Dienstag, 19. Januar 2021

Aktuell wie selten zuvor: George Orwells Klassiker „1984“

Gefälschte Nachrichten, allgegenwärtige Bespitzelung der Bevölkerung, enormer Anpassungsdruck und kulturelle Verarmung. Was heute in manchen Staaten Realität ist, hat George Orwell vorausgesagt. Sein Klassiker „1984“ ist auch heute topaktuell und gerade neu übersetzt.

Der Roman „1984“ von George Orwell erschien im Jahre 1949.
Der Roman „1984“ von George Orwell erschien im Jahre 1949. - Foto: © shutterstock
Eine Welt, in der uns vieles bekannt vorkommt, hat George Orwell in seinem Klassiker „1984“ beschrieben. Dabei erschien der Roman im Jahr 1949 als düstere Version einer Zukunft, die es hoffentlich so nie geben würde. Wer sich in der Gegenwart umsieht, wird allerdings viele Aspekte des Romans wiedererkennen. Jetzt ist er in einer gelungenen Neuübersetzung erschienen.

Das Großbritannien des Romans hat sämtlichen früheren Glanz verloren. In einer Welt, die in drei einander ständig bekriegenden Einflussgebiete aufgeteilt ist, die Kontinente umspannen, ist aus dem einst mächtigen Empire eine heruntergekommene Provinz geworden, die nur noch „Flugfeld eins“ genannt wird. London besteht aus ärmlichen Massensiedlungen. Beherrscht wird die Stadt von den mehrere hundert Metern hohen Pyramiden, von denen aus der Staat regiert wird: Den Ministerien für Frieden, Überfluss, Liebe und Wahrheit.

Die Bezeichnungen der Ministerien sind verlogen, denn ihr wahrer Zweck ist das genaue Gegenteil ihrer Namen. In Wirklichkeit verbergen sich hinter dem wohlwollenden Großen Bruder und seinen Ministerien ein Diktator und sein Unterdrückungsapparat, wie er zu Orwells Zeiten kaum vorstellbar erschien.

Überall hängen Bilder eines Mannes mit der Überschrift „Der Große Bruder beobachtet dich“. Das soll Vertrauen erwecken, dass die Bevölkerung beschützt werde, aber in Wirklichkeit wird sie ausspioniert und unterdrückt.

Von besonderer Bedeutung ist die Sprache, die sich die Regierung ausgedacht hat, „Neusprech“ genannt. Vokabular und Grammatik werden kontinuierlich reduziert, „vorgeblich aus Gründen der Logik, tatsächlich aber, um Sprechen, Denken und Fühlen gezielt verkümmern zu lassen“, wie der Schriftsteller Mirko Bonné in seinem informativen Nachwort analysiert. Gisbert Haefs ist es in seiner neuen Übersetzung hervorragend gelungen, dieses „Neusprech“ nachzuvollziehen. Die Slogans der Regierung – „Krieg ist Friede“, „Freiheit ist Knechtschaft“, „Unwissen ist Stärke“ – passen in all ihrer Absurdität in die dargestellte Gesellschaft.

Im Mittelpunkt der Romanhandlung steht ein Mann namens Winston Smith. Er ist im Ministerium der Wahrheit beschäftigt, um alte Zeitungen so umzuschreiben, dass ihre Aussagen mit der jeweils aktuellen politischen Linie der Regierung übereinstimmen. Trotz seiner für das System wichtigen Rolle als Schöpfer von Fake News führt er ein miserables Leben. Weitgehend isoliert lebt er in einer heruntergekommenen Wohnsiedlung ohne Hoffnung auf ein besseres Leben.

Im Grunde seines Herzens ist Winston ein heimlicher Oppositioneller, der sich danach sehnt, sich eigene Gedanken machen zu dürfen, ohne eine Bestrafung fürchten zu müssen. Eines Tages beginnt er, sich insgeheim anders zu verhalten, als es vorgeschrieben ist. Er kauft ein Notizbuch, um seine Gedanken zu notieren. Und er beginnt eine Affäre mit einer Arbeitskollegin.

Am eigenen Leib muss Winston erleben, dass in einem Staat, in dem er immer und überall vom Großen Bruder beobachtet wird, solches Verhalten nicht toleriert wird. Orwell lässt seine Figuren gnadenlos die Macht des totalitären Staates erleben. Der Große Bruder beobachtet nicht nur, er sorgt auch dafür, dass Alles seinen Vorgaben entspricht.
„1984“ wurde ein internationaler Erfolg. In vielen Ländern ist der Roman fester Bestandteil des Englischunterrichts. Orwell selbst erlebte die Erfolgsgeschichte seiner Zukunftsvision nicht mehr mit. Nur wenige Monate nach der Veröffentlichung des Romans starb er im Januar 1950 mit nur 46 Jahren. Sein Name ist aber untrennbar mit der Vision eines totalitären Überwachungsstaats verbunden.

Jean Seaton, die Direktorin der Orwell-Stiftung, bemerkte in einem Essay für das Online-Magazin „Culture“ der BBC: „Orwells Erkenntnisse beeinflussen, wie wir Unterdrückung sehen. Aber “1984„ ist auch eine Art Lehrbuch für schwierige Zeiten. Wissen ist eine Art von Stärke, und die können wir alle gut gebrauchen.“

Parallel hat der Manesse Verlag auch Orwells zweiten berühmten Roman neu veröffentlicht. In der ebenso amüsanten wie bitterbösen Satire „Die Farm der Tiere“ erzählte Orwell 1945 unter dem Untertitel „Ein Märchen“, wie die Tiere den Bauern ihres Hofes vertreiben und, angeführt von sehr intelligenten Schweinen, einen idealen Ort schaffen unter dem Motto „Alle Tiere sind gleich“. Dabei geht Vieles schief, und die freiheitliche „Farm der Tiere“ wird zum Zwangsstaat. Die Parallelen zu den Gründungsjahren der Sowjetunion sind eindeutig, manche Tiere lassen sich mit historischen Personen gleichsetzen. „Die Farm der Tiere“ ist nach 75 Jahren immer noch amüsant, aber längst nicht mehr so brisant wie zur Zeit der Entstehung.

dpa/stol

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