Bis 14. Jänner zeigt die international renommierte Künstlerin ganz besondere Werke in Bozen. Im ausführlichen Gespräch verrät Dorigatti, worum es dabei geht. <BR /><BR /><b>Im 18. und 19. Jahrhundert erfährt das Briefgenre in den bildenden Künsten mit der Entwicklung der bürgerlich-aufgeklärten Briefkultur und -theorie in ganz Europa eine Weiterführung und Ausdifferenzierung. Als potenzieller Freiraum des Denkens und Fühlens kann das Briefeschreiben auch als Ort der Emanzipierung und Selbsterfindung verstanden werden...</b><BR />Margareth Dorigatti: …und ist, zusammen mit der Malerei ein wertvoller Selbsterziehungsprozess.<BR /><BR /><b> Mit Briefen haben Sie sich schon 2004 in Ihrem Werkzyklus zum Briefwechsel zwischen Goethe und Charlotte von Stein auseinandergesetzt, damals aller- dings auf distanzierter Ebene. „Mein Anliegen ist es, hinter Goethes Briefen die fehlende Charlotte zu erspähen“, sagten sie dazu. Was wollen Sie mit Ihrer neuen Arbeit erspähen? </b><BR />Dorigatti: Diesmal möchte ich, dass sich die Menschen wohl fühlen, wenn sie sich selbst in einigen Bildern erkennen. Mit der Ausstellung „Epistolarium“ in Rom habe ich wunderbare Erfahrungen gemacht.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="969733_image" /></div> <BR /><b>Im vergangenen Jahr haben Sie in Rom mit der Ausstellung „Epistolarium“ „einen schönen, symbolträchtigen visuellen Brief geschrieben: einen langen Brief von leidenschaftlicher menschlicher Nähe und unerschöpflichem Vertrauen in die Aus- druckskraft der Sprache der Malerei, wenn sie vom Atem der Poesie bewegt wird“, schrieb damals Duccio Trombadori im dazugehörigen Katalog. Ihr „Mal-Brief“ also als innigster Begleiter?</b><BR />Dorigatti: Malerei ist meine innigste Begleiterin gewesen, zuerst als Kind in Salurn, dann eine kurze Zeit in Bozen und später in Berlin und Rom. Wunderbare Erlebnisse, traurige Ereignisse, wie das Leben so spielt. In jeder Situation, auch in vollkommen trostlosen Momenten, durfte ich mit meiner Gesprächspartnerin rechnen, denn sie ist jederzeit parallel mit mir gegangen. „Und wenn du blind wirst?“, fragte mich meine Mutter. „Das spielt gar keine Rolle, denn ich spüre sie“, war und ist meine Antwort.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="969736_image" /></div> <BR /><b> Ihr ganzes Leben schon schreiben und erhalten Sie Briefe. In der Zeit der Pandemie haben Sie Ihre in Koffern gelagerten Briefbündel gesichtet. Daraus haben Sie wahllos Sätze aus Hunderten von Briefen herausgegriffen und sie auf Ihre Art „umgeschrieben, d. h. mit meiner wahren Stimme, die nur eine Sprache gut kennt: die Malerei“, sagen Sie. Kann man vermuten, dass die Werke der neuen Ausstellung die intimsten Ihres Lebens sind?</b><BR />Dorigatti: „Gefühle riskieren“ sagte mir einmal die große Opernsängerin Hildegard Behrens, die mir eine große Lehrerin war. In vergangenen Jahren war ich zu schüchtern und reserviert, um auf direktem Weg außerhalb des intimen Kreises meine Emotionen zu zeigen. Mit der Zeit durfte ich erfahren, dass Authentizität mit Risiko eng verbunden ist.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="969739_image" /></div> <BR /><b>Ihre Schau trägt den Titel „Warten“. Warten hat auch mit erwarten etwas zu tun? Auf was warten Sie? Oder was erwarten Sie? </b><BR />Dorigatti: Warten hat für mich am ehesten die Bedeutung von Schutz. WARTEN=BESCHÜTZEN. In diesem Zusammenhang beschützen die gemalten Emotionen mein Innerstes auf eine teils hermetische, teils offene Art. Von mir selbst ERWARTE ich, weiterhin offen und tolerant zu bleiben. Das hat mir immer Glück gebracht.<BR /><BR /><BR /><b>Fragmente, Auszüge von Briefen sind in Ihren Bildern festgehalten, die wiederum den Bogen zu jedem und jeder Einzelnen von uns spannen und damit ein uns allen bekanntes Gefühl evozieren. Das Persönliche wird zum Allgemeinen und wiederum zum Individuellen…</b><BR />Dorigatti: An besonderen Anlässen oder zu besonderen Festen werden vorgedruckte Kärtchen ausgetauscht, auf denen die allgemeinsten Sprüche stehen. Wer nicht davon betroffen ist, findet sie eher banal, wenn es aber um uns selbst und um unsere Gefühle geht, reagieren wir plötzlich ganz anders. Wer sich mindestens einmal im Leben verliebt hat, weiß, was ich meine…Jedes Wort, jeder Ton in der Stimme, jeder Brief bekommt sofort eine andere Bedeutung.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="969742_image" /></div> <BR /><b>„Weißt du noch…“ sind Zeilen, die wir alle kennen, „als in der Zeitung stand, wir hätten wieder Krieg…“ kann man auf einem Bild lesen und den ganzen Schmerz einer zeitlosen Zeit nachempfinden. Doch sie legen durch die tiefdunkle Farbe und die Worte „lass uns zusammenpacken und die Gondel nehmen“, ihre schützende Hand drüber. Ein Versuch von Versöhnung?</b><BR />Dorigatti: Dieser Bilderzyklus und die Ausstellung haben die Versöhnung in sich als Antwort auf diese besonders martialische Zeit. Mars kann nur von seiner Venus besänftigt werden. Das lerne ich seit 40 Jahren jeden Tag in Rom, wo beide Energien präsent sind. Das ergibt so eine Art tägliche Harmonie. Als ich Alessandro Casciaro von diesem Projekt erzählte war er sofort daran interessiert, obwohl es eine eindeutige Gegentendenz zum heutigen Kunstmarkt ist. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="969745_image" /></div> <BR /><b>Wie sehr müssen Sie Briefe (und Ihre Bilder) lieben…</b><BR />Dorigatti: Ja, lieben, denn es hat fast immer mit Liebesbriefen zu tun. Habe früh angefangen damit, als ich als Kind mit meiner Großmutter korrespondiert habe. Später begegneten einander andere Liebesbriefe. Ich mag das Wort „Korrispondenz“, denn es hat nicht nur mit Austausch, sondern auch „mit einander entsprechen“ zu tun und das ist der erste Schritt für ein friedliches Zusammensein. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="969748_image" /></div> <BR /><b>Wann haben Sie den letzten geschrieben?</b><BR />Dorigatti: Mein Freund Tobias, mit dem ich in Berlin in Wohngemeinschaft gelebt habe ist Bühnenbildner in London und wir wollten uns bei seiner letzten Aufführung an der Scala in Mailand vor 2 Jahren gegenseitig beschenken. Also habe ich ihm – rechtzeitig – einen Brief nach London geschrieben. Einen echten Brief, mit abgeleckter Briefmarke.<BR /><BR /><BR /><b>Angekommen? </b><BR />Dorigatti: Er ist angekommen und er hat mir auf dieselbe Art eine Antwort nach Rom geschickt. Wir haben uns versprochen, diese Briefe für immer aufzubewahren, denn es sind die letzten, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir schreiben mittlerweile per E-Mail, oder wir telefonieren, was auch nicht mehr so ganz aktuell ist. Zum Glück sind wir sehr bewusste Menschen und wissen, dass wir mit unseren 70 Jahren auch nicht mehr so ganz „aktuell“ sind. Dass jedoch Kinder immer mit Freude auf meine Bilder reagieren, mag heißen, dass Großmütter schöne Geschichten erzählen.<BR />Interview. Eva Bernhard<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="969751_image" /></div> <b>Termin:</b> Bis 14. Jänner, Alessandro Casciaro Art Gallery, Kapuziner- gasse 26a, Bozen <h3> Zur Person:</h3>In Bozen geboren, studierte sie 1973 an der Akademie der Schönen Künste in Venedig bei Emilio Vedova. 1975 zog sie nach Berlin, wo sie an der Universität der Künste Berlin Kurse in Malerei, Grafik und Fotografie belegte. 1977 gründete sie ebenda ein Atelierhaus. 1980 begann sie ihre Ausstellungstätigkeit in privaten Galerien in Berlin. 1983 realisierte sie mit Joachim Szymzcak ein Projekt für das Berliner U-Bahn-Netz: 75 Gemälde in 8 Bahnhöfen. <BR /><BR />Sie gewann einen von der Internationalen Bauausstellung ausgeschriebenen Wettbewerb für eine historische Fassade eines Gebäudes in Kreuzberg. Nach dem Abschluss des Studiums der Visuellen Kommunikation zog sie 1983 nach Rom, wo sie sie lebt und arbeitet. Sie stellt im In-und Ausland in privaten Galerien, öffentlichen Einrichtungen und Museen aus. Sie wurde zu internationalen Biennalen und Triennalen eingeladen, wie etwa 2011 zur 54. Biennale in Venedig. <BR /><BR />Ihre Werke sind in öffentlichen Sammlungen zu finden, wie in den Vatikanischen Museen (Rom), in Bozen im Rottenbuch-Palais, in der Sammlung Kreuzer Eccel, im Museion und Landhaus, in der Galleria Stella, in der Oper Köln, der Sparkasse Bruneck, Palazzo Barberini (Palestrina), Pulsklinik Hospital (Berlin). <BR /><BR />Von 2004 bis 2021 hatte sie den Lehrstuhl für Dekoration an der Akademie der Schönen Künste in Rom inne; außerdem lehrte sie an der Uni der Künste in Berlin, an der Akademie der Schönen Künste in Bologna, an der Akademie der Künste in München und an der Uni Bozen. <BR /><BR /><BR /><BR /><BR />