Dieses „Nacherzählen“ entwickelt sich über mehrere Positionen zeitgenössischer Künstler und Künstlerinnen, die sich in einem interdisziplinären Projekt auf den 3 Etagen den Mythen, Geschichten und Figuren des Nibelungenliedes nähern. Zudem erklärt Christoph Gufler, warum das Lied mit Südtirol verbunden ist. <b>Von Ferruccio Delle Cave</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1002887_image" /></div> <BR /><BR />Das Nibelungenlied gilt ja als das wichtigste aller deutschsprachigen Epen des frühen Mittelalters und speist sich aus einer Unmenge von mündlich überlieferten Sagen, in denen die Heldentaten Siegfrieds und die Rache Kriemhilds die erzählerischen Hauptstränge bilden. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1002890_image" /></div> <BR /><BR />Und so finden wir in „Imagine Worlds“ diese Überlieferung in Form zeitgenössischer kunstkritischer Reflexion und Kontextualisierung wieder, etwa in der vom Thema der Erinnerungskultur geprägten Sandstrahlung auf Messing mit dem Titel „Ongoing Conversations with the Sky 20“, „Nigth before and Day after the Red Moon Sky“ aus dem Jahr 2022, oder <b>Julia Bünnagels</b> Lichtinstallation „where words end“ von 2021, weiter die Serie „Probaly a Robbery“ 2021 von <b>Zuzanna Czebatul,</b> die auf die Siegfried Sage eingeht, wie auch <b>Philipp Fürhofer</b> der in „Siegfried III/1“ eine Schnittstelle von Malerei, Installation und Bühne eine heutige Dekonstruktion des Mythos Siegfried vornimmt. <b>Nadine Fecht</b> arbeitet mit Schriftbildern in ihrer „social fabric“ aus dem Jahr 2023. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1002893_image" /></div> <BR />Wie Harald F. Theiss mit 19 Künstlern und Künstlerinnen das Nibelungenlied für sich wiederentdeckt und daraus eine spannende Schau zusammengestellt hat, erklärt er im Gespräch. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1002896_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sie haben sich intensiv mit dem Nibelungenlied beschäftigt, mit all seinen Mythen und Geschichten. Wie haben Sie sich dem Thema angenähert?</b><BR />Harald F. Theiss: Ich kannte das Nibelungenlied, wie die meisten, eben aus der Schule. In meinem Umfeld hatten alle daraufhin befragten Kollegen ihre eigenen Vorstellungen darüber, die Rache, die Ehre etc. soziale Stellungen, dies ist im kollektiven Gedächtnis vorhanden. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1002899_image" /></div> <BR /><BR /><b>Die Ausstellung geht weit über das hinaus, was die Handschrift, die im Original Ende März aus Berlin in Meran eintreffen wird, zeigt. Es handelt sich in „Image Worlds“ um eine zeitgenössische Rezeption des Epos aber nicht nur. Nach welchen Kriterien haben Sie die Künstler und Künstlerinnen ausgewählt?</b><BR />Theiss: Ich habe versucht, über zeitgenössische Mittel Hinweise zu finden, in denen es um die historischen Themen geht. Es ging mir aber auch darum, ein Bewusstsein für Handschiften heute zu schaffen, ferner auch um Erinnerungskultur und kulturelles Erbe. Es sind ja alles Themen, die heute wieder stark besprochen werden. Deswegen kann die Ausstellung im Kontext des Nibelungenliedes gelesen werden, aber auch unabhängig davon betrachtet werden. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1002902_image" /></div> <BR /><BR /><b>Es geistern in der Ausstellung dauernd die Hauptfiguren aus dem Nibelungenlied herum. War dies beabsichtigt?</b><BR />Theiss: Unbedingt, das Epos ist ja von einigen wenigen Protagonisten bzw. Protagonistinnen stark geprägt: Siegfried, Kriemhild und Brünhild. Im zeitgenössischen Narrativ werden vor allem diese Protagonistinnen kontextualisiert. Sie waren damals recht emanzipierte Frauen, die aber durch ihre Heiraten dann in die typisch weiblichen Rollen zurückgedrängt wurde. Diese Frauenfiguren werden heute stark wiederentdeckt. Das war mir schon ein Anliegen. Aber wir finden auch den Antihelden Hagen. Ich habe einfach versucht, neue Perspektiven zu finden. <BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1002905_image" /></div> <h3> Die Ausstellung</h3><BR />„Imagine Worlds – damals, später, heute“ geht bis 19.5. bei Kunst Meran, Laubengasse .<BR /><BR /><b>Ausstellende Künstler:</b> Astha Butail, Julia Bünnagel, Andrea Canepa, Zuzanna Czebatul, Mar- gret Eicher, Nadine Fecht, Philipp Fürhofer, Jeppe Hein, John Isaacs, Kubra Khademi, Alexander Kluge &amp; Jonathan Meese, Oliver Laric, Kris Lemsalu, Philip Loersch, Tim Noble &amp; Sue Webster, Mirja Reuter und Florian Gass (Beteiligungsprojekt), Nasan Tur<BR /><h3> Akademie Meran</h3><BR />„Nibelungen: die Rückkehr“ mit dem Untertitel „Europäische Überlieferung und Strahlkraft des Nibelungenliedes“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Akademie Meran und Kunst Meran und dauert bis zum 14.6 mit Tagungen, Vorträgen, Nibelungenabenden und einer Buchvorstellung.<BR /><BR /><b>Nächster Termin:</b> 7.3. 18 Uhr, Akademie Meran, F. Innerhoferstr. 1 – Historiker Walter Landi spricht über: „Das Land an der Etsch und im Gebirge zur Zeit der Entstehung des Nibelungenliedes. Politische, kulturelle und religiöse Aspekte des alten Tiroler Raumes um 1200“<BR /><h3> Festival Sonora „Strange“</h3><BR />Die Ausstellung bespielt an sich einen ausgeprägten interdisziplinären Kontext, der sich nicht zuletzt auch in der Zusammenarbeit mit dem Festival Sonora 2024 unter dem titel „Strange“ und der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Nibelungenliedes in Vorträgen der Akademie Meran fortsetzt, die bis zum 14. Juni mehrere Positionen diskutieren wird. Der künstlerische Leiter von Sonora, Marcello Fera nimmt so zu seinem musikalischen Kontext Stellung.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1002908_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wo finden Sie in Ihrem musikalischen Programm Schnittstellen mit der Nibelungenausstellung im Kunsthaus Meran?</b><BR />Marcello Fera: Einige der wichtigen Manuskripte deutscher Heldendichtung wurden ja im süddeutschen Raum wiederentdeckt, nicht weit von uns entfernt. Interessiert hat mich nun diese Begegnung zwischen den nordischen Mythen des Nibelungenleides und dem Belcanto Italiens, so die Begegnung zwischen Wagner und Rossini, zwei scheinbar inkompatible Kunstwelten, wo sich aber dann durchaus auch Gemeinsamkeiten entdecken lassen, so auch bei Mozart, der in seinen Opern rein italienische Modelle mit dem deutschen Singspiel zu verbinden wusste. <BR /><BR /><BR /><b>Was sind die wichtigsten Etappen von Sonora 2024?</b><BR />Fera: Da gab es das Eröffnungskonzert mit Musik von Rossini, Mozart und Wagner „Siegfried Idyll“. Am 20. März findet eine Uraufführung mit Gedichten von Roberta Dapunt aus meiner Feder statt und der italienischen Premiere einer Komposition des estnischen Musikers Velijo Tormis.<BR /><h3> Termine</h3><b>6.3.*:</b> Mary Shelly und Fanny Mendelssohn, 2 Frauen der Romantik. Silvia Neonato, Journalistin und historische Vertreterin der Frauenbewegung, spricht über Shelly, Erfinderin von Frankenstein, während Mendelssohns Musik, interpretiert vom Trio Hérmes, der Accademia Chigiana von Siena zu hören ist.<BR /><BR /><b>20.3.*:</b> Zwei italienische Erstaufführungen: Die melancholischen Lieder des estnischen Komponisten Velio Tormis, gesungen von Iris Oja – kürzlich für den ECM aufgenommen – und „Della carne e della lingua“, 5 Lieder von Marcello Fera nach Gedichten von Roberta Dapunt, 2022 in Frankreich aufgeführt. Zudem zu hören: Respighis „Alte Tänze für die Laute!“ und eine Orchesterversion eines traditionellen Stücks aus dem Ol- teprò-Apennin, mit dem Piffero, einer besonderen Art der Oboe.<BR /><BR /><b>4.4.*:</b> Ein Antonio Ballista entwor- fenes Programm. Es sind 50 Kom- ponisten zu hören, von denen je- der mit einem etwa einminütigen Stück vertreten ist – Komposi- tionen, die den Abdruck einer ganzen ästhetischen Welt tragen.<BR /><BR /><b>14.4.:</b> Palais Mamming, 18 Uhr: Das Trio Conductus „Piccoli Arcani“ präsentiert die neue CD (da Vinci Verlag ) von Marcello Fera konzertant.<BR /><BR />*Puccini Theater Meran, 20.30 Uhr <BR /><h3> Das Nibelungenlied und Südtirol</h3><BR />Am Eingang ins Martelltal befindet sich die Burg Obermontani. Die zu Beginn des 13. Jahrhunderts errichtete Burg gelangte im 17. Jahrhundert an die Grafen Mohr, bei denen sie bis 1833 verblieb. 1843 entdeckte Beda Weber hier eine Abschrift des Nibelungenliedes aus dem Jahre 1323, welche zusammen mit einer ebenfalls aus Obermontani stammenden Handschrift des Titurel über Umwegen nach Berlin gelangte, wo sie heute in der Staatsbibliothek aufbewahrt wird. <BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1002911_image" /></div> <BR /><BR />Beide Handschriften tragen Besitzervermerke des 1480 verstorbenen Anton(i) von Annenberg, der auf seiner Burg Annenberg ober Goldrain eine bereits von den Zeitgenossen gerühmte Bibliothek errichtete. Diese gelangte später auf die ebenfalls den Grafen Mohr gehörigen Burg Dornsberg bei Naturns und von dort nach Obermonani. Dass eine Handschrift des Nibelungenliedes auf Vinschgauer Burgen verwahrt wurde, mag nur auf den ersten Blick verwundern. Zur Zeit der Entstehung des Nibelungenliedes um 1200 hatte das „Land an der Etsch und im Gebirge“ einen hohen internationalen Bekanntheitsgrad. Ein Großteil der Krönungszüge der deutschen Könige nach Rom verlief über den Brenner- und Reschenpass. Diese niedrigsten Alpenübergänge wurden auch bei den Kreuzzügen stark frequentiert, ebenso nützen sie die Händler von Venedig bis Augsburg für den Warenaustausch. <BR /><h3> Literarisches Zentrum</h3><BR />Auch der Südtiroler Wein genoss schon damals eines ausgezeichneten Rufes. Kein geringerer als <b>Wolfram von Eschenbach</b> widmet ihm ein Loblied, wenn er im Versepos „Willehalm“ den Gesang einer Nachtigall beschreibt und sagt, sie habe so schön gesungen <i>„als ob sie all den Wein trunk, der da mac(g) ze Bozen sin (sein)“.</i> Wie dieses Zitat belegt, war das spätere Südtirol in höchsten Dichterkreisen bekannt. Dieses Gebiet scheint zur Zeit der Entstehung des Nibelungenliedes sogar ein Zentrum der zeitgenössischen Literatur gewesen zu sein. <BR /><BR /><BR />Der Neustifter Propst und Brixner Bischof (1200 – 1216) Konrad von Rodank ließ um 1200 wenige Jahre nach dem Erscheinen des Werkes die väterliche Burg Rodenegg mit Fresken zum Iwein-Epos des <b>Hartmann von Aue</b> ausschmücken. Die neuere Forschung lokalisiert das Augustinerchorherrenstift Neustift als wahrscheinlichsten Entstehungsort der um 1230 aufgezeichneten Carmina Burana. Einiges spricht dafür, dass der bedeutendste Lyriker des hohen Mittelalters, <b>Walther von der Vogelweide</b> (1170-1230), aus der Brixner Gegend stammte. Walther stand dem Bischof von Passau und späteren Patriarchen von Aquilea Wolfger von Erla nahe, der allgemein als Auftraggeber des Nibelungenliedes angesehen wird. Am 12.11.1203 schenkt der Kirchenfürst „Walthero de Vogelweide“ bzw. „Walthero cantori de Vogelweide“ in der Nähe von Wien die Summe von 5 „solidi longos“ für den Kauf eines Pelzmantels. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1002914_image" /></div> <h3>Wolfger von Erla und Tirol</h3><BR />Wolfger hatte enge Beziehungen zu unserem Gebiet. Zwischen 1206 und 1214 scheint er in 12 Tiroler Urkunden auf, in Zusammenhang mit den Grafen von Görz und Tirol wird er 41 mal aktenkundig. Ein besonders Naheverhältnis unterhielt der Auftraggeber des Nibelungenliedes mit dem oben erwähnten Brixner Bischof Konrad von Rodank, der an seiner Seite in Cremona und Augsburg Urkunden unterfertigte. <BR /><BR /><BR />Als Wolfger 1204 auf der Heimreise von seinem Papstbesuch in Rom durch die Veronser Klause über Ala, Nogaredo, Trient und St. Florian an der Etsch nach Bozen kommt, eilt ihm am 16. Juni 1204 der Brixner Bischof Konrad bis dorthin entgegen und begleitet Wolfger über den Ritten (Lengstein) in seine Residenz nach Brixen, wo der künftige Patriarch von Aquilea am 18. Juni „nocte et sexta feria“, also einen eintägigen Aufenthalt einlegt, den einzigen in diesem Reiseabschnitt. Danach reist er über „Gozzensaz“ (Gossensaß) und den Brenner nach Innsbruck. Dieses zweitägige Beisammensein des Brixner Bischofs Konrad von Rodank mit Wolfger von Erla mit der Entgegenreise nach Bozen, dem gemeinsamen Weg über den Ritten und dem Aufenthalt in Brixen kann wohl nur durch eine enge persönliche Beziehung zwischen den beiden literaturaffinen Kirchenfürsten erklärt werden. <BR /><BR />Von Christoph Gufler<BR /><BR /><BR /><b>Buchvorstellung:</b> Das zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstandene Versepos um Siegfried, Krimhild und Hagen zählt zu den großen Werken der Weltliteratur. Die Abschrift des Nibelungenliedes wird heute in der Staatsbibliothek Berlin aufbewahrt. Die Handschrift ist ab Ende März im Kunsthaus Meran zu sehen. <BR /><BR />Die Akademie Meran organisiert u.a. eine Buchvorstellung: 14.3., 20 Uhr, Stadtbibliothek Meran, „Das 'Nibelungische' und der Nationalsozia- lismus. Populäre und wissenschaftliche Diskurse im dritten Reich<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />