Der Holländer Rein Wolfs ist 2012 Gastkurator am Museion. Damit wird dem neuen Führungsmodell, das der Stifterrat des Museion im April dieses Jahres verabschiedet hat, Rechnung getragen: Demnach wird jedes Jahr ein Gastkurator mit einer Themenausstellung beauftragt.„Das Thema ist eine Art Leitmotiv für das gesamte Ausstellungsjahr“, unterstrich Marion Piffer Damiani, Vorsitzende des Stiftungsrates, am Dienstag auf einer Pressekonferenz im Museion in Bozen.Das „Leitmotiv“ für die kommende Saison des Museion ist die „neue Öffentlichkeit“. Im Zentrum stehen soziale Online-Netzwerke wie etwa Facebook oder Twitter.„Das ist ein Thema, das alle Museen interessiert“, unterstrich Letizia Ragaglia. „Auch die Kunst geht diese Thematik etwas an und sicherlich auch das breite Publikum“, ist die Museion-Direktorin überzeugt.Die Ausstellung „The New Public. Von einem neuen Publikum und einer neuen Öffentlichkeit“, die Rein Wolfs betreuen wird, fragt nach dem Zusammenhang zwischen neuer Öffentlichkeit und Kunst und nach den Auswirkungen.„Konkret kann ich noch nicht werden“, meinte Wolfs am Dienstag im Museion. Im Zuge des Ausstellungsprojektes will Wolfs, der eigentlich künstlerischer Leiter an der Kunsthalle Fridericianum in Kassel ist und dort wegen der anstehenden „dOCUMENTA“ für ein Jahr abkömmlich ist, „acht bis zwölf zeitgenössische, internationale Künstler einladen“. Wichtig ist es ihm, den „Weg der Ausstellung öffentlich zu machen.“Kunst-Forum soll Diskussionen anregenDa kommt ein weiteres Projekt des Museion gerade recht: Im schon jetzt frei zugänglichen Erdgeschoss soll ein Kunst-Forum eingerichtet werden. „Wir möchten, dass besonders die Südtiroler den Ort als einen Treffpunkt wahrnehmen“, erklärte Ragaglia.Der Meraner Designer Martino Gamper wird das Forum einrichten. Der neue „project room“ soll am 3. Februar 2012 mit einer Ausstellung von Sonia Leimer eröffnet werden.„Wir wollen uns öffnen. Wir interessieren uns dafür, wer unser Publikum ist“, so Ragaglia.In dem Forum sollen Diskussionen und Gespräche Platz finden. Es sollen Runde Tische veranstaltet werden, aber auch „Lifestyle“-Veranstaltungen. „Wir zeigen dann eben weniger Ausstellungen, schaffen dafür aber mehr Platz für Diskussionen“, so Ragaglia.Diesen Ort will auch Rein Wolfs nutzen: „Ich will den Prozess der Ausstellung für den Besucher transparent und einsehbar machen.“ Geschehen soll das im Erdgeschoss des Museion.Vorstellen könne er sich grafische Darstellungen an den Wänden oder auch „etwas Theatralisches“, ein „inhaltlicher Vorausblick in einem anderen Medium auf die Ausstellung“. Einzel-, Gruppenausstellungen und Museion-SammlungWährend das Erdgeschoss zum Diskussionsforum wird, bleiben die drei Oberschosse Objekten der Kunst vorbehalten: Vom 17. September bis zum 8. Jänner präsentiert das Museion die Ausstellung „Carl Andre“, die von Letizia Ragaglia kuratiert wird.Vom 4. Februar bis zum 29. April werden im vierten Stock Arbeiten von Claire Fontaine präsentiert, einem, so Ragaglia, „Künstlerkollektiv, das seit eh und je den Kunstraum sprengt“ (Kuratorin: Letizia Ragaglia).Vom 19. Mai bis zum 19. August folgt eine vom Museion in Zusammenarbeit mit der “Fondazione Galleria Civica” in Trient ausgerichtete Einzelausstellung des polnischen Künstlers Pawel Althamer (Kuratoren: Letizia Ragaglia und Andrea Viliani).Die zentrale Themenausstellung „The New Public. Von einem neuen Publikum und einer neuen Öffentlichkeit“ von Rein Wolfs wird im September 2012 ebenfalls im vierten Stock eröffnet.Vom 26. November 2011 bis zum 16. September 2012 werden im zweiten und dritten Stockwerk unter dem Titel „Die Sammlung in Aktion. Mediale Arbeiten von Vito Acconci bis Simon Starling” Videos und Installationen aus den Museion-Beständen gezeigt (Kuratorinnen: Letizia Ragaglia und Frida Carazzato).Ab dem 6. Oktober 2012 folgt die Ausstellung „Museion meets migros” (Kuratorinnen: Heike Munder und Letizia Ragaglia). Werke aus dem migros museum in Zürich treten dabei mit Exponaten aus der Sammlung des Museion in einen Dialog.Auch die Museion-Fassade wird genutzt: Auf sie wird von April bis August 2012 ein Videoprogramm projiziert (Kuratorin: Frida Carazzato).Blick auf 2013Für 2013 hat das Museion bereits Pläne: Die Chinesin Carol Yinghua Lu wird als Kuratorin eingeladen. Thema der Ausstellungen im Museion wird die Herstellung von Kunst im Zeitalter der Globalisierung sein.Die Themenausstellung 2013 trägt den Titel „Little Movements: Self-practice in Contemporary Art” (Kleine Schritte – Selbstverwaltung in der zeitgenössischen Kunst“). Dabei wird Yinghua Lu, die in Beijing lebt und arbeitet, von Ko-Kurator Liu Ding unterstützt.Letizia Ragaglia über die ÖffentlichkeitIm Interview mit Südtirol Online sprach Letizia Ragaglia über das Thema der bevorstehenden Saison, die „Öffentlichkeit“, und über das neue Forum im Museion.Südtirol Online: Das Thema „Öffentlichkeit“ spielt in der kommenden Museion-Saison eine große Rolle.Ragaglia: Als Rein Wolf dieses Thema vorgeschlagen hat, war ich wirklich davon begeistert. Es ist eine Thematik, die die Kunstszene, aber auch das Publikum betrifft. Die Kunstszene muss sich damit auseinandersetzen, dass man die Kunst nicht mehr in einem „White Cube“ zeigen kann, der elitär ist. Sie muss und soll sie anders vermitteln. Zum anderen kommuniziert das breite Publikum auch auf eine neue Art. Ich glaube, wir können mit dem Thema “Öffentlichkeit” verschiedene Sparten der Gesellschaft beeinflussen. Das ist für uns wichtig: Wir möchten uns einerseits international profilieren, uns aber gleichzeitig den Menschen in Südtirol öffnen.STOL: Gleichzeitig wird auch das Erdgeschoss für eine breite, öffentliche Diskussion geöffnet. Steht dieses Forum in Zusammenhang mit Rein Wolf, oder war es eine Idee des Museion?Ragaglia: Das war eine Idee, die schon lange gereift ist. Wir haben noch zu wenig dazu beigetragen, das Museion als Treffpunkt zu etablieren. Es genügt nicht, das Erdgeschoss frei zugänglich zu machen, es muss dort auch etwas passieren. In diesem Sinne: Ein bisschen weniger Ausstellungen und mehr Events. Ich erhoffe mir davon, dass Leute ins Museion kommen, die normalerweise nicht kommen würden.STOL: Gibt es bereits konkrete Vorstellungen, was die Gestaltung des Forums betrifft?Ragaglia: Wir haben vor, die Glastür zum Café zu öffnen, sodass es manchmal möglich sein wird, die Tische der Bar im Erdgeschoss stehen zu sehen. Wir werden mit Runden Tischen zu Kunstthemen beginnen, es kann aber auch einmal eine Weinpräsentation geben und wir möchten Buchpräsentationen machen. Außerdem sind wir im Gespräch mit Theaterleuten und können uns mehr musikalische Veranstaltungen vorstellen. Das Museion ist ja nicht nur ein Haus für bildende Kunst, sondern für zeitgenössische Kultur.STOL: Besteht für das Museion die Notwendigkeit, dass mit dem Publikum mehr kommuniziert, mehr diskutiert wird?Ragaglia: Auf alle Fälle. Die Vermittlung ist einer unserer Grundpfeiler. Wir haben zwar bereits einen guten Besucherservice. Nichtsdestotrotz gibt es noch sehr viele Leute, die nicht wissen, was hier passiert. Das finde ich sehr schade.STOL: Es gibt immer wieder Ausstellungen, die kontroverse Diskussionen anregen und wo Vermittlungsarbeit wichtig ist – wie etwa bei „Frontera“ von Teresa Margolles. Ist das Forum auch für solche Diskussionen wichtig?Ragaglia: Ja und nein. Ich denke, Kunst kann auf verschiedenen Ebenen erlebt werden. Mir ist es wichtig, dass sich die Leute alleine mit der Kunst auseinandersetzen. Daneben bieten wir dafür auch Führungen und Kunstvermittlungen an. Die Art von Begegnung, die wir jetzt fördern möchten, ist aber eine andere: ein Gedankenaustausch mit anderen Leuten. Es muss nicht immer zeitgenössische Kunst sein, es können auch alltägliche Themen, über die gesprochen wird. Dafür gibt es nicht so viele Orte, warum nicht das Museion?Barbara RaichIm untenstehenden Videointerview spricht Rein Wolfs über die geplante Ausstellung.