Für eine Überraschung auf dem Pariser Laufsteg sorgte kürzlich Miuccia Prada: Für ihre Marke Miu Miu entwarf sie für die Sommerkollektion 2026 die Hausschürze neu, u.a. ließ sie die Oscar nominierte deutsche Schauspielerin Sandra Hüller im „Blauen Schurz“ defilieren. Diesen Südtiroler Gebrauchsgegenstand hat die Designerin Anna Quinz bereits 2017 zweckentfremdet. Im Gespräch erzählt die Boznerin, warum die größte Inspiration oft direkt vor der Haustür liegt. Von<BR />Julia Augschöll<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1231353_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sie haben vor fast zehn Jahren die Marke „Quollezione“ gegründet und dafür mit Stoffen wie dem blauen Schurz oder den Tischdecken der Franz Weberei modische Kleidungsstücke kreiert. Was hat Sie bewogen, diese Materialien für Ihre Arbeit zu nutzen?</b><BR />Anna Quinz: Ich war schon immer von der Bergtradition Südtirols fasziniert. Besonders begeistert war ich von den historischen Stoffen und Kultstücken wie dem Blauen Schurz. Mit meiner Arbeit wollte ich einen zeitgemäßen Zugang finden, um diese Tradition in die Gegenwart zu holen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1231356_image" /></div> <BR /><BR /><b>Welche Rolle spielen Alltagsgegenstände als Inspirationsquelle für Kreativität und Mode?</b><BR />Quinz: Sie sind enorm wichtig. Im Grunde kann man durch alles inspiriert werden. Das, was uns umgibt, ist die Grundlage jeder kreativen Arbeit. Wenn man nicht neugierig ist, kann man auch nicht kreativ sein.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1231359_image" /></div> <BR /><BR /><b>Viele große Marken – wie Dolce & Gabbana mit ihren Votivherzen oder Miu Miu jetzt mit der Schürze – haben Alltagsgegenstände und -stoffe in ihren Kollektionen aufgegriffen. Warum ist die Modewelt so fasziniert vom Gewöhnlichen?</b><BR />Quinz: Weil genau dort die Wahrheit des Lebens liegt – im Alltäglichen, im Unspektakulären. Ein gutes Beispiel sind effektiv die Schürzen auf dem Laufsteg von Miu Miu. Solch gewöhnliche Kleidungsstücke vermitteln eine klare Botschaft – dass Arbeit einen hohen Wert hat. Diese Elemente sind für Designer interessant, weil sie authentisch sind. Und da die Mode sehr schnelllebig ist, braucht man ständig neue Ideen. Das reale Leben der Menschen liefert da wohl die meisten Impulse.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1231362_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Also ist der Drang nach Alltäglichkeit in der Modewelt kein vorübergehender Trend…</b><BR />Quinz: Diese Faszination begleitet die Mode schon seit jeher. Selbst Coco Chanel ließ sich in ihrer Zeit von Arbeitskleidung inspirieren. Arbeit, Leben, Alltag – das waren immer schon die Quellen, aus denen die Designerinnen und Designer geschöpft haben. Ich bin überzeugt, dass das auch weiterhin so bleiben wird.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1231365_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wenn Alltägliches auf dem Laufsteg gezeigt wird, verliert das Objekt dann nicht seine ursprüngliche wichtige Bedeutung?</b><BR />Quinz: Sobald ein Alltagsobjekt in die Kollektion einer großen Marke aufgenommen wird, verändert sich natürlich sein Nutzen, es wird neu interpretiert. So ist es auch der blau-gelben Ikea-Tasche ergangen – ursprünglich ein Gebrauchsgegenstand, um Einkäufe zu tätigen. Balenciaga hat diese Tasche neu geschaffen, nur eben als Designerstück. Mode ist letztendlich ein Spiel. Sie bedient sich überall und interpretiert neu. Authentisch ist sie nur dann, wenn wiederum ein Stück entsteht, das eine Botschaft hat.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1231368_image" /></div> <BR /><BR /><b>Was halten Sie davon, dass diese „Alltagsobjekte“, von Modehäusern umgemodelt, dann zu sehr hohen Preisen verkauft werden?</b><BR />Quinz: Wenn Alltägliches in der Modewelt Einzug hält, entsteht ein ganz neues Wertesystem – mit Produktion, Vermarktung und Kommunikation im Hintergrund. Das treibt die Preise natürlich in die Höhe. Eine Prada-Schürze ist eben nicht dasselbe wie unsere traditionelle Schürze.<BR />Interessant finde ist aber, wie solche Stücke von Menschen neu interpretiert werden können. Vielleicht sehen wir bald mehr kreative Leute, die den Schurz auf ihre eigene Weise tragen – ganz ohne das Designeretikett. Je nachdem, wie jemand ein Kleidungsstück trägt oder verwandelt, bekommt es einen Wert – nicht ökonomisch, sondern in Form von Persönlichkeit.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1231371_image" /></div> <BR /><BR /><b>Dann gibt es in der Mode eigentlich keine Grenzen…</b><BR />Quinz: Allerdings. Die Mode hat in ihrer Geschichte schon nahezu alles berührt: das Volkstümliche, das Heilige, das Profane. Sie ist ein großes Spiel, das sich an Allem bedient. Tabus gibt es heute kaum noch, besonders seit die Mode auch Geschlechtergrenzen aufgebrochen hat. Mittlerweile kann alles von jedem getragen werden.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1231374_image" /></div> <BR /><BR /><b>Und was wünschen Sie sich für die Zukunft der Mode?</b><BR />Quinz: Ausdrucksfreiheit. Solange Mode frei bleibt, hat sie einen Sinn. Sobald sie eingeschränkt wird, verliert sie ihn. Ich hoffe, dass sie auch künftig überall Inspiration sucht. Zurzeit etwa finde ich es sehr schön, dass gebrauchte Kleidung, Vintage und „pre-loved“ wieder im Trend liegen. Das ist für mich eine große Errungenschaft dieser Zeit: Altes mit Neuem zu verbinden, Flohmarktfunde mit Designerstücken. Sich durch alles ausdrücken zu können, was einem gefällt – unabhängig vom Preis oder Entstehungsjahr – das ist wahre Mode.<BR /><h3> Zur Person Anna Quinz</h3><BR />Die Kreativdirektorin ist Mitbegründerin der Kommunikationsagentur franzLAB. Seit 2010 leitet sie gemeinsam mit Kunigunde Weissenegger das Online-Magazin franzmagazine.com und seit 2015 gibt sie den Reiseführer JOSEF Travel Book heraus. Ihre Hauptinteressengebiete – die sich in der kreativen Leitung von Verlagsprojekten, in der Forschung, im Journalismus und in der Ausbildung (Universität Ca’ Foscari Venedig; Freie Universität Bozen) widerspiegeln – sind Kommunikation, territoriales Marketing und die Neugestaltung von Orten, mit besonderem Augenmerk auf die Bergwelt. Die Boznerin zählt zu den erfolgreichsten Modevisionären Südtirols.