Freitag, 12. August 2016

Schloss Tirol: Mauern geben ihr Geheimnis preis

Im 19. Jahrhundert stieg Schloss Tirol zur Symbolburg des Landes auf. Ihre politische und herrschaftsgeschichtliche Bedeutung hatte die Anlage auch zuvor. Wechselvoll gestalteten sich die Jahrhunderte der alten Residenzburg der Tiroler Grafen. Und da wären wir schon bei den brennenden Forscherfragen. Wie alt ist die Burg? Wer hat sie errichtet? Für die Frühzeit gibt es keine schriftlichen Quellen. Antworten geben die Bauforscher. Eine von Christian Terzer kuratierte Ausstellung auf Schloss Tirol macht die Burg selbst zum Objekt, zum begehbaren Objekt einer fernen Zeit. Der darauf geworfene neue Blick ist das Ergebnis jahrzehntelanger Forschung.

Die Schenkungsurkunde von Schloss Tirol von Seiten der Stadt Meran an Kaiser Franz I. samt Burgschlüssel - Foto: Frank Wing
Die Schenkungsurkunde von Schloss Tirol von Seiten der Stadt Meran an Kaiser Franz I. samt Burgschlüssel - Foto: Frank Wing

Unter Bauforschung hat man sich zuerst einmal Teamarbeit vorzustellen. In das Team fließen verschiedene Fachbereiche und Fachwissenschaften ein: Der Bauforscher, der akribisch die Zustände am Bau festhält, der Archäologe, der mit seinem Wissen die vergrabenen Zustände der Geschichte hebt, der Geologe, der die Bestimmung der Gesteinsmaterialen am Bau festhält, der Dendrochronologe, der über die Altersbestimmung des Holzes auch Rückschlüsse auf die Baualterbestimmung zulässt, Petrograf und Mineraloge zeigen die Zusammensetzung des Gesteinsmaterials auf, Historiker und Kunsthistoriker untersuchen geschichtliche Voraussetzungen und illustrieren den Formwandel über die Zeiten hinweg.

Holz wurde im Mittelalter nach der Fällung bearbeitet, so dass die Fällkante auch Rückschlüsse auf die Verbauung des Holzes ermöglicht. Schloss Tirol ist gewiss die am besten bauhistorisch erforschte Burg Mitteleuropas. In jahrzehntelanger Arbeit hatte man sich dem Objekt genähert. Jetzt öffnet eine Ausstellung, die erstmals die gesamte Anlage erschließt, unter dem Thema der Geschichte und Bauforschung.

Rettung in letzter Minute 

Als Tirol im Jahr 1816 erneut an das Kaiserreich Österreich fiel, übergab die Stadtgemeinde Meran Schloss Tirol am 20. Mai 1816 im Rahmen einer Huldigungsfeier Kaiser Franz I. Damit war das Schloss zur „Kaiserburg“ aufgestiegen. In der entsprechenden Urkunde mit dem symbolischen Burgschlüssel ist die Übergabe der Landesburg an den Kaiser als „Opfer ihrer unabänderlichen Treue und Liebe Euerer Majestät“ bezeichnet.

Wenn auch der Wert der Gabe gering sei, so wäre die Liebe und Anhänglichkeit an das Kaiserhaus umso größer, umso mehr, als Tirol „unter fremde Bothmaeßigkeit gerieth, die Nation ihren Namen verlohr“. Damit war an die Jahre Bayerischer Herrschaft angespielt. Nur wenige Tage zuvor, am 9. Mai 1816, hatte die Stadtgemeinde Meran die Burg käuflich in ihren Besitz gebracht, am 5. Mai wurde im Magistratsrat der Entschluss gefasst, Schloss Tirol dem Kaiser zum Geschenk zu machen. 

Es dauerte noch Jahrzehnte, bis das Kaiserhaus die bauliche Instandhaltung in Angriff nahm. Im Vorfeld der Schenkung hatte der Meraner Stadtbaumeister Jakob Ulrich Pirchstaller Grundrisse und Schnitte von Schloss Tirol festgehalten. Damit begann die exakte bauliche Erfassung der ehemaligen Residenzburg. Doch bekam Schloss Tirol nach seinem Übergang an das Kaiserhaus die Krallen kunstbeflissener Zugriffe zu spüren: 1817 brachte der Direktor der Ambraser Kunstsammlung, Alois Primisser, die letzten mittelalterlichen Zimelien nach Wien. Darunter befand sich ein silberner Trinkbecher (sog. „Brautbecher“ der Margarete von Tirol).

Doch von nun an wurde Schloss Tirol verstärkt als landespolitischer Symbolort erkannt und zum Austragungsort „patriotischer Aktionen“. Einen Höhepunkt bedeutete der Besuch von Kaiser Ferdinand I. 1838 im Rahmen seiner Krönungsreise nach Mailand. Auch Ferdinand ließ sich am 20. August 1838 in der Sänfte von Meran zum Schloss tragen, um dort im noch barockisierten Palas im südwestlichen Raum des zweiten Stockes die festliche Belehnung des Sandwirtsgutes vorzunehmen. Der Kaisersaal hält den Festakt lebendig. 

Die Burg gibt ihre Geheimnisse preis 

Die minuziöse Durchforschung der Burg kommt auch hinter ihre Geheimnisse. In den Gerüstlöchern fanden sich unterschiedlichste Materialen, mittelalterliche Fahnenstoffe, Frauenhemden, Schuhe. Im Auffüllmaterial der Böden entdeckten Archäologen nicht nur den Nager Rattus rattus, angeknabberte Pergamentstücke, auch mit Musiknoten drauf, Kinderschuhe usw., sondern in den großen Schnitzfiguren der Kreuzigungsgruppe waren auch Münzen versteckt. Im Küchenhof kamen intakte, mundgeblasene Flaschen zum Vorschein, die als „Bauopfer“ gute und böse Geister zu besänftigen hatten. Ursprünglich waren sie auch gefüllt, mit Branntwein oder Weihwasser. 

Die Nordfassade des Südpalas von Schloss Tirol - Zeichnung: Martin Mittermair/Grafik: Sonja Mitterer

In der informativen Schau sind auch zahlreiche Dokumente vom 11. bis ins 20. Jahrhundert zu sehen, Schriftstücke, die mit der Nutzung der Burg, der herrschaftlichen Zugehörigkeit, den Fragen des Inventars und spezieller Genehmigungen von Ablässen in Verbindung stehen. Rechnungsbücher geben Aufschluss zur Lieferung von Baumaterialien. Dazu kommen auch Kaiserurkunden, Chroniken und Traditionsbücher. Als Dokumente sind mittlerweile auch die Entwürfe für die Rekonstruktion der Burg im 19. Jahrhundert zu sehen. Schloss Tirol darf dabei ruhig als zentrales Burgendenkmal erkannt werden, an dem man besonders bemüht war, das mittelalterliche Aussehen wiederzugewinnen. Heute stünde man diesem Anliegen gewiss distanzierter gegenüber. Der Kunstwert am Bau wurde betont, der Nutzungsaspekt eher zweitrangig betrachtet. Und das Schloss verlor unter David von Schönherr und Konservator Hans von Wieser seine barockzeitlichen Zusätze und den Ruinencharakter. 

Abstieg zur vertieften Erkenntnis 

Der geänderte Parcours bringt es mit sich, dass die Besucher zunächst in den Wirtschaftstrakt geholt werden, wo sie Zeugen der Wiederentdeckung des Bauwerks werden. Über die Strategien der Bauforschung und Archäologie gelangt man in den Mushauskeller und den Ostpalas und lernt dort spezielle Mauertechniken kennen. Die Turris parva, der kleine Kapellenturm, ist in den Zwischenbodenfunden ein Geheimnisträger der besonderen Art. In der Kapelle stehen Wandmalereien und Ausstattung aus der Zeit um 1330 im Zentrum. In der Oberkapelle steht die Nachbildung des Altars von Schloss Tirol (heute in Innsbruck), des ältesten Flügelaltars Mitteleuropas. Die Bauplastik an den beiden romanischen Portale darf technologisch wie inhaltlich neu entdeckt werden. Der Raum der Krypta birgt den Nachweis verschiedener Baualtersstufen. Und im Untergeschoss des Palas gewinnt der Besucher Einblick in die Vorgeschichte. Hier sind auch die Stuckfragmente aus St. Peter zu sehen. 

Für den 2. Dezember ist die Präsentation der drei Forschungsbände zu Schloss Tirol vorgesehen. Namhafte Wissenschaftler und Forscher waren daran beteiligt, Spezialisten mittelalterlicher Sachkunde. Die Schwerpunkte berühren die Baugeschichte mit detailliertem Kartenmaterial, das Raumbuch und die Archäologie. Hier ist alles Wissen um die mittelalterliche Burg neu erschlossen und präsentiert. Ein Standardwerk der besonderen Art, eine Fundgrube für Freunde von Burgen und Schlössern.

Öffnungszeiten:

16. Juli bis 4. Dezember 2016 von 10 bis 17 Uhr, im August bis 18 Uhr

Montag Ruhetag

Das Museum bleibt bis zum 11. Dezember geöffnet 

Informationen unter:

Tel: 0473 220221

www.schlosstirol.it

[email protected]

stol