„C the Unseen“ heißt das Motto, das über den mehr als 1000 geplanten Veranstaltungen steht: 229 Projekte insgesamt – Investitionen in Kultur, Engagement der Menschen und europäischer Austausch...<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1118352_image" /></div> <h3> Was hat die Stadt zu bieten?</h3><BR />Als Industriestadt galt der Ort einst als „Manchester Sachsens“, im Vergleich zu anderen Städten aber eher als Aschenputtel denn als kultureller Leuchtturm. Doch im Schatten von Dresden und Leipzig hat sich hier immer wieder kulturelle Blüte entwickelt, wovon etliche Bauten in der Stadt zeugen. Der Architekt Henry van de Velde hinterließ in Chemnitz Anfang des 20. Jahrhunderts seine Spuren und der Expressionist und „Brücke“-Mitbegründer Karl Schmidt-Rottluff machte in der Stadt seine ersten künstlerischen Erfahrungen. In der DDR gab es eine lebendige Kunstszene, die sich der staatlichen Kulturpolitik entzog. Dafür steht etwa die Künstlergruppe „Clara Mosch“. Trotzdem war es eine Überraschung, als Chemnitz 2020 den Kulturhauptstadt-Titel zugesprochen bekam. Nürnberg, Hannover, Hildesheim und Magdeburg hatten das Nachsehen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1118355_image" /></div> <h3> Chemnitz zeigt seine Wunden</h3><BR />Mit ihrer Bewerbung hat die Stadt Mut bewiesen und keinen Hehl aus ihren Wunden gemacht. Im Gegenteil: Sie wurden der Bewerbung vorangestellt. So etwa die Bilder vom Spätsommer 2018, als Chemnitz international wegen rechtsextremer Exzesse für Negativschlagzeilen sorgte. Damals gab es rassistische Angriffe, von Hetzjagden auf Ausländer war die Rede. Auch das Kerntrio der Terrorzelle NSU hatte nach seinem Untertauchen zeitweise unbehelligt in der Stadt gelebt und hier Unterstützer.<BR /><BR />Erklärtes Ziel der Kulturhauptstadt ist es, die „stille Mitte“ zu aktivieren – jene Menschen, die sich nicht an politischen Debatten beteiligen oder politisch engagieren und so indirekt einer gesellschaftlichen Radikalisierung Vorschub leisten. Zugleich sollen die Macherqualitäten der Region in den Fokus rücken.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1118358_image" /></div> <h3> Munch, Marathon und „Purple Path“</h3><BR />Geplant sind laut Programmgeschäftsführer Stefan Schmidtke rund 229 Projekte und mehr als 1000 Veranstaltungen. Zu den Höhepunkten gehört eine große Ausstellung zum norwegischen Maler Edvard Munch, der 1905 in Chemnitz war und hier mehrere Gemälde schuf. Ein Parcours mit nationaler und internationaler Kunst führt als „Purple Path“ von Chemnitz durchs Umland und zeigt Arbeiten etwa von Tony Cragg, Sean Scully und James Turrell. Mehr als 30 Museen der Region präsentieren zudem ihre Exponate in einem „Museumcircle“ nach John Cage<BR /><BR /><BR />Bei einem Marathonlauf verwandelt sich die Strecke zur längsten Bühne der Welt mit Musik von Klassik bis Hip-Hop und Elektro. Es wird auch die Opern-Uraufführung „Rummelplatz“ nach dem Roman von Werner Bräunig und Sommerkonzerte verschiedenster Couleur vor historischer Kulisse auf dem Theaterplatz geben. Geplant sind auch eine Tanzentdeckungsreisedurch die Stadt nach James Joyces Jahrhundertroman „Ulysses“ sowie eine Neuauflage des Demokratiefestivals „Kosmos“ mit zuletzt rund 70.000 Besuchern. <BR /><BR /><BR />Derweil will das Festival „Begehungen“ das ehemalige Braunkohlekraftwerk der Stadt in eine Galerie für zeitgenössische Kunst verwandeln. Und ein Pilot-Dokumentationszentrum informiert über den NSU-Komplex und die Geschichten der Opfer und Angehörigen der rechtsextremen Mord- und Terrorserie. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1118361_image" /></div> <BR /><h3> Auftakt</h3><BR />Eingeläutet wird das Kulturhauptstadtjahr am 18. Jänner. Dazu werden 70.000 bis 100.000 Gäste erwartet. Neben Programmen auf mehreren Bühnen sind ein Festakt im Opernhaus, ein Rave auf dem Marktplatz und eine große Eröffnungsshow am Karl-Marx-Monument geplant – dem bekannten Wahrzeichen der Stadt. Details der Show will der Regisseur Lars-Ole Walburg, der das Programm der Eröffnungsfeier verantwortet, noch nicht verraten. Durchgesickert ist, dass 120 Menschen eine historische Dampflok durch die Innenstadt ziehen werden. Die Aktion verweist auf die Geschichte von Chemnitz und ist zugleich Sinnbild des „kollektiven Anpackens“.<BR /><h3> Friedensaktionen</h3><BR />Auch das Thema Krieg und Frieden wird sich 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wiederfinden. So lassen Radsportler beim grenzüberschreitenden European Peace Ride die Ideen der Internationalen Friedensfahrt wieder aufleben. Am 8. Mai ist ein europäisches Friedensläuten angesagt. Auch am 5. März gibt es Aktionen – an diesem Tag waren 1945 Teile der Stadt bei Luftangriffen der Alliierten zerstört worden. Dabei starben rund 2100 Menschen.<BR /><BR /><BR />Für das Programm im Kulturhauptstadtjahr ist ein Budget von mehr als 30 Millionen Euro vorgesehen. Erwartet werden rund 2 Millionen Besucherinnen und Besucher. Einiges soll auch über 2025 hinaus Bestand haben. Dazu gehören nicht nur die Kunstwerke am „Purple Path“ aondern auch das Ensemble Karl Schmidt-Rottluff. Es umfasst das einstige Wohnhaus und die Mühle der Eltern des Künstlers und „Brücke“-Mitbegründers. Es soll dauerhaft als neues Museum, technisches Denkmal und Veranstaltungsort dienen – ein „Hotspot des Expressionismus“ in Chemnitz.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1118364_image" /></div> <h3> Grenzüberschreitend</h3><BR />„Der grenzenlose Blick auf die Frau“ nennt sich das deutsch-portugiesische Projekt über die Vielfalt des Kunsthandwerks. In zahlreichen Regionen Europas haben historische Ereignisse ein Ungleichgewicht zwischen dort lebenden Frauen und Männern geschaffen. Das verbindet Chemnitz und die portugiesische Region Mourão. Die Verbliebenen stellen sich der Frage, was zu tun ist, um hier dauerhaft leben zu können? Kunsthandwerk, in Chemnitz wie in der Region Mourão eine historische Quelle von Wohlstand, wird im Projekt als Triebkraft für Gestaltung von Zukunft aktiviert. Das Frauenzentrum Lila Villa lädt Frauen sowohl in Chemnitz als auch in Mourão ein, jeweils gemeinsam an einer keramischen Skulptur zu arbeiten und einen Kalender zu gestalten. Dazu wird es Ausstellungen und Konzerte geben. Höhepunkt ist eine gemeinsame Begegnungsreise, die Erfahrungsaustausch in Handwerk, Kunst und Leben ermöglicht.<BR /><h3> Analyse: Was bleibt vom Kulturhauptstadt-Titel?</h3><BR />Mit Chemnitz kann sich zum vierten Mal eine deutsche Stadt als Kulturhauptstadt Europas präsentieren. Die Sachsen haben dazu unter dem Titel „C the Unseen“ ein Programm mit mehr als 200 Projekten gezimmert. Wie kann der Titel eine Stadt verändern und was bleibt in den Jahren danach? Ein Blick nach Berlin, Weimar und ins Ruhrgebiet, wo das Kulturhauptstadtjahr 2010 von einem Unglück mit 21 Toten überschattet wurde.<BR /><h3> West-Berlin als erster deutscher Titelträger</h3><BR />Berlin ist noch eingemauert, als der West-Teil der Stadt 1988 vierte europäische Kulturhauptstadt wird – nach Athen, Florenz und Amsterdam. Berlin ist die erste deutsche Stadt, die diesen Titel trägt. Und in Zeiten des Kalten Krieges ist das Kulturhauptstadtjahr auch ein politisches Zeichen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1118367_image" /></div> <BR /><BR />„In Berlin waren stets die Einflüsse aus West und Ost, aus Nord und Süd zu spüren“, sagte der damalige Bundesminister des Auswärtigen, Hans-Dietrich Genscher (FDP), im November 1988 bei der Abschlussveranstaltung. Ohne diese internationale Vielfalt sei Berlin gar nicht zu denken. Wer sich hier vorstelle, stelle sich der Welt vor. Auch Beiträge aus der damaligen Sowjetunion zum Kulturleben Berlins – etwa Auftritte der georgischen Philharmonie – hob der 2016 gestorbene Politiker damals hervor.<BR /><BR />Ein nach wie vor bekannter Spielort in der Theaterszene ist das Hebbel-Theater im Stadtteil Kreuzberg. Das Haus wurde anlässlich der 750-Jahrfeier Berlins 1987 renoviert und im Kulturhauptstadtjahr für internationale Produktionen und Gastspiele genutzt. Damals hat man mühselig Publikum in diese Ecke der Stadt gelockt, das Haus stand am Rande der Mauer, niemand hat es gekannt.<BR /><h3> Klassikerstadt erhält internationalen Push</h3><BR />Mehr als 10 Jahre später ist nach Berlin dann Weimar im Osten Deutschlands 1999 die Kulturhauptstadt Europas. Knapp sieben Millionen Menschen besuchen die beschauliche Stadt in Thüringen aus diesem Anlass. Einst wirkten dort Geistesgrößen wie Goethe, Schiller und Herder, nun rückt Weimar mit dem Titel in die Ränge früherer Kulturhauptstädte wie Paris und Athen vor. Der Status brachte Weimar einen Modernisierungsschub: Straßen wurden saniert, auch Teile des heutigen Unesco-Welterbes, das Stadtschloss, das Goethe-Nationalmuseum und der Bauhaus-Musterbau „Haus am Horn“ wurden auf Vordermann gebracht. Weimar ist durch 1999 internationaler und weltoffener geworden, so die Bilanz. Geblieben ist nach Meinung vieler auch die Verortung des Vermächtnisses von Buchenwald und der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit im Selbstverständnis der Stadt.<BR /><BR /><BR />Bleibend ist auch ein international viel beachtetes Projekt: Der Dirigent Daniel Barenboim und der inzwischen gestorbene Kulturtheoretiker Edward Said leiteten einen Workshop mit israelischen, palästinensischen und anderen arabischen Musikerinnen und Musikern. Das so entstandene West-Eastern Divan Orchestra spielte auch 25 Jahre nach seiner Gründung zuletzt mehrere Konzerte im vom Krieg in Nahost geprägten Jahr 2024.<BR />Eine heftige Debatte über den Stellenwert von DDR-Kunst löste die Ausstellung „Aufstieg und Fall der Moderne“aus. Auch andere Projekte waren umstritten, zudem sorgten Angriffe von Neonazis auf Besucher und Projekte für Negativ-Schlagzeilen.<BR /><h3> Loveparade-Unglück überschattet Kulturhauptstadtjahr</h3><BR />Mit dem Ruhrgebiet trat dann 2010 erstmals eine ganze Region mit 53 Kommunen und mehr als 5 Millionen Einwohnern als Kulturhauptstadt-Veranstalter an. Deutschlands größter industrieller Ballungsraum hatte damals noch mehr als heute mit Vorurteilen zu kämpfen. Doch über 10 Millionen Besucher erlebten die Region damals nicht als dreckig, arm oder kulturlos – im Gegenteil.<BR />Ex-WDR-Intendant Fritz Pleitgen moderierte ein Programm, das zwischen Spitzenkultur wie einer Auftrags-Oper von Hans Werner Henze und breitenwirksamen Großveranstaltungen pendelte. Dazu gehörte ein Gesangstag für das ganze Ruhrgebiet und die Sperrung der wichtigsten Ruhr-Autobahn A40 für Kleinkunstangebote und gemeinsames Feiern an Biertischen.<BR /><BR /><BR />Überfällige Bahnhofsrenovierungen etwa in Essen und Dortmund wurden endlich angegangen, es gab bedeutende Museumsbauten in Dortmund, Hagen, Duisburg und Essen. So bekam die Region mehrere große Besucherzentren für ihre Touristen. Vor allem die Welterbestätte Zollverein in Essen, ehemals eine Kohlezeche, hat sich zu einem internationalen Anziehungspunkt entwickelt.<BR />Der Titel hat dem Ruhrgebiet als Ziel für Kultur- und Städtetouristen einen deutlichen Schub gegeben. Davon profitiert man bis heute. Das zeigt sich an den Besucherzahlen: 2010 gab es in der Region 6,5 Millionen Übernachtungen, 2023 waren es 8,8 Millionen.<BR />Doch ein großer Schatten liegt bis heute über dem sonst so fröhlichen Kulturhauptstadtjahr: Die Loveparade-Katastrophe. Bei dem Techno-Fest kam es im Juli 2010 in Duisburg zu einer Massenpanik. 21 Menschen starben und rund 500 verletzt wurden.<BR /><BR /><BR /><b>Info:</b> Neben Chemnitz amtiert auch das italienisch-slowenische Projekt Gorizia/Nova Gorica als Kulturhauptstadt Europas (siehe dazu die Kulturseite vom 9.1.2025). 2024 waren Bad Ischl – Salzkammergut sowie Tartu (Estland) und Bodø (Norwegen) die Europäischen Kulturhaup- tstädte. 2026 werden es Oulu in Finnland und Trencín in der Slowakei sein.<BR /><BR /><b>Programm:</b><BR />https://chemnitz2025.de