vinschgau 1833 von Beda Weber aufgefundenen Handschrift des „Nibelungenliedes“ als Original aus der Staatsbibliothek Berlin zu sehen sein wird. Nein, es geht um das Weitererzählen der epischen Dichtung von 1200 in heutiger Sicht, wie es Kurator <Fett>Harald F. Theiss</Fett> aus Berlin unterstrichen hat. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1011126_image" /></div> <BR />Und dieses „Nacherzählen“ entwickelt sich über mehrere Positionen zeitgenössischer Künstler und Künstlerinnen, die sich in einem interdisziplinären Projekt auf den 3 Etagen den Mythen, Geschichten und Figuren des Nibelungenliedes nähern. Das Nibelungenlied gilt ja als das wichtigste aller deutschsprachigen Epen des frühen Mittelalters und speist sich aus einer Unmenge von mündlich überlieferten Sagen, in denen die Heldentaten Siegfrieds und die Rache Kriemhilds die erzählerischen Hauptstränge bilden. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1011129_image" /></div> <BR />Und so finden wir in „Imagine Worlds“ diese Überlieferung in Form zeitgenössischer kunstkritischer Reflexion und Kontextualisierung wieder, etwa in der vom Thema der Erinnerungskultur geprägten Sandstrahlung auf Messing mit dem Titel „Ongoing Conversations with the Sky 20“, „Nigth before and Day after the Red Moon Sky“ aus dem Jahr 2022, oder <Fett>Julia Bünnagels</Fett> Lichtinstallation „where words end“ von 2021, weiter die Serie „Probaly a Robbery“ 2021 von <Fett>Zuzanna Czebatul,</Fett> die auf die Siegfried Sage eingeht, wie auch <Fett>Philipp Fürhofer</Fett> der in „Siegfried III/1“ eine Schnittstelle von Malerei, Installation und Bühne eine heutige Dekonstruktion des Mythos Siegfried vornimmt. <Fett>Nadine Fecht</Fett> arbeitet mit Schriftbildern in ihrer „social fabric“ aus dem Jahr 2023. <BR /><BR /><BR />Wie Harald F. Theiss mit 19 Künstlern und Künstlerinnen das Nibelungenlied für sich wiederentdeckt und daraus eine spannende Schau zusammengestellt hat, erklärt er im Gespräch. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1011132_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sie haben sich intensiv mit dem Nibelungenlied beschäftigt, mit all seinen Mythen und Geschichten. Wie haben Sie sich dem Thema angenähert?</b><BR />Harald F. Theiss: Ich kannte das Nibelungenlied, wie die meisten, eben aus der Schule. In meinem Umfeld hatten alle daraufhin befragten Kollegen ihre eigenen Vorstellungen darüber, die Rache, die Ehre etc. soziale Stellungen, dies ist im kollektiven Gedächtnis vorhanden. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1011135_image" /></div> <BR /><BR /><b>Die Ausstellung geht weit über das hinaus, was die Handschrift, die im Original Ende März aus Berlin in Meran eintreffen wird, zeigt. Es handelt sich in „Image Worlds“ um eine zeitgenössische Rezeption des Epos aber nicht nur. Nach welchen Kriterien haben Sie die Künstler und Künstlerinnen ausgewählt?</b><BR />Theiss: Ich habe versucht, über zeitgenössische Mittel Hinweise zu finden, in denen es um die historischen Themen geht. Es ging mir aber auch darum, ein Bewusstsein für Handschiften heute zu schaffen, ferner auch um Erinnerungskultur und kulturelles Erbe. Es sind ja alles Themen, die heute wieder stark besprochen werden. Deswegen kann die Ausstellung im Kontext des Nibelungenliedes gelesen werden, aber auch unabhängig davon betrachtet werden. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1011138_image" /></div> <BR /><BR /><b>Es geistern in der Ausstellung dauernd die Hauptfiguren aus dem Nibelungenlied herum. War dies beabsichtigt?</b><BR />Theiss: Unbedingt, das Epos ist ja von einigen wenigen Protagonisten bzw. Protagonistinnen stark geprägt: Siegfried, Kriemhild und Brünhild. Im zeitgenössischen Narrativ werden vor allem diese Protagonistinnen kontextualisiert. Sie waren damals recht emanzipierte Frauen, die aber durch ihre Heiraten dann in die typisch weiblichen Rollen zurückgedrängt wurde. Diese Frauenfiguren werden heute stark wiederentdeckt. Das war mir schon ein Anliegen. Aber wir finden auch den Antihelden Hagen. Ich habe einfach versucht, neue Perspektiven zu finden. <BR /><BR /><BR /><b>Termin:</b> bis 19.5., Kunst Meran, Laubengasse – <Fett>Künstler:</Fett> Astha Butail, Julia Bünnagel, Andrea Canepa, Zuzanna Czebatul, Margret Eicher, Nadine Fecht, Philipp Fürhofer, Jeppe Hein, John Isaacs, Kubra Khademi, Alexander Kluge &amp; Jonathan Meese, Oliver Laric, Kris Lemsalu, Philip Loersch, Tim Noble &amp; Sue Webster, Mirja Reuter und Florian Gass (Beteiligungsprojekt), Nasan Tur<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1011141_image" /></div> <BR /><BR /><BR />„Nibelungen: die Rückkehr“ mit dem Untertitel „Europäische Überlieferung und Strahlkraft des Nibelungenliedes“ist ein Gemeinschaftsprojekt der Akademie Meran und Kunst Meran und dauert bis zum 14.6 mit Tagungen, Vorträgen, Nibelungenabenden und einer Buchvorstellung (siehe Programm: www.meran.academy).<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />