<BR /><b>Mit dem von Ihnen herausgegebenen Band „Die Welsperg −Aspekte einer Familienbiographie“ konnten Sie jüngst ein umfangreiches Referenzwerk zu einer der bedeutendsten regionalen Adelsfa- milien vorlegen. Was zeichnet die Welsperg besonders aus?</b><BR />Philipp Tolloi: Zunächst muss ich vorausschicken, dass ich zwar der Herausgeber und ein Mitautor bin, aber ein Werk mit einer solchen Vielzahl an thematischen Aspekten und methodischen Zugängen kann man kaum im Alleingang stemmen. Daher möchte ich unterstreichen, dass der vorliegende Band die Gemeinschaftsarbeit von insgesamt 16 Autorinnen und Autoren ist. Nun zu Ihrer Frage: Die Welsperg gehören zweifelsohne zu den wichtigsten und einflussreichsten, überraschenderweise aber bisher wenig beforschten Tiroler Adelsfamilien. <BR /><BR />Im 15./16. Jahrhundert brachten sie z. B. nacheinander mehrere namhafte Persönlichkeiten hervor, die in Politik, Kirche, Militär und Wirtschaft reüssierten. Ich denke da etwa an Christoph VIII., der seinerzeit als einer der Reichsten im Land galt. Ihre Geschichte ist, wie im Übrigen auch die anderer Adelsfamilien, ganz eng mit der Tiroler Landesgeschichte verwoben. Das hat schlichtweg damit zu tun, dass der Adel jahrhundertelang die dominierende soziale Gruppe war und damit die Geschicke des Landes erheblich mitgestaltet hat. Ich würde gern weniger das Besondere als vielmehr die Gemeinsamkeiten betonen, die die Welsperg mit anderen Tiroler Adelsfamilien verbindet, und damit an der Erforschung der Tiroler Adelslandschaft insgesamt weiterarbeiten, zumal vor allem, was die frühe Neuzeit und das 19. Jahrhundert anbelangt, noch viel Forschungsarbeit zu leisten ist.<BR /><BR /><BR /><b>Warum glauben Sie, haben der biographische Zugriff und die Adelsforschung in der geschichtlichen Landeskunde nach wie vor Konjunktur?</b><BR />Tolloi: Das Ziel der Landesgeschichte ist es, einen bestimmten Raum aus einer Vielfalt an Perspektiven mit unterschiedlichen Fragestellungen und Methoden epochenübergreifend zu untersuchen. Landesgeschichte soll dabei wissenschaftlich sein, aber zugleich einem breiten Publikum offenstehen. Gerade für ein Laienpublikum bieten sich Biographien und (adelige) Familiengeschichten, als Kollektivbiographien verstanden, bei entsprechender Kontextualisierung als ideale Darstellungsform an, weil sie historische Prozesse anschaulicher und lebendiger abzubilden vermögen als theorielastige Darstellungen. Gleichzeitig sind Biographik und Adelsforschung ganz im Sinne der geschichtlichen Landeskunde offen für eine Vielzahl von Fragestellungen und Zugängen. <BR /><BR /><BR />Wenn wir doch noch etwas in die Theorie gehen wollen: Die Biographik bietet uns die Möglichkeit, das Verhältnis von Mensch und dem sich in der Zeit verändernden Raum näher zu bestimmen. Hier kommt auch die Adelsforschung wieder ins Spiel, die für die Landesgeschichte z. B. dann interessant ist, wenn „Land“ als Herrschaftsraum und Adel als Herrschaftsträger verstanden wird. Der Raum ist Schauplatz seines Wirkens, d. h., er hat ihn, etwa durch seine Bautätigkeit, auch äußerlich dauerhaft geprägt. Man denke dabei nur an unsere Burgenlandschaft. <BR /><BR /><BR /><b>Was sind nun also die wichtigsten neuen Erkenntnisse des Tagungsbandes?</b><BR />Tolloi: Neue Erkenntnisse gibt es zuhauf, eben weil bisher wenig über die Welsperg publiziert wurde. Ich möchte nur ungern darüber urteilen, welche wichtiger und welche weniger wichtig sind. Das möge der Leser und die Leserin bei der Lektüre des Bandes selbst entscheiden. Beeindruckt hat mich aber, wie anpassungsfähig der Adel war, etwa im Bereich der Bildung. Er hat sehr rasch erkannt, dass eine breit gefächerte, mitunter sehr kostspielige Ausbildung fundamental war, um konkurrenzfähig zu bleiben. Der privilegierte Adelsstand allein bot für das „Obenbleiben“ in vielen Bereichen nicht mehr ausreichende Gewähr.<h3> Zur Person Philipp Tolloi</h3><BR />Philipp Tolloi, geb. 1980 in Sterzing, Studium der Geschichte, Germanistik und der Historischen Hilfswissenschaften an der Universität Wien, Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung (2010), seit 2011 Archivar am Südtiroler Landesarchiv, Masterstudium „Archivi digitali“ an der Universität Macerata (akad. Jahr 2023/24). Veröffentlichungen zur Tiroler Landesgeschichte.<BR /><BR /><BR /><b>Buchvorstellung:</b><BR />7.2., 20 Uhr, Raiffeisensaal des Kulturhauses Paul Troger, Welsberg.<BR /><BR /><BR /><b>Buchtipp:</b><BR />„Die Welsperg. Aspekte einer Familienbiographie“, Hrsg. Philipp Tolloi, Athesia Verlag 2025, 519 Seiten, (dt./ita.)