Montag, 26. Oktober 2015

Wenn Kunst in den Müll wandert: „Das ist kein Werbegag“

Eine Reinigungskraft hat am Samstag eine Installation im Museion für Dreck gehalten und entsorgt. Wie die Direktorin Letizia Ragaglia auf den Vorfall reagiert – und warum sie darin eigentlich nur eine Bestärkung sieht, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

Letizia Ragaglia sagt, sie sehe das Glas halbvoll. Das Direktorin des Museion hat sie schon schlimmere Dinge erlebt. Foto: Silva Corvetta
Letizia Ragaglia sagt, sie sehe das Glas halbvoll. Das Direktorin des Museion hat sie schon schlimmere Dinge erlebt. Foto: Silva Corvetta

Südtirol Online: Frau Ragaglia, erklären Sie noch einmal: Was genau ist vorgefallen?

Letizia Ragaglia, Direktorin des Museion: Am Freitagabend fand im Foyer im Hauptgebäude eine Buchpräsentation statt. Die Dame, die bei uns die Putzarbeiten macht, ist neu. Sie war wahrscheinlich noch nicht richtig gebrieft, das war unser Fehler. Im Foyer war nach der Buchvorstellung nicht viel zu putzen, so ist die Dame aus Eigeninitiative ins Atelierhaus gegangen und hat die Flaschen und die anderen Sachen in die Säcke gefüllt. Das Kunstwerk steht auf keinem Sockel. Es ist ein installatives Kunstwerk, das das gesamte Erdgeschoss unseres Atelierhauses einnimmt.

Was soll ich sagen? Zum einen, ist es schrecklich. Zum anderen, muss ich schmunzeln. Seit Jahren versuche ich im Museion den erweiterten Begriff der zeitgenössischen Kultur zu erläutern. Auch jetzt haben wir eine Sammlungsausstellung, in der von Isa Genzken ein Rollstuhl ausgestellt wird. Der Alltag wird zur Kunst. Bei Installationen und Akkumulationen werden Leute skeptisch. Diese „Sprachen“ sind den Leuten noch nicht so geläufig, dafür habe ich nun noch einmal die Bestätigung. Und genau deswegen sollten wir dabei bleiben.

STOL: Hat der Vorfall Konsequenzen für die Reinigungskraft?

Ragaglia: Nein, sicher nicht. Vor dem Atelierhaus steht zwar ein Schild mit der Erklärung des Werks. Aber natürlich hat sich die Dame das nicht durchgelesen. Die Dame hat sich den Vorfall sehr zu Herzen genommen und ist zu tiefst bestürzt. Gott sei Dank, hat die Dame die Dinge nur in Säcke gepackt, nur sehr wenige wurden weggeworfen. Der Schaden ist nicht so groß. Mein Team ist jetzt schon dabei, alles wieder aufzubauen – in Ansprache mit den Künstlern. Der Vorfall reiht sich in eine Serie von Malheurs in der Kunstgeschichte ein.

STOL: Wie haben die Künstlerinnen reagiert?

Ragaglia: Eine war gelassen, die andere ein bisschen pikiert. Zu Beginn meinten sie, alles sei zerstört. Nun versuchen wir, die Sache zum Besten zu wenden.

STOL: Für Sie als Direktorin des Museion ist so ein Vorfall mitunter das Schlimmste, das passieren kann, oder?

Ragaglia: Bei Manifesta hatten wir damals eine große Installation von Monica Bonvicini. Am Nachmittag ist das Werk komplett eingestürzt. Nichts war mehr zu retten. Das war noch schlimmer. Heute sehe ich das Glas halbvoll. Das Werk 'Dove andiamo a ballare questa sera?' ist eine temporäre Installation, die unter normalen Umständen wahrscheinlich nie so viele Besucher anlocken würde.

STOL: Welchen Wert hat das Werk?

Ragaglia: Kann ich nicht genau sagen. Sicher nicht die 300 Euro, die wir ausgegeben haben, um das Werk hierher zu bringen. Bei einem großen Kunstwerk schaut man auch nicht, wie viel die Farbtuben und die Pinsel gekosten haben. Der Wert ist dann immer ein anderer. Wenn sich ein Sammler die Installation kaufen würde, könnte ich nicht den Preis nennen. Vielleicht zwischen 5000 und 10.000 Euro.

STOL: Sie meinten vorhin, nun werden wahrscheinlich weit mehr Besucher ins Museion kommen. Was entgegnen Sie jenen, die meinen, der Putzvorfall war ein Werbegag?

Ragaglia: Das verwundert mich schon etwas. Viele waren ja wirklich überzeugt, dass es ein Werbegag war. Mir wäre so eine Werbestrategie allerdings noch nie in den Sinn gekommen. Vor allem würde ich nicht auf Kosten einer Person, die jetzt total bestürzt ist, Werbung machen.

STOL: Kein Werbegang also.

Ragaglia: Nein.

STOL: Ist das Museion gegen solche Vorfälle versichert?

Ragaglia: Die Reinigungsfirma war versichert. Wenn nun die Künstlerinnen nochmals anreisen, wird das auch von der Reinigungsfirma bezahlt.

Interview: Petra Gasslitter

stol