Die Galeristin Cornelia Schmidmayr hat sich auf ukrainische Kunst spezialisiert und liefert Erfahrungen aus erster Hand. <BR /><BR /><b>Sie sind Managing Director der ArtEast Gallery in Berlin, waren Kulturattaché in Wien arbeiten mit einer Ukrainerin zusammen, lebten lange in Kiew, wo Sie sich intensiv mit der Kunst und Kultur auseinandersetzten und viele Französisch-Ukrainische Projekte initiierten. Ihr Fachgebiet ist die ukrainische Kunst. Und Sie vertreten hauptsächlich ukrainische Künstlerinnen und Künstler. Vielleicht können Sie uns einen kurzen Einblick in die doch sehr rege ukrainische Kunst geben. Gibt es bestimmte Besonderheiten, Traditionen, Tendenzen?</b><BR />Cornelia Schmidmayr: Die Ukraine war bis 1991 an verschiedene politische Einheiten gebunden, in denen sich im Laufe der vergangenen Jahrhunderte ethnische, kulturelle, und religiöse Einflüsse von großer Verschiedenheit vermischt haben: Kosaken, Mongolen, Tataren, Osmanen, Polen, Litauer, Russen; römisch-katholisch, griechisch-katholisch, orthodox, muslimisch, jüdisch. Es ist gerade die Vielfalt dieser Einflüsse, die ihre Kultur heute so faszinierend macht.<BR />Die heutige Kunst ist extrem dynamisch. Ich würde sagen, dass ihre größte Besonderheit ihre sehr hohe Innovationsfähigkeit ist. Man muss dazu sagen, dass die ukrainische Kunst eigentlich erst seit 30 Jahren frei ist, seit der Unabhängigkeit, es gab also ein weißes Blatt Papier zu beschreiben, und die Künstler haben es sich angeeignet und tun es immer noch. Die Künstler sind neugierig, haben keine Angst, etwas auszuprobieren, auch nicht davor, vielleicht damit zu scheitern. Sie arbeiteten mit vielen Techniken, vielen verschiedenen Materialien, und sind dabei sehr einfallsreich.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="748736_image" /></div> <BR /><BR />Man sieht, wie relativ alte und vergessene Techniken aktualisiert und adaptiert werden, wie zum Beispiel die Techniken der Gravur. In diesem Bereich nutzen das Künstlerduo etchingroom 1 und Olesya Dzhurayeva – alle in Kiew ansässig – diese Techniken auf sehr moderne Weise und mit sehr unterschiedlichen Welten. Die Welt von etchingroom 1 ist voller Humor – ein oft grimmiger und beißender Humor. Die Drucke von Olesya Dzhurayeva sind eine Einladung zu einer poetischen Betrachtung der Welt um uns herum. <BR />Es gibt auch viele gewagte Vorschläge in der Fotografie, wie die der jungen Künstlerin Olga Koval, die in Tschernihiw ansässig ist. Sie mischt Techniken, setzt sich bei ihren Themen keine Grenzen und enthüllt Körper voller Wahrheit und von faszinierender Schönheit.<BR />Am Ende ist sicherlich am auffälligsten, dass jede Generation in diesem Land und damit auch jede Generation von Künstlern und Künstlerinnen eine Hungersnot, einen Krieg, eine Revolution erlebt hat. Die Künstler und Künstlerinnen von heute, die noch nicht einmal 30 Jahre alt sind, haben bereits 2 Revolutionen und einen Krieg erlebt. Dies wirkt sich unweigerlich auf ihre Kreativität und die Intensität ihrer Weltsicht aus.<BR /><BR /><BR /><b>Sie haben lange in Kiew gelebt, wie erlebten Sie dort die zeitgenössische Kunstszene?</b><BR />Schmidmayr: Kiew hat mich und meine ganze Familie sofort in seinen Bann gezogen. Es hat mich an das Berlin der 1990er Jahre erinnert, ich war in der Zeit nach der Wiedervereinigung oft in Berlin. In Kiew konnte man die Aufbruchsstimmung noch spüren. Und vor allem bin ich dort auf eine lebendige, faszinierende und kreative Kunstszene gestoßen, die mich bis heute begeistert. Kiew ist voll von bunter Straßenkunst, alternativen Orten, Künstlerateliers, Galerien, Festivals. Die Ukraine liegt im Herzen Europas, und das habe ich auch in Kiew sehr stark gespürt. Die ukrainische Kultur hat die europäische Kunst und Literatur schon immer inspiriert, zahlreiche Schriftsteller stammen aus der Ukraine oder sind in die Ukraine gereist, haben die Volkskunst der Ukraine entdeckt und hervorgehoben. Von all dem wird die heutige zeitgenössische ukrainische Kunst genährt.<BR /><BR /><BR /><b>Die unglaubliche Aggression auf die Ukraine hat sicher auch große Auswirkungen auf Künstlerinnen und Künstler. Sie stehen in direktem Kontakt und Austausch, was erfahren Sie zurzeit aus dem Land? Wie ergeht es den Künstlerinnen und Künstlern?</b><BR />Schmidmayr: Wir stehen mit jedem von ihnen in regelmäßigem oder sogar ständigem Kontakt. Wir sind natürlich sehr besorgt und versuchen, ihnen so gut wie möglich zu helfen, indem wir uns ihnen zur Verfügung stellen. Ihre Situation ist sehr instabil. Einige haben uns gebeten, ihre digitalen Dateien zu schützen oder ihre Fotos z. B. in Deutschland weiterhin zu drucken und zu zeigen. <BR />Die Galerie als Struktur ist für diese Art von Notsituationen nicht geeignet. Daher haben wir die Peace for Art Foundation gegründet, um Fördermittel zu sammeln und Künstler und ihre Projekte sowohl in der Ukraine als auch – soweit möglich – Projekte ukrainischer Künstler außerhalb der Ukraine zu unterstützen. Natürlich ist es notwendig, dass die Sicherheit der Menschen gewährleistet ist, aber wir möchten uns auch für den Erhalt des kulturellen Erbes einsetzen und dazu beitragen, dass all die Kreativität, die die Ukraine so einzigartig macht, bewahrt wird. Jede Unterstützung und Hilfe sind willkommen.<BR /><BR /><b>Kunst sagt man immer, sei imstande auch Hoffnung zu geben. In diesen schrecklichen Tagen nur eine bloße Phrase? Oder wie wichtig ist Kunst in Krisenzeiten?</b><BR />Schmidmayr: Die Künstler selbst setzen ihre Arbeit unter den Bomben fort. Das ist ihre Art, die Geschehnisse und Erlebnisse zu verarbeiten. In der heutigen Situation, in der Worte hilflos erscheinen, gewinnt die Kunst an Bedeutung. Außerdem ist sie vielleicht auch eine Möglichkeit, Adornos Aussage zu entgehen, dass „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben barbarisch [ist]“. Vielleicht muss man weiterhin schöpferisch tätig sein, um der Barbarei zu entgehen?<BR />Kunst & Kreation versprechen immer etwas Neues, sind zukunftsorientiert und daher von Natur aus hoffnungsvoll. Zumindest möchte ich heute intensiver denn je daran glauben. Peace for Art Foundation: Regelmäßig werden neue Künstler hinzugefügt.<BR /><BR /><h3> Ein Blick zurück</h3>Ein ukrainischer Künstler hat in besonderem Maße Kunstgeschichte geschrieben. Kasimir Malewitschs Bild „Das schwarze Quadrat“ gehört heute zu den Ikonen der Avantgarde. Der Künstler wächst in einem kleinen Dorf der Ostukraine auf. Sein Vater arbeitet in der Zuckerfabrik, wo die Rüben der Umgebung verarbeitet wurden. Malewitsch bewunderte das Leben der Bauern und viele seiner Werke sind von der ländlichen Umgebung inspiriert. <BR />Mit einfachen Formen erzeugte der Künstler ländliche Szenen, die Landschaft reduzierte er auf bunte leuchtende Streifen in Anlehnung an die bunte ländliche weite Natur. In seinem Bauernzyklus lässt uns der Künstler an dieser Bauernwelt teilnehmen, welche alte Traditionen pflegt, die auch Malewitsch inspirierten. Blumenmuster malte man in die kleinen Zimmer auf Öfen und Fenster, Streifen von typisch bäuerlichen gewebten Stoffen übertrug Malewitsch in seine Malerei. 1915 dann präsentierte er sein bekanntes Werk, „Schwarzes Quadrat auf weißem Grund“. Es ist die Geburtsstunde der Kunstform des Suprematismus. <BR />Als „Die nackte Ikone meiner Zeit“, bezeichnete es der Künstler. Extreme Reduktion, schwarz-weiß, absolute Form, Gegenstandslosigkeit: Die westlichen Künstler waren begeistert, die Kritik reagierte mit Unverständnis. Ein Denkmal hat Malewitsch der ukrainischen Welt aber vor allem durch seine an den Ikonen inspirierten Werken gesetzt, denn 1929 kehrt er mit seiner Malerei wieder zur Darstellung zurück, malt figurative Bilder. Der Künstler stirbt mit nur 57 Jahren im Jahr 1933. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="748739_image" /></div> <BR />Zu den Avantgardisten gehörte auch Wassili Dmitrijewitsch Jermilow (1894 – 1968), der 1928 mit El Lissitzky an der Pressa Ausstellung in Köln teilnahm und auch den dortigen Stand gestaltete. Wie viele andere fiel auch er in Ungnade, seine Werke entsprachen nicht der offiziellen Kunstrichtung der Sowjetunion, dem Sozialistische Realismus. Erst später rehabilitierte man ihn. Nach ihm ist in Charkow das Zentrum für zeitgenössische Kunst benannt. <BR /><BR />Dass die Ukraine eine sehr viel beachtete Kunstszene hat und ihre Vertreter auch im Westen vielbeachtet sind, zeigte 2019 die Ausstellung im Mumok in Wien mit der Schau von Nikita Kadan (*1982), einem ganz jungen Vertreter ukrainischer Kunst. Er präsentierte im Museum sein „Project of Ruins“. Seine gesellschaftskritischen Werke beschäftigen sich mit dem Umgang des Staates mit Denkmälern aus der Sowjetzeit und den Werken der Vertreter der Avantgarde. Die Auseinandersetzung mit den immer wiederkehrenden Unterdrückungsmechanismen inspirierte ihn zu blockhaften Denkmälern. Wie geht man mit der Vergangenheit um? Kunst aus der Ukraine zeigt, wie diese Vergangenheit, auch die künstlerische mit ihren Avantgardisten, immer präsent ist.<BR /><BR />Der bedeutendste Schriftsteller der Ukraine, der auch als Maler Berühmtheit erlangte, ist Taras Shevchenko (1814-1861), dem man weltweit in unterschiedlichsten Städten Denkmäler gewidmet hat, u.a. in Rom, wo er als römischer Patrizier mit Toga dargestellt ist. 1814 in der Region Kiew geboren, wuchs er als Leibeigener auf und wurde nach seiner Freilassung in Petersburg an der Akademie der Künste aufgenommen. Seine Werke, ganz den realistischen Tendenzen des 19. Jahrhunderts verhaftet, zeigen das bäuerliche Leben in seiner Ukraine, die er in vielen Reiseskizzen festhielt. Er wurde wegen seines Kampfes gegen die Leibeigenschaft verhaftet und auf eine Festung am Kaspischen Meer verbannt. 1857 wurde er freigelassen, Shevchenko starb 1861. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="748742_image" /></div> <BR /><BR />Das Nationalmuseum der ukrainischen dekorativen Volkskunst in Kiew beherbergt eine große Sammlung der naiven Künstlerin Maria Prymachenko (1909-1997), die ihre Inspirationen der Volkskunst entnahm. Mit ihren Blumen und vor allem phantastischen Tieren in bunten Farben wurde die begabte Künstlerin 1935 zu ihrer ersten Ausstellung in Kiew geladen. Vor allem der Löwe hatte es ihr angetan. Pablo Picasso bewunderte sie, auch Chagall wurde von Prymachenko beeinflusst, unvorstellbar, dass diese friedliche Kunst nun während eines Angriffs auf das Museum in Iwankiw, ca 80 km nordöstlich von Kiew, zerstört wurde. <BR /><BR />Sensibilisieren mit „komplexen Fragen von Hegemonie und Identität, Aggression und Zerstörung, Widerstand und Solidarität“: Auch Institutionen im Westen können angesichts des Krieges und der Zerstörung nicht schweigen. Das MuseumsQuartier in Wien reagiert auf die Ereignisse mit einer Kunstaktion. Kunstschaffende verschiedener Nationalität, nicht nur aus der Ukraine, werden in den kommenden Wochen die Fassade des Hauses und des Leopold Museums mit Statements bespielen.<BR /><BR /> „Wer könnte atmen, ohne Hoffnung, dass auch in Zukunft Rosen sich öffnen, ein Liebeswort, die Angst überlebt“ schrieb die bedeutende Lyrikerin Rose Ausländer in einem frühen Gedicht. Vielleicht ist die „Ohn-Macht“ der Kunst doch auch imstande zu beflügeln und Hoffnung zu wecken.<BR />