Viele kennen es, dieses Gefühl, dass die eigene Arbeit nicht richtig gewürdigt wird und man eigentlich zu Höherem berufen ist. Bei Vincent van Gogh war dieses Gefühl sehr stark ausgeprägt. Trotz einer beispiellosen Serie von Lebensniederlagen war er doch davon überzeugt, dass etwas Besonderes in ihm steckte. Und natürlich, der Mann hatte recht. Die Zeitgenossen teilten seine Selbsteinschätzung jedoch nicht, und wer eine jetzt erschienene Biografie des Malers liest, wird ihnen keinen Vorwurf mehr machen.Der verkannte Künstler schlechthinVan Gogh (1853-1890) gilt als der verkannte Künstler schlechthin, weil er zeitlebens nur einige wenige Bilder verkaufte. Seinem Nachruhm ist dieser Umstand zugutegekommen, bestätigte er doch die gerade in Deutschland lange Zeit sehr verbreitete Vorstellung, ein Genie müsse seiner Zeit voraus sein und könne deshalb zwangsläufig erst posthume Anerkennung erfahren. Mit van Gogh verhält es sich allerdings so, dass er nur 37 Jahre alt geworden ist und fast alle heute berühmten Bilder in den letzten drei Jahren seines Lebens gemalt hat. Hätte er 20 Jahre länger gelebt, wäre er als reicher und berühmter Mann gestorben.Neue Biografie „Van Gogh: Sein Leben“Das alles ist bekannt. Die neue Biografie „Van Gogh: Sein Leben“ der beiden amerikanischen Pulitzer-Preisträger Steven Naifeh und Gregory White Smith liefert nun zusätzlich eine Art Ehrenrettung all jener, die mit van Gogh zu tun hatten und in früheren Lebensbeschreibungen nicht gerade gut weggekommen sind. Sie waren schließlich – so die vorherrschende Auffassung – entweder nicht fähig oder nicht willens, die Größe des Genies zu erkennen.Wenn es in dieser Geschichte einen Heiligen gibt, dann ist das nicht Vincent, der „Märtyrer der Kunst“, sondern eher sein Vater, ein Pfarrer, der von seinem Sohn immer wieder aufs Neue enttäuscht und blamiert wird und ihm dennoch ein ums andere Mal einen Neuanfang ermöglicht. Und vor allem der jüngere Bruder Theo, der ihm seine gesamte Malerexistenz finanziert, aber doch nur selbstmitleidiges Klagen zu hören bekommt.Je länger sich Vincent als unausstehlicher Nobody durchs Leben quält, desto mehr gewinnt der Leser der Eindruck, dass sich große Kunst eben doch nur sehr bedingt aus der Biografie des Künstlers begreifen lässt. Zum Schluss hin liefern die Autoren dann allerdings doch noch eine Erklärung dafür, warum ausgerechnet die verkrachte Existenz van Gogh in der Sonnenlandschaft des Südens plötzlich diese lodernden Zypressen und umfluteten Sterne zu malen begann. Sie glauben, dass die elektrisierende Spannung in diesen Bildern Ausdruck seiner Hirnkrankheit ist, möglicherweise einer latenten Epilepsie. So argumentieren sie, dass sein vielleicht großartigstes Werk, die „Sternennacht“ (1889), kurz vor einem neuen Anfall in einem Zustand höchster Erregbarkeit und intensivierter Wahrnehmung entstanden sein könnte. Ganz neu ist das nicht.Möglicherweise hatten die Autoren den Eindruck, nach zehnjähriger Recherche mit aufsehenerregenderen Ergebnissen aufwarten zu müssen und haben deshalb am Ende noch schnell eine sensationelle Wendung angehängt. Demnach starb van Gogh trotz gegenteiliger Beteuerungen auf dem Sterbebett nicht von eigener Hand, sondern wurde von Jugendlichen durch Schüsse tödlich verletzt. Die Beweisführung für die These ist dürftig und wurde von der Fachwelt bereits verworfen. Für echte van-Gogh-Fans ist das Buch gleichwohl ein Muss. Die anderen werden auf halber Strecke schlapp machen. Denn wenn es auch sehr gut geschrieben ist: Weit über 1000 Seiten sind des sehr Guten zu viel.dpaSteven Naifeh, Gregory White Smith: Van Gogh: Sein Leben, S. Fischer Verlag, 1216 Seiten, ISBN-13: 978-3100515100