Mittwoch, 19. Mai 2021

Kultur nach Corona – Was wird sich ändern?

Auf der Suche nach einer neuen Relevanz der Kultur: Ein Gastbeitrag von PERFAS Performing Artists South Tyrol.

v.l.n.r.: Peter Schorn, Eva Kuen, Felix Senoner, Sarah Merler, Claus Stecher
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v.l.n.r.: Peter Schorn, Eva Kuen, Felix Senoner, Sarah Merler, Claus Stecher - Foto: © Michael Pezzei
Nach dieser Pandemie wird auch in der Kultur kein Stein auf dem anderen bleiben. Oder sagen wir es so: es sind einige Steine und heiße Eisen ins Rollen gekommen. Oder? Stecken auch die schon wieder fest...?

Die vielen kulturpolitischen Baustellen, die diese schonungslose Zeit des Umbruchs deutlich sichtbar gemacht hat, bieten uns die Gelegenheit, über das Fundament von Kunst und Kultur zu sprechen.

Kultur muss nicht systemrelevant sein. Sie wird keine Leben retten, das ist uns allen klar. Aber sie muss gesellschaftsrelevant sein. Ein relevanter Wert im Zentrum der Gesellschaft. Dafür brauchen wir vor allem drei Dinge: eine hohe Sichtbarkeit, die Identifikation mit Kultur, und die Beteiligung der Menschen in einer Region. Kultur muss immer im Kontext stehen zu ihrer unmittelbaren Umgebung, zu ihrer Zeit und deren Menschen und ihrer Geschichte.

Die Zukunft ist teamorientiert

Europaweit beobachten wir derzeit die Tendenz, dass Alleinherrscher mit steilen Hierarchien in Kunst, Kultur und Medien (insbesondere Intendanzen oder hierzulande auch „Koordinatoren“) und dominanzorientierte Seilschaften aus Politik und Wirtschaft bei der Organisation von Kunst und Kultur Auslaufmodelle sind. Die Zukunft ist teamorientiert, bezieht mit ein, beruht auf der Vernetzung der kulturellen Akteur:innen, der Expert:innen und der Menschen eines Territoriums auf Augenhöhe, und nicht auf Machtpositionen Einzelner und deren Seilschaften. Das Intendanten-Team am Schauspielhaus Zürich macht es vor: „Die Zeit des bürgerlichen Repräsentationsgestus hat sich überlebt“ (NZZ).

Daran, dass die Kritik an Events wie „Brixen Classics“ so hohe Wellen schlägt, zeigt sich – vor dem Hintergrund einer existentiellen Notlage einer gesamten Branche – dieser Widerstreit exemplarisch: Es reicht eben nicht, einen Bayreuth-Steckling (umstrittener Qualität) in geweihte Südtiroler Erde zu stecken, großzügig mit öffentlichen Geldern zu gießen und zu erwarten, dass hier nun der neue Stern am Klassik-Himmel blühen wird. Bestenfalls bleibt es ein Betten- und Society-Magnet in der Vorsaison, hohe Erwartungen an Identifikation und Beteiligung sollten wir aber nicht haben.

Wenn wir Kultur wieder zu einem zentralen, gesellschaftsrelevanten Wert machen wollen, dann sollte sie nicht von der Stange eingekauft werden. Kultur folgt nicht einer austauschbaren Produktlogik, sie ist ein Prozess, der nicht ohne seinen Kontext funktioniert. Wo Kultur ausschließlich Produkt oder Prestige ist, ist sie nicht gesellschaftsrelevant.

Neu gestalten, neu orientieren

In naher Zukunft werden wir in Südtirol mehrfach Gelegenheit haben, Kultur auf einem partnerschaftlichen Fundament neu zu gestalten, uns neu zu orientieren. Die Kriterien zur Kulturförderung werden neu diskutiert, die laufende Erhebung zur Wertschöpfung der Kultur muss in ihrer Fragestellung deutlich erweitert werden, die Intendanz des größten deutschsprachigen Berufstheaters, der Vereinigten Bühnen Bozen, wird neu besetzt, die Erneuerung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird sich nicht mehr länger hinausschieben lassen. Auch bei der Filmförderung der IDM stellt sich die Frage, ob sie mit dem Good-Will (oder Bad-Will) einzelner Politiker steht und fällt, ob ein über Jahre organisch gewachsenes und florierendes Netzwerk an lokalen Filmschaffenden mit einem Schlag wegwischt werden soll, oder ob wirklich nachhaltig gedacht wird. Auch hier geht es um eine Weichenstellung im Spannungsfeld zwischen Pragser-Wildsee-Produktlogik einerseits und der nachhaltigen und tiefergehenden Vernetzung lokaler und internationaler Akteure, Inhalte und Geschichten im Zeichen von Identifikation und Teilhabe der Bewohner:innen und Kreativen des Landes andererseits.

Wir Kulturschaffenden haben im letzten Jahr vielleicht manchmal den Eindruck erweckt, zu leise zu sein. Weil wir den Gesundheitsnotstand ernst genommen und die Maßnahmen grundsätzlich unterstützt haben; weil wir konstruktiv kommunizieren und nicht in einen Lautstärkewettbewerb mit anderen Verbänden treten wollten; weil wir das leben wollten, was Kultur ausmacht: das Verbindende.

Kunst und Kultur als zentralen Wert in unserer Gesellschaft verankern

Aber eines steht ganz klar fest: Ohne das kompromisslose und ernsthafte Commitment der Politik, Kunst und Kultur als zentralen Wert in unserer Gesellschaft zu verankern, ohne die derzeitigen Kürzungen abzuwenden, ohne eine Kehrtwende im Umgang mit Kunst- und Kulturschaffenden hinzulegen (die schönen Worte zählen nicht), wird die kulturelle Vielfalt, die uns ausmacht, verschwinden.

Um das zu vermeiden, reicht es nicht, das Jahr 2021 zu einem „Südtirol-Jahr“ der Kultur zu erklären. Es wird nicht darum gehen, keine Künstlerinnen und Künstler mehr aus dem Ausland einzukaufen, das wäre kurzsichtiger Protektionismus. Es wird um Verhältnismäßigkeit gehen und vor allem darum, Kunst wieder als einen sensiblen Prozess im Austausch zwischen den Menschen einer Region zu sehen. Ein Prozess, der Zeit braucht und seiner Zeit voraus sein muss. Ein Prozess, der es erfordert, denjenigen zuzuhören, die Kunst und Kultur vor Ort schaffen. In einem partnerschaftlichen, transparenten, vertrauenswürdigen und stabilen Umfeld.

Und natürlich kostet das auch Geld. Geld, das letztlich auch der Wirtschaft zugute kommt, dem Tourismus, vor allem aber einer Gesellschaft als Ganzes, die wieder zusammenwachsen muss, die Lebensqualität, Vitalität und innovative Kraft zurückerhalten muss.


PERFAS Performing Artists Association South Tyrol
Peter Schorn, Felix Senoner, Sarah Merler, Eva Kuen und Claus Stecher

perfas