Es ist ganz gewiss kein Allerweltsjob, den Thomas Morandell seit nunmehr 40 Jahren auf seine ganz eigene Art und Weise interpretiert: Kunsthändler. Zunächst ist da dieses Ambiente in der Bozner Streitergasse, wo man nach Lust und Laune in die schönen Künste eintauchen kann. Genauer: in die Kunstwelt der klassischen Tiroler Meister des 19. und 20. Jahrhunderts. So wandert das Auge des Betrachters von einem Hans Ebensperger hin zu einem Peter Fellin, streift eine düstere Kohlezeichnung Hans Piffraders, haftet an den klaren Konturen eines Farbholzschnittes von Carl Moser und gedenkt bei einem farbenfrohen Aquarell an seinen Schöpfer, den jüngst verstorbenen Robert Scherer. <BR /><BR /><b>Das Who is Who Südtirols</b><BR /><BR />„Südtirol hat eine Vielzahl hochinteressanter Künstler hervorgebracht, insbesondere das Vinschgau darf man hierbei als echten Fundus bezeichnen“, sagt Thomas Morandell und zählt weitere Namen auf wie den Glurnser Zeichner Paul Flora, die Bildhauer Friedrich Gurschler, Martin Rainer und Karl Grasser sowie den Malerpoeten und Erfinder der „Korrnrliadr“ Luis Stefan Stecher aus Laas. Und natürlich nicht zu vergessen: Karl Plattner – einer der bekanntesten Südtiroler Künstler überhaupt.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1297377_image" /></div> <BR />Somit zieren allerlei Gemälde die Wände und Fußböden des Morandell’schen Reichs, im hinteren Bereich führt eine Treppe zum Obergeschoss, wo kunstaffine Seelen angesichts der erstaunlichen Fülle unweigerlich aufblühen. „Ich habe es hier so eingerichtet, dass die Interessierten ganz unkompliziert zumindest einen ansprechenden Teil der Tiroler Meister betrachten können, wobei ich als Fachmann natürlich mit Rat und Tat zur Seite stehe“, sagt er und erklärt nebenbei, wie er zu den vielen Gemälden von Karl Plattner oder zu den überlebensgroßen Keramikplastiken von Maria Delago gekommen ist. Auch der 1919 in Mals geborene Karl Plattner stammt aus dem Oberen Vinschgau, allerdings verschlug es ihn Zeit seines Lebens in alle möglichen Ecken, etwa Paris, Mailand, Brasilien und die Provence. Aber es zog ihn immer wieder nach Südtirol zurück. Ein Umstand, der seinem künstlerischen Schaffen besonders zuträglich war. „Plattner zählt zweifellos zu den herausragenden Südtiroler Künstlern der Nachkriegszeit, je nach Technik, Größe, Schaffenszeit und Qualität erzielen seine Werke Preise zwischen 5.000 bis 50.000 Euro“, nimmt der Bozner Galerist eine Einordnung vor. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1297380_image" /></div> <BR /><BR />Welch verschlungene Wege der Kunsthandel mitunter nimmt, lässt sich gut an den schweren Kreuzwegfiguren von Maria Delago nachzeichnen. Thomas Morandell erzählt: „Diese Skulpturen waren in der Bruderschaftskirche von Schiedam nahe Rotterdam eingemauert. Die Kirche wurde abgerissen und musste einem Immobilienprojekt weichen, davon bekam ich Wind. Alles in allem wiegen diese Propheten und Hochreliefs vier Tonnen, man kann wohl nachvollziehen, dass der Transport nach Bozen kein leichtes Unterfangen war. Es handelt sich dabei zwar um eine echte Sensation, aber auf der anderen Seite ist es natürlich auch nicht einfach, hierfür Interessenten zu finden.“ <BR /><BR /><b>Die Anfänge im Jahr 1966</b><BR /><BR />Für einen Moment blitzt der Geschäftsmann im Kunsthändler hervor. Jahrelange Erfahrung sowie gute Kontakte seien das A und O eines Galeristen, man müsse das Auge für hochwertige Kunst schulen – ähnlich wie ein Önologe seinen Gaumen schult. „Mit knapp 20 Jahren bin ich damals in den Betrieb meines Vaters Arnold eingestiegen, habe ihn zu Messen und Auktionen begleitet und mich langsam in die Materie eingearbeitet“, erinnert er sich an die Anfänge zurück. Sein Vater, ein gelernter Buchbinder, hatte in seiner „kleinen Kunstgalerie“ in der Museumsstraße mit Antiquitäten begonnen, wobei er besonderes Geschick für die Fertigung hochwertiger Bilderrahmen bewies. „Mein Vater handelte mit Möbeln, Porzellan, Teppichen, Skulpturen und Grödner Schnitzwerk, ich spezialisierte mich hingegen auf die Malerei und bildende Kunst“, zeichnet er seinen Werdegang nach. Aus heutiger Sicht eine gute Entscheidung, da schöne Gemälde immer gefragt sind. Somit zählt der Bozner Kunstliebhaber heute in seiner Sparte zu den ganz wenigen Fachleuten in Südtirol. Dennoch kam auch er in den Anfangsjahren um einige Fehlkäufe nicht umhin. Wie aber kommt der Preis eines Werks überhaupt zustande?<BR /><BR /><b>Der Wert eines Werks</b><BR /><BR />Thomas Morandell erklärt: „Der Wert von Kunstwerken ist von mehreren Faktoren abhängig, so etwa vom Prestige des Künstlers, der Technik, dem Motiv, der Qualität, dem Erhaltungszustand und auch von der jeweiligen Schaffenszeit. Den Ausgangspunkt bildet zunächst der Verkaufspreis des lebenden Künstlers, dann kommen natürlich Angebot und Nachfrage ins Spiel. Als Marktplätze dienen Kunstgalerien und Auktionshäuser, wobei man die Auktionsergebnisse in einschlägigen internationalen Fachportalen gegen Entrichtung einer Gebühr nachlesen kann.“ Jedoch gilt es, die Preise richtig zu interpretieren. In dieser Hinsicht ist Fachwissen gefragt. <BR /><BR />Als Kunsthändler lernt man interessante Persönlichkeiten kennen, baut Freundschaften mit honorigen Stammkunden auf und könnte mit dem Erlebten wohl ganze Bücher füllen. Fragt man Thomas Morandell danach, fällt der Name Peter Fellin. Dessen Hauptwerk wird der Strömung des abstrakten Expressionismus zugeschrieben. „Er hat hochinteressante Werke geschaffen und würde wohl in derselben Liga wie Karl Plattner spielen, wenn er öfter aus Südtirol hinausgekommen wäre“, mutmaßt Thomas Morandell, der Fellin selbst kennengelernt hat und ihn als besonders eigenwillige Persönlichkeit in Erinnerung hat – ganz Künstler eben. Ähnliches gelte für den allzu früh verstorbenen Hans Ebensperger. „Auch mit Kunden verbinden mich alle möglichen Erlebnisse, viele von ihnen haben natürlich ein ausgesprochenes Kunstfaible und wollen nur ja keine Neuigkeit verpassen“, berichtet der 60-Jährige.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1297383_image" /></div> Seinem Metier möchte er zwar noch einige Jährchen erhalten bleiben, aber er liebäugelt bereits mit einer „Hofübergabe“ an seinen Sohn Tobias. „Er studiert Kunstgeschichte in Wien, hilft bei Gelegenheit bei mir mit und es wird sich bald herausstellen, ob er den Kunsthandel Morandell in die dritte Generation führen wird“, meint Thomas Morandell. Gut möglich, dass irgendwann das 100-Jahr-Jubiläum winkt, aber heute schon daran einen Gedanken zu verschwenden, ist gewiss verfrüht.