Samstag, 23. Oktober 2021

Autorinnen schreiben über weibliche Unsichtbarkeit

Elke Heidenreich und mehrere andere Autorinnen nehmen sich in ihren neuen Büchern ein großes Thema vor. Ihr Befund: Frauen wurden oder werden in vielen Bereichen der Öffentlichkeit nicht angemessen repräsentiert.

Frauen veröffentlichten ihre Werke früher häufig unter männlichen Pseudonymen, so auch Charlotte Brontë. - Foto: © Shutterstock / shutterstock

Kennen Sie die Schriftsteller Currer, Acton und Ellis Bell? Vermutlich nicht. Dabei schufen sie Werke, die zu den größten der Weltliteratur gehören. Heute sind sie allerdings unter ihren wahren Namen bekannt: Charlotte, Emily und Anne Brontë. Zeitlebens veröffentlichten die Autorinnen ihre Werke wie „Sturmhöhe“ oder „Jane Eyre“ unter männlichen Pseudonymen. Denn Frauen, so erzählt es Elke Heidenreich in ihrem neuen Buch, kommen in der Literatur noch bis zur Romantik nur als unglückliche Geliebte vor, nicht als eigene Schöpferinnen von Literatur. Zwar habe es einige Schriftstellerinnen gegeben – diese mussten aber „unter demütigenden Umständen veröffentlichen“, etwa mit fiktiven männlichen Namen.

„Hier geht's lang! Mit Büchern von Frauen durchs Leben“

Eine ganze Reihe Bücher erscheint diesen Herbst, die sich mit weiblicher (Un-)sichtbarkeit auseinandersetzen. Heidenreichs Werk „Hier geht's lang! Mit Büchern von Frauen durchs Leben“ ist eins davon. Auch eine Historikerin, eine Literaturwissenschaftlerin und eine Journalistin widmen sich in neuen Büchern dem Thema. Auf unterschiedlichen Wegen kommen sie alle zum gleichen Befund: Frauen wurden oder werden in vielen Bereichen unseres Lebens strukturell benachteiligt, sind nicht so sichtbar wie ihre männlichen Kollegen.

Heidenreich kann einiges über die Benachteiligung von Autorinnen erzählen. Entlang ihrer Biografie schreibt die 78-Jährige über Schriftstellerinnen, die sie geprägt haben, die aber meist weniger Erfolg hatten als ihre männlichen Zeitgenossen – und bis heute zum Teil nicht so bekannt sind. Noch in ihrem Germanistik-Studium spielten Autorinnen kaum eine Rolle, erzählt Heidenreich.

Die Literaturkritikerin ruft Frauen ins Gedächtnis, die brillante Texte schrieben, sich aber gleichzeitig oft zwischen ihrer Kreativität und gesellschaftlichen Erwartungen zerrieben. Etwa die US-Amerikanerin Dorothy Parker, die sich schon vor knapp 100 Jahren für Gleichberechtigung einsetzte und als scharfsinnige und gewitzte Kritikerin galt.

„Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt“

Diesem Thema widmet sich auch die Literaturwissenschaftlerin Nicole Seifert in ihrem Buch „Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt“. Literarische Werke von Frauen werden seltener verlegt, besprochen und mit Preisen versehen, wie Seiferts Ausgangsbefund lautet, den sie mit Studien und Untersuchungen belegt. Anders als Heidenreich bezieht sie auch Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen, mit ein, ebenso wie andere, oft diskriminierte Gruppen. Auch Seifert erwähnt entlang der Geschichte zahlreiche Autorinnen, die wiederzuentdecken sich lohnt.

Die Literaturwissenschaftlerin hat den Geschlechteranteil in den Verlagsprogrammen und den Kulturseiten einiger Zeitungen untersucht. Ihr Resümee: „Trotz der Behauptung, Autorinnen seien auf dem Vormarsch, liegt der Anteil der Autoren in den Programmen literarischer Verlage noch immer bei rund 2 Dritteln – genau wie ihr Anteil an den Besprechungen im Feuilleton.“

„Weibliche Unsichtbarkeit“

Weg von der Literatur, zurück in die Geschichte blickt die Autorin Marylène Patou-Mathis. In „Weibliche Unsichtbarkeit“ (erscheint am 25. Oktober) wirft die französische Historikerin einen Blick auf die Urgeschichte. Ihr Befund: Über weite Strecken der Geschichte sind Frauen unsichtbar – erst recht in der Ur- und Frühgeschichte.

„Es sind Männer, die jagten, die Werkzeuge und Waffen erfanden, die Höhlenmalereien hinterließen und als Erfinder zivilisatorischer Errungenschaften gelten. Frauen, so das gängige Bild, hielten sich im Heim auf und damit: im Hintergrund“, schreibt der Hanser Verlag über das Buch. „Marylène Patou-Mathis rückt dieses Bild gerade und zeigt: Es gibt keine Fakten, die diese Annahmen stützen. Neue archäologische Funde haben ergeben, dass prähistorische Frauen mitnichten das unterworfene Geschlecht waren, zu dem männliche Wissenschaftler der Neuzeit sie gemacht haben.“

„Wut und Böse“

Mit ihren neuen Büchern versuchen die Autorinnen, teils vergessenen Verdiensten von Frauen Gehör zu verschaffen. Und was könnte man abgesehen vom darüber Schreiben gegen die weibliche Unsichtbarkeit in manchen Bereichen tun?

Eine Idee hat die Journalistin Ciani-Sophia Hoeder. Und zwar: wütend sein. Wut sei ein unterdrücktes weibliches Gefühl, das es herauszulassen gelte, fordert sie in ihrem jüngst erschienenen Buch „Wut und Böse“. „Frauen, die ihrer Wut freien Lauf lassen, gelten immer noch als hysterisch, unzurechnungsfähig oder instabil“, schreibt der Hanser-Verlag zu dem Buch.

„Mädchen werden eher zu stiller Eleganz erzogen als zu Durchsetzungsfähigkeit. Doch weibliche Wut ist wichtig, in ihr steckt eine enorme transformative Kraft und Frauen müssen lernen, diese anzunehmen und einzusetzen.“ Denn letztlich verdankten wir der weiblichen Wut das Frauenwahlrecht, internationale Bewegungen wie den Women's March oder die #MeToo-Debatte.

dpa

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