Mittwoch, 31. August 2016

TRANSART experimentiert erneut

Vom 7. bis 25. September macht TRANSART Südtirol erneut zum Experimentierfeld und Spielraum für zeitgenössische Kultur in ihren unterschiedlichen Erscheinungs- und Ausdrucksformen. Es gibt aber einige rote Fäden, die die Veranstaltungsreihe thematisch durchlaufen und Querverbindungen zwischen den Formaten des Festivalprogramms knüpfen.

Foto: Gregor Khuen-Belasi
Foto: Gregor Khuen-Belasi

Die Wertschätzung der Natur als schützenswerte Ressource, als Quell der Spiritualität aber auch die Einladung zur vorurteilsfreien Begegnung mit unterschiedlichen Kulturen. Allen Festivalbeiträgen und Protagonisten gemein ist die unermüdliche Suche nach neuen Ausdrucksformen im Bereich der Kunst, Musik oder Performance.

Die Schauplätze des Festivals reichen von malerischen Almlandschaften, Wäldern und einem Schlösschen am See bis zu Orten des alltäglichen Lebens. Unter den Künstlern dieser Ausgabe sind John Luther Adams, Roman Signer, Chris Watson, Mashrou’ Leila und Omar Souleyman, Tomoko Mukaiyama und das Spellbound Contemporary Ballet, Rose Breuss, Jagoda Szmytka, Ensemble PHACE, Claudio Rocchetti, Alberto Boccardi, Sadi, Gea Brown, Tomoko Sauvage und andere, die es gemeinsam zu entdecken gilt.

Eröffnung am 7. September 

Die Auseinandersetzung mit der Natur in den Werken zeitgenössischer Musiker und Komponisten ist eines der zentralen Leitthemen bei Transart 16 und prägt bereits die Eröffnung am 7.9. mit der Aufführung von Become Ocean des US-Amerikanischen Komponisten John Luther Adams durch das Haydn Orchester. Die beeindruckende Komposition gewann unter anderem den Pulitzer Price for Music 2014 und den Grammy 2015 für die beste Klassikkomposition und ist von der Landschaft und wilden Natur Alaskas inspiriert, ebenso wie das zweite zur Aufführung kommende Werk von Adams, Coyote Builds North America.

Am darauf folgenden Sonntag wird mit Inuksuit eine weitere Komposition von Luther Adams auf der Raschötz Alm in Gröden aufgeführt, an der eine große Zahl von Perkussionisten und die conTakt Percussion Group beteiligt sein werden. Zum Schwerpunkt Natur und Musik findet das Festival auch in seiner Abschlussveranstaltung auf der Seiser Alm zurück, wo Soundpionier Chris Watson eine Klangwelt der Vergangenheit auferstehen lassen wird, als die Dolomiten noch der Meeresboden eines riesenhaften Ozeans waren.

Doch auch die menschliche Stimme ist “Natur”, so bestimmt auch der Gesang verschiedener Kulturkreise weitere Termine im Festivalprogramm. Das koreanische Gesangsquartett Gagok interpretiert eine alte koreanische Musiktradition neu und ist mit einer Performance in verschiedenen Räumen im Kloster Säben zu hören. Kraftvoller Gesang kennzeichnet auch die Musik von Mashrou’ Leila, der ersten libanesischen Band, die es auf das Cover des Rolling Stone schaffte und die von Kairo bis Dubai, von London bis New York vor ausverkauften Sälen spielt und bei TRANSART in der Bahnhofsremise auftreten. Am gleichen Abend ist hier auch Omar Souleyman, der gefragteste Hochzeitsmusiker Syriens zu hören. Mit seinem eigenwilligen Stil hat er bereits internationale Stars wie Björk zur Zusammenarbeit inspiriert.

Geschichte in Bozen lebender Migranten hörbar gemacht

Theater und Performance haben einen festen Platz im Programm von Transart. Vor den Konzerten in der Bahnhofsremise wird der kleine „Nahost-Schwerpunkt“ in der Studiobühne des Stadttheaters auf dem Verdiplatz mit zwei Stücken des irakischen, in Belgien im Exil lebenden Regisseurs Mokhallad Rasem abgerundet, die international weithin Beachtung fanden: Body Revolution und Waiting. Aus der Zusammenarbeit mit den VBB entstand auch das Sonderprojekt Faces and Stories, dass vor Beginn einiger Aufführungen die Geschichten in Bozen lebender Migranten hörbar macht.

Um das Paradoxon der Mode, wie sie unser Handeln und Denken bestimmt und fast schon parareligiöse Dimensionen annimmt, dreht sich die Tanzperformance der holländisch-japanischen Choreographin und Pianistin Tomoko Mukaiyama. Gemeinsam mit 10 TänzerInnen entlarvt sie in schonungsloser Weise modische Fassaden und legt neue Identitäten frei. Mit La Mode wird im Oktober 2016 das Taichung National Theater in Taiwan eröffnet. Bei Transart ist die Pre-Premiere zu sehen.

Zu Una Cena Oltranzista wird als Vorlage ebenfalls auf ein Phänomen der Massenkultur verwiesen, das in einem besonderen Rahmen künstlerisch transformiert wird: das allgegenwärtige Reality TV. So kehrt ein Hauch von Big Brother ins Schloss am Montiggler See ein; fünf Frauen und fünf Männer treffen sich zu einem gemeinsamen Essen - geführt vom Zeremonienmeister Luciano Chessa beginnt die Gruppe eine Reise in die Tiefen der Gegenwart und in die Weiten der Zukunft. Das Experiment, das per Live Stream verfolgt werden kann, wird durch ein zweitägiges Fasten gesteigert, um dann in einer Cena Oltranzista zu münden, ein theatralisch aufbereitetes Essens vor realem Publikum.

12-stündiges Sleep Concert

Doch nicht nur ein Essen wird so zur künstlerischen Aktion - bei der Zusammenarbeit mit dem kreativen Kollektiv Lottozero begleitet die Musik das Publikum sogar in den Schlaf. Umhüllt von einer Klangwolke, die sich, entsprechend den verschiedenen Schlafphasen immer wieder verändert, werden die Besucher im Rahmen des 12 Stunden dauernden Sleep Concerts dazu eingeladen, die ganze Nacht in der Kunsthalle Eurocenter Lana zu verbringen. Eine andere Art der intimen Begegnung mit zeitgenössischer Musik bietet die Neuauflage des Erfolgsformates Rent a musician! mit Hauskonzerten mit dem Ensemble Phace in unterschiedlichen kleinen Besetzungen.

Roman Signers Konzert mit Störung durch einen Helikopter auf dem Stausee in Vernagt im Herbst 2014 hat eines der ganz großen Bilder in der Festivalgeschichte geschaffen und ist allen Anwesenden in unvergesslicher Erinnerung. Der radikale Schweizer Performancekünstler kehrt in diesem Jahr mit einer ebenso explosiven wie kurzen Performance zurück zu Transart und lässt eine Dachlawine vom Firber Stall in Reischach abgehen.

Das Festivalprogramm ist auch 2016 reich an Konzert- und Performancebeiträgen experimentierfreudiger Zeitgenossen, die an unterschiedliche bekannte und neu zu entdeckende Schau- und Hörplätze einladen. Dabei dürfen auch das obligatorische Clubbing, erneut kuratiert von Interzona nicht fehlen, das in diesem Jahr in der Fabrik von Stahlbau Pichler stattfinden wird, das Line-up besteht aus Hot Shotz (Powell und Lorenzo Senni), Samuel Kerridge und Not Waving. Aber es ist nicht das Clubbing, mit dem sich Transart an ein “junges Publikum” wendet, denn mit einer neuen Version von der im Vorjahr sehr erfolgreich gespielten Großen Verweigerung der Gruppe Ligna für Oberschüler und (K)eine Alpensage, einer interaktiven Konzertsaga für Kinder ab 6 Jahren, spricht TRANSART die Einladung zur Begegnung mit zeitgenössischer Kultur auch an Kinder und Jugendliche aus.

Und jeweils am Montag lädt der Filmclub Bozen gemeinsam mit TRANSART zum MOVIE MONDAY ein. Zu sehen: Heart of a Dog, in dem die Musikerin, Künstlerin und Regisseurin Laurie Anderson anhand persönlicher Erfahrungen über Leben und Tod, Liebe und Verlust, Terror und Freiheitsbeschneidung reflektiert und die Oscar prämierte Dokumentation Citizenfour, in dem die Filmemacherin Laura Poitras die Begegnung mit dem Whistlerblower Edward Snowden in Hong Kong verarbeitet.

stol

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