Schon von Klein auf ist sie mit Kunst aufgewachsen, denn zu Hause standen Ausstellungsstücke und Kunstobjekte überall herum. Dieser völlig ungezwungene Zugang zu Kunst hat sie sicherlich geprägt, ist die Geschäftsführerin und Koordinatorin der Messner Mountain Museen überzeugt.<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Sie sind auf Schloss Juval aufgewachsen, umgeben von Kunst. Kinder haben einen intuitiven Zugang zu den Dingen, in Ihrem Fall zu Kunst, welchen Einfluss hatte und hat diese auf Ihr Verständnis vom Leben…</b><BR />Magdalena Messner: Auf meine Sicht des Lebens hat Kunst einen enormen Einfluss, weil Kunst immer ein Zeitdokument der jeweiligen Umgebung und der Gedanken der Künstlerin oder des Künstlers ist, aber auch der verschiedensten Kulturen. Das ist der Punkt, der mich am meisten geprägt hat als Kind, auch weil meine Eltern uns Kinder immer mitnahmen auf ihren Reisen in alle Welt und vor allem in die Himalaya-Regionen. So entwickelten wir einen natürlichen Zugang zu „fremdländischen“ Ausstellungsstücken und Kunstobjekten, die bei uns zu Hause überall herumstanden. Im Laufe meines Studiums habe ich begonnen, mein Zuhause mit anderen Augen zu sehen – so etwa die Renaissance-Fresken von Bartlmä Til Riemenschneider im Schloss. Ab dem Zeitpunkt habe ich gelernt, Kunst richtig wahrzunehmen und auf Details zu achten. Als Kinder hingegen haben wir zu den Kunstgegenständen zu Hause immer neue Geschichten erfunden. <BR /><BR /><BR /><b>Wenn man mit Kunst aufwächst, strukturiert das System Kunst auch die Wahrnehmung…</b><BR />Messner: Ja, ich denke schon. Ich kann natürlich nicht sagen, wie es gewesen wäre, wäre ich anders aufgewachsen, aber im Rückblick hat Kunst bei mir viel bewirkt. Zudem habe ich vor meinem Kunststudium eine Ausbildung zur Werbegrafikerin absolviert, dabei habe ich mein ästhetisches Empfinden geschult. Unbewusst nehme ich mehr wahr, als vielleicht jemand, der in anderen Bereichen geschulter ist. Wenn ich heute durch die Stadt fahre, kann ich danach aufzählen, welches Plakat ich gesehen habe und welches mir gefallen hat. Das sind sicher Prägungen, die aus Kindheitstagen herrühren, weil ich völlig ungezwungen inmitten von Kunst und Künstlern aufgewachsen bin. Es gab auch immer anregende Gespräche, wo wir Kinder dabei sein durften. Das hat mich sehr offen und neugierig gemacht. <BR /><BR /><BR /><b>Sie haben Wirtschaft und Kunstgeschichte studiert. Da ist die Beschäftigung mit Kunst eine natürliche Sache, nehme ich an. Was interessiert Sie persönlich an Kunst?</b><BR />Messner: Sehr mag ich die Malerei. Zu Skulpturen habe ich weniger Zugang. Auch Grafik und Textilkunst faszinieren mich. Die Tatsache, dass Kunst spiegelt – den Betrachter selbst, den Künstler, das Umfeld, die Zeitgeschehnisse, in denen Kunst entstanden ist und in denen sie heute wahrgenommen wird – ist das, was mich an Kunst interessiert. Diese ineinander verzahnte Komplexität, die im Positiven wie im Negativen etwas auslöst, schafft nur die Kunst.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="702395_image" /></div> <BR /><BR /><b>...beinahe eine Art Läuterung?</b><BR />Messner: Ja, das ist es, was ich mag.<BR /><BR /><BR /><b>Auf den Messner Mountain Museen gibt es Dauerausstellungen, themenbezogen zum jeweiligen Ort. Dann aber werden auch Sonderausstellungen wie jetzt auf Schloss Sigmundskron „Growing Mountains Masuyama“ mit Arbeiten des japanischen Künstlers Hiroyuki Masuyama gezeigt. Nach welchen Kriterien suchen Sie die Künstler aus? Muss das Thema Berg oberstes Gebot bleiben?</b><BR />Messner: Da das Spektrum zum Thema Berg so vielseitig ist, und jeder dazu Gedankenbrücken schlagen kann, finde ich es immer wieder spannend, Kunstwerke, die dieses Sujet zum Inhalt haben, auszuwählen. Von da her gehen uns die Themen nie aus – wir, das heißt ein kleines Team von 20 Leuten, die für 6 Museen verantwortlich zeichnen. Um das Thema Kunst kümmere ich mich zusammen mit meinem Vater und einer Mitarbeiterin. Jeder bringt Vorschläge, es kommen Anregungen von außen oder Künstler kontaktieren uns. In Gesprächen merken wir dann schnell, wer und was zu uns passt. Deshalb sind unsere Wechselausstellungen ganz unterschiedlich. Alles hat Platz, egal welches Genre, egal woher die Künstler stammen. Wichtig bleibt dabei, dass sie zum Thema Berg etwas Neues beisteuern. Es muss nicht augenscheinlich sein, oft erkennt man den Bezug erst im zweiten Moment.<BR /><BR /><BR /><b>In der Kunstgeschichte gibt es viele Künstler, die sich mit dem Thema Berg auseinandergesetzt haben. Gibt es einen oder eine, die Sie besonders faszinieren?</b><BR />Messner: Eine Ausstellung von Anselm Kiefer vor ca. 10 Jahren in Wien werde ich nie vergessen. Da gab es eine ganze Reihe monumentaler Werke zum Thema Berg. Als ich vor diesen Bildern stand, habe ich gemerkt, wie sehr mir die Berge fehlen. Ich habe dieses Gefühl gespürt, das ich von Touren kenne, die mich eigentlich überfordert haben oder als ich auf Reisen war in den höchsten Bergen der Welt. Es ist dieses Gefühl von Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit neben diesen Riesen. Die Natur ist so viel gewaltiger, einzigartiger und manchmal auch Furcht einflößender, wenn man ihr ganz stark ausgesetzt ist, dass sie in mir viel bewegt, so wie jene Ausstellung. Ansonsten bleibt Caspar David Friedrich für mich unübertroffen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="702398_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Wenn Sie schon von monumentalen Bergen sprechen, so muss ich Sie auch fragen: Haben Sie mit Ihrem Vater je einen 8000er angepeilt?</b><BR />Messner: Nein. Ich bin gerne in den Bergen und brauche auch den klärenden Blick von oben, aber das Extreme hat sich mir nie erschlossen, deshalb war es für mich als Mädchen mehr als ausreichend, mit ihm auf dem Similaun zu sein oder auf Base Camps von 8000ern oder auf manchem Pass im Himalaya, da ist man sehr schnell auf 5000 Metern Meereshöhe, ohne sich unglaublich anstrengen zu müssen. Ich fand es spannend, das erlebt zu haben, aber mich zieht es nicht dorthin. Ich lese gerne darüber und lass mir gerne davon erzählen.<BR /><BR /><BR /><b>Dann haben Sie den höchsten Berg in Südtirol, den Ortler, auch noch nicht bestiegen?</b><BR />Messner: Allerdings, und ich werde ihn wohl nie besteigen.<BR /><BR /><BR /><b>Künstler hinterfragen mit ihren Werken so lange die grundsätzlichen</b><b>Dinge, bis sie auf etwas Neues stoßen. Nach dieser besonderen Zeit ist diese Frage für uns alle in allen Bereichen ein zentraler Gedanke. Münzen wir sie auf unser Land um. Wir werden uns Gedanken machen müssen, wohin wir steuern wollen im 21. Jahrhundert. Von den ökologischen Fragen abgesehen möchte ich über Image sprechen. Weg von „appels and cows“ – um es vereinfacht zu sagen – könnte ein Weg über Kunst und Kultur zu einem spannenden, neuen, urbaneren Südtirol führen, was sagen Sie dazu?</b><BR />Messner: Ich glaube, wir brauchen beides. Wir brauchen „apples and cows“, allerdings in zeitgemäßerer Form, weg von der Ausbeutung der Natur, vom unnötig intensiven Einsatz von Spritzmitteln etwa oder von der Massentierhaltung, hin zu qualitativ hochwertigen und deshalb besonderen, kreativen Lösungen. Ich glaube, dass nur das der Schlüssel sein kann, damit wir langfristig eine einzigartige Positionierung im internationalen Markt finden und unseren Nachkommen eine ökologisch nicht zerstörte Welt hinterlassen. Passend dazu funktioniert der Rest automatisch, denn wenn dieser Kreislauf richtig ins Rollen kommt, ziehen wir auch Menschen an – egal ob sie hier Urlaub machen oder leben wollen oder Künstler sind –, die diese Ideen mittragen. Und, ja, gerade diese Zeit hat uns gelehrt, unsere üblichen Handlungen zu hinterfragen: Auf Schloss Juval etwa hatten wir 25 Jahre lang Führungen durch das Haus. Corona hat zum Umdenken gezwungen, auch aus Sicherheitsgründen, jetzt können Besucher mit einer App frei durchs Schloss zirkulieren, und das funktioniert wunderbar. Ohne Corona hätte ich wahrscheinlich nie etwas geändert. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="702401_image" /></div> <BR /><BR /><b>Brains nach Südtirol zurückholen, ist eine Marketingstrategie von IDM, doch oft mit dem lauen Slogan: Komm hierher zu arbeiten, wo andere Urlaub machen. Das ist doch nicht der richtige Ansatz, um spannende „Köpfe“ an Südtirol zu binden, diese suchen eine mentale Herausforderung, die gerade über Kunst geschehen könnte. Wieweit wollen Sie mit Ihrer Kunst auf Ihren Museen dazu beitragen?</b><BR />Messner: Unser größter Beitrag ist der direkte Austausch, denn wir sind mit unseren Museen Begegnungsstätten und kein klassisches Kunst- oder Naturkundemuseum. Wir wollen nicht belehren. Wir haben auch das große Glück, dass wir frei sind von Zwängen und Normen, da wir freiwirtschaftlich funktionieren und so keine Verpflichtungen haben. Wir wollen nur das erreichen, was wir uns selbst vorgenommen haben: nämlich, die Menschen bewegen für das Thema Berg. Es soll ein Austausch zwischen dem Besucher und den Menschen, die hier arbeiten, stattfinden.<BR /><BR /><BR /><b>Wie wollen Sie diesen Austausch ermöglichen?</b><BR />Messner: Im Moment geschieht dies über meinen Vater. Hier auf Firmian etwa bieten wir Gespräche am Feuer an, wo er kurz etwas erzählt und danach lange Diskussionen entstehen. Da werden oft hochbrisante Themen angesprochen. Selbst habe ich auch neue Formate eingeführt, Abende mit jungen Schauspielerinnen, Musik mit dem Haydn Orchester u.v.m. Mit einem Programm aus allen Kulturgenres wollen wir die unterschiedlichsten Köpfe ansprechen. Sigmundskron ist ein historisch behafteter Ort, doch heute ist es auch ein anregender Ort.<BR /><BR /><BR /><b>Kunst kann die Perspektive des Betrachters verändern, steuern Sie mit Ihren Plänen auch einen Perspektivenwechsel an, indem Sie vermehrt auf zeitgenössische Kunst setzen?</b><BR />Messner: Ich versuche immer wieder alles, was mich beschäftigt, in die Ausstellungen einfließen zu lassen. Was aber der Betrachter daraus macht, überlasse ich jedem Einzelnen. Ich würde mir nie anmaßen, meine Sichtweise jemandem aufzudrängen. Allerdings ist es mir wichtig, dass auch kritische Themen bei uns Platz finden, egal ob es um Müllberge geht oder um Berge als Grenzen usw. Über die Kunst kann man sehr gut emotionale Regungen aller Art bewirken.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="702404_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Gegenwartskunst lädt auch den Betrachter zu einer neuen Art von Teilhabe ein, welche Richtung wollen Sie einschlagen, wenn Sie hier Zeitgenössisches präsentieren?</b><BR />Messner: Zeitgenössisches ist ein wichtiger Teil unserer Ausstellungstätigkeit, auch unserer Dauerausstellung, die immer wieder überdacht und verändert wird. Oft wollen wir Themen anschneiden und sind dann auf der Suche nach Künstlern, die unsere Ideen transportieren. Andererseits aber geschieht es auch, dass wir ein Werk sehen und darin erkennen, was hier fehlt und wir brauchen. <BR /><BR /><BR /><b>Ihr Zugang zur Kunst bleibt also immer sehr intuitiv…</b><BR />Messner: Ja. Auch unsere Sammlung, die wächst auf diese Art. Es geht nie um den besonderen Künstler, sondern um die jeweilige Geschichte, die transportiert wird.<BR /><BR /><BR /><b>Diesen Zugang zur Kunst, scheint mir, hat auch Ihr Vater…</b><BR />Messner. Ja. Wenn mein Vater das nicht so gemacht hätte, dann gäbe es heute die Museen nicht. Denn sie sind eine große wirtschaftliche Herausforderung und werden es immer bleiben. Davor hatten mich schon mein Steuerberater und der Notar bei der Übernahme der Museen gewarnt, schließlich überleben wir ohne jegliche finanzielle Unterstützung vonseiten der Provinz oder dem Staat. Doch ich glaube an dieses Projekt und habe mir meinen Optimismus beibehalten. Dieser spiegelt sich in der Sammlung wider. Es geht darum, dass wir mit Hilfe der Kunst noch schönere Geschichten erzählen dürfen. <BR /><BR /><BR /><b>Und welchen Zugang haben Sie zu jungen Künstlern in Südtirol? Viele der besten neuen Ideen und Entdeckungen stammen von jungen Menschen, denn ihre „Unsicherheitstoleranz“ ist für kreative Prozesse verantwortlich…</b><BR />Messner: Wir haben einen regen Austausch mit jungen Künstlern in Südtirol. Daraus ergeben sich immer wieder neue Projekte. Im nächsten Jahr etwa werden wir eine Wechselausstellung mit dem jungen Südtiroler Künstler Daniel Costa hier zeigen, der Yakhaare im Himalaya zu Fäden verarbeiten lässt und sie grandios in Kunstwerke und Textilien verwandelt. <BR /><BR /><BR /><b>Vita<BR /><BR /></b><BR />Magdalena Messner wurde 1988 geboren. Sie studierte Wirtschaft und Kunstgeschichte in Wien und Rom und hat eine Ausbildung als Grafikdesignerin absolviert. Heute ist sie Geschäftsführerin und Koordinatorin der Messner Mountain Museen. Magdalena Messner hat 3 Bücher über die Museen und ihren Vater als Bergbauer und kulturellen Selbstversorger publiziert.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="702407_image" /></div> <BR /><b><BR />Sonderausstellung auf Schloss Sigmundskron</b><BR /><BR /><BR />Hiroyuki Masuyamas<BR /><BR /><BR /><BR /><BR />