Der jüdische Autor („Die Bertinis“) hat die Verfolgung durch die Nazis in seiner Hamburger Jugendzeit überlebt, ist jahrzehntelang in Köln von Rechtsradikalen bedroht worden. Am 20. März wird der Publizist, der allein 23 Bücher geschrieben und 100 TV-Dokumentationen veröffentlicht hat, 90 Jahre alt. „Ich habe Glück gehabt mit meinen Genen. Ich habe keine akute Krankheit, alles funktioniert. Nur: mein Energiehaushalt, mein Kräftepotenzial, ist reduziert, das spüre ich deutlich“, sagt er.Weniger Energie heute - Aber der Kopf ist immer klar da„Mein Aktionsradius ist heute kleiner. Aber der Kopf ist klar wie immer – ohne dass ich in den Verdacht der Unbescheidenheit geraten möchte.“ Einladungen zu Diskussionsrunden, Vorträgen oder Interviews kann er kaum noch annehmen. Energisch wie eh und je ist er aber bei seinem zentralen Lebensthema – dem Kampf gegen Rechts. Und da schrillten erst vor kurzem ganz heftig Giordanos Alarmglocken – als die Mordserie des rechtsextremistischen Terrornetzwerks NSU Ende 2011 aufflog. „Etwas Ungeheuerliches ist geschehen. Da mordet sich eine Nazigang durch Deutschland, mehr als zehn Jahre lang, und wird angeblich nicht auffällig. Dann, als das Netzwerk aufgedeckt ist, fällt die Bundesrepublik aus allen Himmeln ihrer Blindheit.“Das mache ihm Angst, sagt der Schriftsteller: „Mir wird bange um die demokratische Republik – die einzige Gesellschaftsform, unter der ich mich sicher fühlen kann.“ Giordano betont: „Der Todfeind von gestern taucht heute in einer anderen Form und in einer neuen Generation auf.“ Dem „rechten Ungeist“ müsse man Aufklärung und inhaltliche Auseinandersetzung entgegensetzen – aber auch Zivilcourage. Der „Fluchtinstinkt, den mir die Nazis injiziert haben“, werde immer wieder geweckt. Das „Gezerre“ um einen neuen Verbotsantrag gegen die rechtsextremistische NPD findet er schwer erträglich. „Diese Partei hätte nie erlaubt werden dürfen.“Von Nazionalsozialisten verfolgtDas Leid seiner Jugend hat Giordano geprägt. Als Sohn einer jüdischen Mutter und eines sizilianischen Vaters war er von den Nationalsozialisten verfolgt, verhört, misshandelt, eingesperrt worden. Um der Deportation der Mutter zu entgehen, versteckte sich die Familie Anfang 1945 in einem rattenverseuchten Kellerloch, harrte halb verhungert bis zur Befreiung durch die Briten im Mai aus. Giordano sagt, sein Leben sei „verwoben mit Nationalsozialismus und seinen Plagiatoren“, vor denen er seit Jahrzehnten warnt.Umfangreiches WerkDer Hochbetagte blickt auf ein umfangreiches Werk zurück: Die autobiografische Familiensaga „Die Bertinis“ (1982), „Die zweite Schuld oder von der Last ein Deutscher zu sein“ (1987) oder auch „Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte“ (1989) gehören zu seinen Bestsellern. Auf die Autobiografie „Erinnerungen eines Davongekommenen“ (2007) und das Tagebuch „Mein Leben ist so sündhaft lang“ (2010) folgte jüngst „Von der Leistung kein Zyniker geworden zu sein“ (2011). „Das ist mein 23. Buch und definitiv das letzte“, sagt der Autor. „Manchmal frage ich mich: 'Giordano, wann hast du das denn alles geschafft?' Ein Buch hat das andere abgelöst. Das ist schon eine gewaltige Anstrengung gewesen, obwohl ich das nie so empfunden habe und auch nie mit heraushängender Zunge gearbeitet habe.“Angegriffen wurde Giordano wegen seines Protestes gegen den Bau der Kölner Zentralmoschee vor einigen Jahren. Manche warfen ihm vor, faktisch mache er gemeinsame Sache mit Rechtsradikalen. Das sei „niederträchtig“ gewesen, sagt der Autor. Sein Lebenswerk solle nicht verkürzt werden auf seine Kritik am Islam. „Ich kämpfe an der Seite von kritischen Muslimen gegen Erscheinungen des Islam, die mit dem Grundgesetz nicht in Übereinstimmung zu bringen sind.“Feierlicher EmpfangSeine Geburtsstadt Hamburg richtet ihm einen feierlichen Empfang aus, außerdem gibt es eine Festveranstaltung am Gymnasium Johanneum – nicht irgendeine Schule für Giordano. „Ich war dort Schüler von 1933 bis 1940, bis mich die Nazi rausgeschmissen haben. Heute habe ich ein wunderbares Verhältnis zum Johanneum, obwohl sich dort einige der schwärzesten Stunden in meinem an schwarzen Stunden nicht armen Leben abgespielt haben.“Seit 1972 lebt er in Köln. „Die Nabelschnur nach Hamburg war aber nie durchschnitten.“ An den Rhein kam Giordano, weil ihm der WDR „fantastische“ Möglichkeiten als Fernsehautor anbot. Rund 30 Jahre lang reiste er durch die Welt, lieferte politische Berichte und Reportagen aus 38 Ländern.In Köln lebt der Autor, der dreimal verheiratet war und kinderlos geblieben ist, in einer recht bescheidenen Hochhaus-Wohnung. Ein großzügiges Haus hätte er sich problemlos leisten können. War aber nicht nötig, sagt er. Zu seinem Geburtstag beschäftigt ihn die Frage: „Was hat es eigentlich mit der Altersweisheit auf sich? Gilt die auch für mich?“ Giordano will sich auch mit 90 weiter einmischen und mahnen. „Ich habe versucht das Meine, meine Moleküle, dazu beizutragen, diese Welt ein bisschen wohnlicher zu machen als sie ist. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.“