<b>Von Maria Cristina De Paoli</b><BR /><BR />Draußen herrscht tiefster Winter, so wie wir ihn heuer noch kaum erlebt haben. Das Licht, das durch die Fenster gelangt, ist genauso undefinierbar wie das Grau der Landschaft, die man jenseits der Scheiben nur vermuten kann. Drinnen sitzt Julia Bornefeld an ihrem großen Arbeitstisch. Die unregelmäßige Marmorplatte mit einer starken schwarz-weißen Maserung steht auf alten Klavierbeinen – eine Kreation der Künstlerin. Ebenso wie das große Bild an der Rückwand und die vielen anderen Werke in der Brunecker Altbauwohnung, die auch als Schaffensort dient.<h3> Inspirierende Berglandschaft</h3>Seit vielen Jahren lebt und arbeitet Julia Bornefeld auch in Bruneck, wo sie vor allem im Winter die Inspiration für ihre Bilder findet. Die markanten Kontraste der Berglandschaft sind in ihren Werken deutlich zu erkennen, aber auch rurale Elemente wie Eier, Rieseneuter oder Hörner tauchen in ihrer Kunst auf. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1007522_image" /></div> <BR /><BR />„Im Sommer zieht es mich allerdings ans Wasser – egal ob es das Meer, ein Fluss oder ein See ist“, sagt Julia Bornefeld, die in Kiel an der Ostseeküste geboren ist. Sie sei quasi am Strand groß geworden. Schon als kleines Mädchen hatte sie aber auch einen Bezug zu den Alpen. Ihre Mutter stammte aus einer Innsbrucker Musikerfamilie, war selbst Cellistin. „Und ich war oft bei meinen Großeltern in Tirol.“ <BR /><BR />In die frühe Kindheit reicht auch Julia Bornefelds Interesse an der Kunst zurück. „Ich habe als Kind ständig gezeichnet und gemalt.“ Als 16-Jährige brachte sie sich selbst das Schweißen bei. Später studierte sie Malerei an der Kieler Fachhochschule für Gestaltung, besuchte Kurse an der Akademie der Bildenden Künste in Venedig und an deren Pendant im slowenischen Ljubljana. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1007525_image" /></div> <BR /><BR />Während ihrer Studienzeit lebte sie in ihrer Heimatstadt in einem Künstlerhaus, was sie als prägende Erfahrung beschreibt. „Das gemeinsame Arbeiten mit anderen Künstlerinnen und Künstlern schafft Integration und Kommunikation.“ Nach genau dieser Idee hat sie sich in Bruneck über Jahre mit den Künstlerinnen Sylvie Riant und Wilma Kammerer eine Werkshalle als Atelier geteilt, die die Tuchfabrik Moessmer zur Verfügung gestellt hatte. Inzwischen ist in Bruneck in Kooperation mit dem Stadtmuseum eine neue, erweiterte Ateliergruppe entstanden.<h3> Sehnsuchtsland Italien</h3>Dass gerade das Pustertal Julia Bornefelds zweite Heimat wurde, hat diverse Gründe: die inspirierenden Berge, die guten Arbeitsbedingungen, die sie hier vorgefunden hat, die Verbindung zum Brunecker Künstler Gino Alberti, dem Vater ihrer beiden Kinder.<BR /><BR /> Dass sie irgendwann gerade südlich der Alpen leben sollte, war aber wohl länger „vorbestimmt“. „Italien war und ist mein Sehnsuchtsland, der Ort, der mich glücklich macht.“ Eine Passion, die ihr mit in die Wiege gelegt wurde. „Meine norddeutsche Großmutter hat sich bereits in den 1950er-Jahren selbst Italienisch beigebracht und anschließend ständig Italien bereist.“ <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1007528_image" /></div> <BR /><BR />Julia Bornefeld trinkt einen Schluck Tee. Über Privates sprechen mag sie nicht. Lieber redet über ihre Kunst. Malerei und Zeichnung seien ihre unmittelbaren Ausdrucksformen und der Ausgangspunkt einer Produktion, die nach und nach immer raumgreifender und multimedialer geworden ist. In ihre Objekte und Installationen werden inzwischen fotografische Werke, Videofilme, Musik integriert. Julia Bornefeld erzählt vom kreativen Prozess – „das ist der wichtigste Moment“ –, von den Themen, die ihr am Herzen liegen, von den Ansätzen, die sie mit ihrer Arbeit verfolgt, und vom guten Gefühl, wenn ein Werk seine Verortung findet. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1007531_image" /></div> <BR /><BR />Wie man sich den Arbeitsalltag einer Künstlerin vorstellen soll? „Je nach Tagesverfassung beginnt die kreative Phase am Vormittag und setzt sich am Abend bis tief in die Nacht fort. Am Nachmittag stehe ich dann meistens im Atelier. Das ist die Umsetzungsphase.“ Julia Bornefeld ist aber auch viel unterwegs. Wenn sie nicht zwischen Bruneck und Berlin, ihrem weiteren Wohn- und Arbeitsplatz, pendelt, reist sie zu Galeristen, Ausstellungsorten, Kunstmessen, Auftraggebern.<h3> Mehr Platz für Frauen</h3>Apropos Galeristen und Ausstellungen: Sind Frauenrechte und Gleichberechtigung in der Kunstszene immer noch ein Thema? „Als ich 1984 mein Kunststudium begann, gab es kaum Kunstprofessorinnen, und auch als Künstlerin musste man sich damals stärker durchboxen als die männlichen Kollegen“, bestätigt Julia Bornefeld. „40 Jahre später unterrichten viele Frauen an den Kunstakademien, und Künstlerinnen werden von Galeristen und vom Kunstmarkt aufgenommen. Es hat sich einiges getan.“ <BR /><BR />Endlich kann sich Julia Bornefeld in ihrem Stuhl zurücklehnen. Wieder nimmt sie einen Schluck Tee. Das Bild hinter ihrem Rücken wirkt wie ein wolkenverhangener Himmel, vor dem einzelne Flocken herumwirbeln. Gleich gegenüber steht im Erker eine Plastik aus hauchdünnem Metallnetz, in die sich das wenige Licht einzuspinnen scheint: hell und dunkel, schwarz und weiß, Leichtigkeit und Schwere. Draußen schneit es immer noch.<BR /><BR /><BR />ZUR PERSON<BR /><BR />Julia Bornefeld wurde 1963 in Kiel geboren. Von 1984 bis 1989 studierte sie Malerei an der Fachhochschule für Gestaltung ihrer Heimatstadt und war Gaststudentin an der Akademie der Bildenden Künste in Venedig und an der Akademija Likovna Umjetnost in Ljubljana. 1990 erhielt sie den Förderpreis des Landes Schleswig-Holstein und 1991 den Gottfried-Brockmann-Preis der Landeshauptstadt Kiel. <BR /><BR />Als Multimediakünstlerin hat Julia Bornefeld seit den 1990er-Jahren eine breit gefächerte Ausdruckssprache entwickelt, die Malerei, Skulptur, Collage, Video, Fotografie, Installation und Performance gleichermaßen umfasst. Unter dem Titel „Volage“ läuft derzeit eine Ausstellung in der Bozner Galerie Antonella Cattani Contemporary Art. <BR /><BR />Eine Installation der Künstlerin wird außerdem auf der Biennale in Venedig zu sehen sein, die heuer vom 20. April bis zum 24. November stattfindet. Bornefelds Werk wird im Pavillon der Republik Kamerun, im Palazzo Donà delle Rose, ausgestellt. <BR /><BR />Julia Bornefeld hat zwei erwachsene Kinder, die beide in ihre Fußstapfen getreten sind. Tochter Elisa (31), die sie 2021 zur Großmutter gemacht hat, arbeitet als freischaffende Künstlerin, Sohn Leonard (25) studiert Kunst. <BR /><BR />