Welche Meilensteine der Künstler erreicht hat, was ihm besonders am herzen liegt, wie sehr er sich verändert hat, das erzählt er im Gespräch.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="975145_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie die Malerei so die Poesie: Der Titel der Ausstellung deutet auf eine Doppelbegabung hin. Wo fühlen Sie sich beheimatet?</b><BR />Luis Stefan Stecher: Eigentlich ist das Wort mir fast näher als das Bild. Das Wort hat mehr Freiheit, aus dem kann man viel mehr machen. Mit dem Wort, den Schriften ist das eine wunderschöne Sache. Von den Chinesen hab ich gelernt: Die Malerei ist nur eine von 4 oder 5 Schriften. Diese Vorstellung gefällt mir gut. <BR /><BR />Diese Affinität für das Wort war bereits in der Kindheit angelegt, es kommt vom Weiblichen her. Meine Brüder starben in der Kindheit, als ich 4 war starben zudem der Vater und der Großvater. Die Männer waren also nicht mehr da, aber es gab noch 4 Schwestern und meine Mutter. Diese war viel krank, aber meine Schwestern gaben mir sehr viel Zärtlichkeit zum Leben und auch die Liebe für das Wort, durch das Vorlesen. Mit 3 bekam ich ein Büchlein, Dr. Quak von Josef Steck: <i>Der Dr. Quak, das ist ein ganz gescheiter Mann, der auch noch herrlich malen kann.</i> Das faszinierte mich, das Wort, vor allem die Reime.<BR /><BR /><BR /><b>Wenn Sie auf Ihre lange Karriere, welche Meilensteine fallen Ihnen ein?</b><BR />Stecher: Meilensteine in meinem Leben verbinde ich mit meinen Ortswechseln. Vom Vinschgau, wo ich auf die Welt komme, geht es nach Innsbruck, wo mein Vater studierte. Die reiche Stecherfamily wurde im Faschismus arm. Der Großvater baute die Brücken der Stilfserjochstraße. Der Maurermeister war der Baumeister, mein Großvater Anton Stecher. Ein Meilenstein ist sicher die kränkelnde Mutter mit 4 Mädchen und ich der kleine Bub, der Liebling. Deshalb hab ich so viel Zärtlichkeit in der Farbe und in den Worten. <BR /><BR /><BR />Mein jüdischer Zeichenlehrer fällt mir ein, der die Freude am Zeichnen auf mich übertragen hat. Auch mein Deutschlehrer, da erinnere ich mich an einen Aufsatz: <i>Grimmbart der Dachs wacht auf</i>. Das sind Bildchen, die tief in meiner Seele verankert sind. Natürlich prägten und interessierten mich die Reisen: Was ist hinter den Bergen? Das Dahintersein, das Geheimnis interessierte mich. Mit 19 war ich bereits in Nordafrika, in der Sahara. In Karthago sollte ich eine Kunstakademie eröffnen. Mich interessierten die Berge, aber nicht im Sinne des Bergsteigens. <BR /><BR /><BR /><b>Hat sich Ihr Zugang zur Malerei im Laufe der langen Karriere verändert? Haben sich die Werke verändert?</b><BR />Stecher: Natürlich gibt es eine Veränderung. Zuerst war die Grafik. Vieles fiel und fällt mir leicht, ich war immer ein sehr guter Schüler. Ursprünglich war geplant, dass ich ins grafische Gewerbe gehen sollte. Der Lehrposten in der Wagnerischen Druckerei war der Beginn, nach einem Jahr ging ich mit 16 Jahren nach Wien. Dann wurde die Farbe enorm wichtig. Immer wieder gibt es in meiner Malerei Veränderungen, aber nie absichtlich. Es hat sich einfach entwickelt. <BR /><BR /><BR /><b>Ohne tiefes Wissen von Literatur und Philosophie sind Ihre Werke nicht leicht verständlich. Mir fällt dazu der Satz Friedrich Schillers ein: „Wer sich über die Wirklichkeit nicht hinauswagt, wird die Wahrheit nie erobern.“ Trifft das auf Ihre Werke zu, diese Wirklichkeitsüberschreitung?</b><BR />Stecher: Die Wirklichkeitsüberschreitung hätte ich gerne, ob ich sie schaffe? Aber wollen, wünschen tu ich es: Zwei Begriffe liebe ich besonders: Wünschen und Staunen. Das Staunen geht über das Wünschen hinaus. Das ist der Grenzpunkt, wo man sicher ist, dass man nicht darüber hinaus kommt. Aber staunen kann man noch. Jetzt bin ich 86 Jahre, und wenn das Leben zuklappt: Mich interessiert, was dahinter ist. Die Wahrheit ist etwas Göttliches, der Mensch ist zuständig für die Wahrscheinlichkeit. Ich bin Anhänger der Wahrscheinlichkeit.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="975148_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Beeindruckend für mich ist besonders das Bild „Sisyphus oder der unmögliche Aufstieg“: Eine Metapher auch für das, Ihr Künstlerdasein?</b><BR />Stecher: Ja, schon auch. Ohne, dass ich mir einbilde, dass ich der bin, der imstande ist, das „Oben“ zu erklimmen. Als Reinhold Messner das Bild sah, sagte er: <i>„Das bin ich, auch der Stein bin ich.“</i><BR /><BR /><BR /><b>Welche Themen liegen Ihnen immer am Herzen?</b><BR />Stecher: Der Himmel, die Sterne, auch die religiösen Themen. So bin ich aufgewachsen, mich beeindruckte als Kind der 3 Monate zugefrorene Weihwasserkessel. Bibelwissen hat mich immer interessiert. Ich wusste bereits mit 6 Jahren, wer die rote Korah war. Die Seligen werden getröstet werden, auch das Vaterunser, das sind wichtige Themen für mich. <BR /><BR /><BR /><b>Figuration wird oft als unzeitgemäß verschrien, Sie haben immer darauf beharrt...</b><BR />Stecher: Selbstverständlich kann man etwas machen, das man nicht sieht, wenn man behauptet, das Nichts sei etwas. Figuration muss einfach sein, man kann ja auch nicht sagen, ich bin ein Dichter ohne Worte. Die abstrakten Werke, wo es ja kein Bild gibt, nur einen Strich, eine Fläche, eine Addition von Fläche und Strich, das hat mich nie interessiert. Oft sagt man: Das ist ein Bild. Zu sehen ist aber nur Weiß oder Schwarz. Da hat man behauptet, da ist ein springendes Pferd. Da spricht man von Kunst, aber nicht vom Malen. Ich war nie ein Missionar in meiner Kunst, ich war ein Bekenner.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="975151_image" /></div> <b>Sie präsentieren hier eine außergewöhnliche Retrospektive mit vielen Werken aus Privatbesitz, die man kaum kennt. Können Sie mir eines exemplarisch herausheben, das Ihnen besonders wichtig ist?</b><BR />Stecher: Das schwierigste Thema ist für mich das Ärgernis des Gottessohnes. Wenn ich der liebe Gott wäre, ich würde den Sohn nicht opfern. So habe ich alle 10 Jahre eine Kreuzigung gemalt. Deshalb ist das Kreuzigungsbild in der Ausstellung mir besonders wichtig. Nicht dass es mir besonders gefällt, ich glaube, ich hab es nicht ganz bewältigt. Ich wollte ja vieles hineinmalen. <BR /><BR /><BR /><b>Ihre Karriere ist – so liest man – eine ganz unermüdliche. Gibt es noch Mal- und Dichtkunst-Pläne, die der Realisierung harren</b>?<BR />Stecher: Schön wär's, wenn es möglich wäre. Wünschen darf man sich's ja. Ich hab vor 50 Jahren angefangen, einen Roman zu schreiben… ein Theaterstück, all das ist auf Eis gelegt worden. Die langen Texte sind gestorben. Geschrumpft ist meine Dichtkunst auf 14 Zeilen, auf das Sonett, meine Lieblingsform. Wenn man eine Idee hat, muss man sie in der knappen Formulierung bewältigen. Ja, das könnte ich mir schon noch vorstellen. Mal-Pläne? Ich weiß nicht, aber vielleicht doch... Es steht vieles unfertig zu Hause, das Zufallende wär ein künftiges Thema. <BR /><h3> „Ut pictura poesis“ in der Hofburg</h3><BR /><BR />Fantastisch, realistisch, figurativ, altmeisterlich, märchen- und traumhaft, ein Lebenswerk mit großen Themen wie Natur, Mensch, Gott. Ganz unbeirrt von den Strömungen der abstrakten Malerei präsentiert <TextHBlau>„Ut pictura poesis</TextHBlau>“ den „Duft der Farbe“, auch sprachlich, „in der Absicht, mitteilend Welt mit anderen zu teilen“. <BR /><BR /><BR />Der 1937 in Laas geborene Künstler hat unendlich viel zu erzählen, schweift gerne ab in die Tiefen von Wissenschaft, Philosophie und Religion, von Kunst und Leben und persönlichem Erleben. Er hat etwas zu sagen und tut das mit großer Begeisterung, und dabei hat die Poesie in Wort und Bild den großen Auftritt. Zitiert Kinderreime: <BR /><BR /><i>„Humpel hieß die alte Base, musste darum auf die Straße, doch am Randstein glitt sie aus, jetzt liegt sie im Krankenhaus.“</i><BR /><BR />Das ist ganz Luis Stefan Stecher, wie man ihn kennt, mit viel Humor, und Witz, und im Gespräch schwer auf Antworten „festzunageln“, zu groß ist sein Universum.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="975154_image" /></div> <BR />Die Werke in der Ausstellung stammen großteils aus Privatbesitz, Stechers Arbeiten finden sich auch in religiösen Orten, wie zum Beispiel der Plauser „Totentanz“ oder in der Pfarrkirche zur Heiligen Gertraud in Haslach. Sein besonderes Gespür für das Wort unterstreichen die „Korrnrliadr“. <i>„Mit diesen Gedichten in Vinschger Mundart hat Stecher an eine verdrängte Geschichte und eine vergessene Bevölkerungsgruppe erinnert und dieser ein literarisches Denkmal gesetzt“.</i><BR /><BR /><BR />Der Besuch der Ausstellung eröffnet die in höchster Perfektion umgesetzten Motive seiner Kunst und hier und dort auch Sonette, welche ihm so sehr am Herzen liegen. Glück, Freude, Poesie, Großinquisitor, Einhorn, Fensterbilder, Das Leben und die Zeit, „Die apokalyptischen Reiter“: Dort bleibt mein Blick lange hängen, die Insekten, die wie Raketen über uns hinwegrasen, sind ein eindrucksvolles Bild einer Zukunftsvision, auch wenn 50 Jahre alt. Demgegenüber erhellen sich die düsteren Gedanken bei den zart gemalten poetischen Werken, die Poesie des Daseins feiert Musik und Theater. <BR /><BR />Perfekt gemalt sind seine Landschaften, die Kompositionen vielschichtig und unterschiedlich deutbar. Besonders eigen ist dem Künstler die raffinierte Vermengung von Themen, von Realität und Traumwelt. Fast so wie ein Theaterdirektor, der eine Unmenge von Figuren und Bildern im Kopf hat, präsentiert Luis Stefan Stecher seine Bühne, „vom Himmel durch die Welt zur Hölle“. Wollte man den Künstler positionieren, dann wohl im Phantastischen Realismus der Wiener Schule. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="975157_image" /></div> <b>Termin:</b> bis 28.4., Hofburg Brixen<BR /><h3> Auszeichnungen</h3><BR />Im Jahr 1968 erhielt Luis Stefan Stecher den Walther-von-der-Vogelweide-Förderpreis des Münchner Kulturwerkes für Südtirol. 1977 gewann er den Literaturpreis der Stadt Feldkirch und des Vorarlberger P.E.N. Clubs. Im Jahr 1990 wurde er mit dem Verdienstkreuz des Landes Tirol geehrt. Am 20. Februar 2019 wurde ihm das Ehrenzeichen des Landes Tirol verliehen.<h3> Bücher</h3><BR /><b>Korrnrliadr.</b> Gedichte in Vintschger Mundart. Fotos: Roland Prünster. Bozen: Tyrolia 1978 <BR /><BR /><b>Beinahnähe</b> [Gedichte]. Ill.: Luis Stefan Stecher. Bozen: Athesia 1980<BR /><BR /><b>Der Duft der Farbe.</b> Ateliergedichte. Mit 12 Bildern. Ill., Vorw.: Luis Stefan Stecher. Innsbruck: Haymon 1988 <BR /><BR /><b>Der blaue Pavillon.</b> Kinderbilderreime. Wien, Bozen: Folio 2004 <BR /><b>Annähernd fern.</b> Variationen über Nähe und Ferne; Aphorismen und Zeichnungen. Wien, Bozen: Folio 2005 <BR /><BR /><b>Korrnrliadr.</b> Gedichte in Vintschger Mundart. (m. CD). Wien [u.a.]: Folio 2009 183 S. <BR /><BR /><b>Blättert der Wind im Stundenbuch.</b> Neue Sonette. Wien, Bozen: Folio <BR /><BR />Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.<BR />