Ist der gut situierte Febo Germosino wirklich ein ausgemachter Trottel, einer treulosen Frau auf Gedeih und Verderb ausgeliefert? Oder zieht nicht auch er Nutzen aus einer Beziehung, die bei ihm schon vergessene Leidenschaften entfacht?Eine junge Frau kann Männern helfen, fortgeschrittenes Alter zu vergessen. Camilleri leuchtet die gelegentlich ins Feld geführte Behauptung nach allen Seiten aus. Positiv oder negativ: Dem Leser steht es frei, sich seinen Teil bei der unterhaltsamen Lektüre zu denken.Wie in allen seinen Romanen führt Camilleri (Jahrgang 1925) nach Sizilien. Commissario Salvo Montalbano, der Held seiner viel gelesenen Krimi-Reihe, betritt zwar nicht die Bühne, aber die Atmosphäre ist nicht weniger aufgeheizt. Selbst die Mafia mischt kurz mit. Die Geschichte, aus der Sicht des Mannes erzählt, hat viel von einem Psychodrama. Bereits Sohn Luigi hatte seinen verwitweten Vater vor einer Heirat mit der lustigen 30-jährigen Witwe gewarnt.Das Problem lässt nicht auf sich warten. Dem ältlichen Liebhaber ist nach den ersten gemeinsamen Nächten klar: Mit Adeles schamlosen Lustgefühlen beim Sex hätte nicht einmal ein 20-Jähriger mithalten können. Der angesehene Vize-Bankdirektor weiß, was sie zusammenführte. Er wollte Liebe und Schönheit. Sie sein Geld. Die Liebe holt sie sich woanders.Unter dem Mantel der Wohlanständigkeit verschafft sich Adele ständig neue Möglichkeiten, um fremd zu gehen. Der gehörnte Ehemann schweigt beharrlich zu den Kapriolen und fortgesetzten Lügen. Als er mit 65 in Ruhestand geht, wäre die Zeit, um gründlich über mögliche Konsequenzen nachzudenken. Allein es kommt nicht dazu. Er erkrankt an Krebs. Was er nie erwartet hätte, Adele, die Femme fatale, verwandelt sich in eine fürsorgliche Ehefrau. Allein die Hoffnung trügt. Längst denkt sie über seinen Tod hinaus. Wenn sie an seinem Bett sitzt, trägt sie das schlichte graue Kleid, das sie schon früher bei jedem Todesfall aus dem Kleiderschrank geholt hatte.Andrea Camilleri: „Das graue Kleid“, Rowohlt Verlag, 188 S., ISBN 978-3-463-40561-2