Der Kunsthistoriker Ulrich Söding (Universität München) stellt einen Gnadenstuhl vor, der heute im Diözesanmuseum in Brixen aufbewahrt wird und im Kontext einer besonderen Entwicklung gesehen werden kann. 5 Fakten zu dieser Darstellung des Gnadenstuhls. <BR /><BR /><BR /><b>Fakt 1: Der Gnadenstuhl aus dem Heilig-Geist-Spital in Matrei am Brenner zählt zu den charakteristischen Bildwerken der Tiroler Spätgotik. Mit der Urkunde vom 1. Mai 1910 wurde er dem Diözesanmuseum in Brixen überlassen. Sein Schöpfer kommt aus Brixen…</b><BR /><BR /><BR />Der Gnadenstuhl entstand um 1450 in einer Brixner Werkstatt. Er gehört zusammen mit einem Kruzifixus in Klausen, dem großen Kruzifixus auf Säben und zwei Grabliegern in Brixen und Neustift zu einer Werkgruppe, die im Umfeld des Malers (und Bildschnitzers?) Leonhard Scherhauff alias Leonhard von Brixen lokalisiert werden kann. <BR /><BR /><BR /><b>Fakt 2: Das bedeutet die Bezeichnung „Gnadenstuhl“ und so lässt er sich in der Kunstgeschichte einordnen…</b><BR /><BR /><BR />Der Name „Gnadenstuhl“ ist erst seit der Reformationszeit überliefert, doch beginnt die Darstellungstradition bereits im 12. Jahrhundert. Man versteht darunter ein Gemälde oder eine Skulptur der Heiligen Dreifaltigkeit (Trinität), bestehend aus dem meist frontal thronenden Gottvater, der das stark verkleinerte Kreuz mit dem Leib Christi zwischen den Knien aufgerichtet und den Querbalken umfasst hat, um den Gekreuzigten dem Gläubigen als „Sühnemittel“ vorzuweisen. Die den Heiligen Geist symbolisierende Taube fliegt dann oft senkrecht zu Christus herab oder sitzt oben auf dem Kreuz und verbindet so den Vater mit dem Sohn. Dem entspricht auch die Gruppe im Diözesanmuseum. Als „Gnadenstuhl“ wird außerdem ein um 1400 entstandener jüngerer Typus bezeichnet, der Gottvater mit Christus als Schmerzensmann zeigt; dieser wurde im 15. Jahrhundert zunehmend populärer, ohne dass der ältere Typus mit dem Gekreuzigten dadurch verdrängt worden wäre. <BR /><BR /><BR /><b>Fakt 3: Das sind weitere Beispiele für diese Art der Darstellung…</b><BR /><BR /><BR />Wenn man nur den ersten Darstellungstypus betrachtet, gibt es wichtige Beispiele in der Buchmalerei vom 12. bis zum 15. Jahrhundert sowie in der Tafelmalerei vom Soester Gnadenstuhl in Berlin (um 1260) bis zu Dürers Allerheiligenbild in Wien (1511). Plastische Darstellungen finden seit dem 14. Jahrhundert, oft bei Grabmälern und Epitaphien (Oswald von Säben, Kloster Neustift, um 1465) und in spätgotischen Flügelaltären. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1007537_image" /></div> <BR /><b>Fakt 4: Deshalb sind Darstellungen des Gnadenstuhls für mittelalterliche Spitäler, die im Namen des Heiligen Geistes gestiftet wurden, so wichtig…</b><BR /><BR /><BR />Der Gnadenstuhl ist im Mittelalter fast so etwas wie das „Aushängeschild“ eines Spitals. In Meran erscheint er im älteren Typus am Westportal der Spitalkirche, flankiert vom Bürgermeister Andre Hiltprant und seiner Frau (um 1430). In Latsch sieht man ihn hingegen als zentrale Schreinfigur im Flügelaltar des Jörg Lederer, nun im jüngeren Typus dargestellt (um 1517/20).<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1007540_image" /></div> <BR /><b>Fakt 5: Das zeichnet den Gnadenstuhl, der sich im Diözesanmuseum in Brixen befindet, aus…</b><BR /><BR /><BR />Der Gnadenstuhl ist schon funktional interessant, da der abnehmbare Kruzifixus separat verwendet werden konnte. Qualitativ gehört er zu den besten regionalen Bildwerken der Jahrhundertmitte. Die mit ihm verwandten Skulpturen bilden eine markante Werkgruppe im Eisacktal, welche den Übergang von der Internationalen Gotik zum spätgotischen Realismus bezeichnet. Daran schließen sich die zahlreichen, Meister Leonhard zugeschriebenen Bildwerke an. <BR /><BR /><BR />Den gesamten Aufsatz kann man in der Märzausgabe der Zeitschrift „Der Schlern“ nachlesen, bestellen: www.athesiabuch.it<BR />