Warum für die Brixnerin Texte schreiben ein „Frauschaftssport“ ist, wie schwer es ist, vom Schreiben zu leben und was sie unter „Nationalhumanismus“ versteht, erklärt sie im Gespräch.<BR /><BR /><BR /><b>Bereits zu Beginn des Jahres wurde „Blutbrot“ mit dem Kleist-Förderpreis für neue Dramatik sowie dem Literaturpreis der Universität Innsbruck ausgezeichnet. Nun haben Sie mit diesem Theatertext auch den Debütpreis des Österreichischen Buchpreises geholt. Hatten Sie damit gerechnet?</b><BR /> Miriam Unterthiner: Nein, absolut nicht. Mathematisch gesehen ist der Gewinn oder Hauptpreis am unwahrscheinlichsten. Ich glaube auch, dass ich die letzte Person im Raum war, die von der Preisverleihung erfahren hat. In dem Moment habe ich zwar meinen Namen gehört, aber wirklich verstanden habe ich nicht, dass mein Text tatsächlich mit dem Österreichischen Buchpreis Debüt ausgezeichnet wird.<BR /><BR /><BR /><b>An Preise müssten Sie sich mittlerweile doch gewöhnt haben. Was bedeutet diese erneute Auszeichnung für Sie?</b><BR />Unterthiner: Für mich ist diese Auszeichnung eine Sichtbarmachung des Theatertextes als Text. Viel zu häufig wird dieser weder als Text noch als Inszenierung betrachtet, sondern als ein Dazwischen, sehr weit entfernt von einem lesbaren, gedruckten Text. Das führt dazu, dass Theatertexte leider viel zu selten gedruckt und dadurch nicht zugängig gemacht werden. Die schönste Rückmeldung, die ich aus dem Publikum erhalten habe war, dass „Blutbrot“ einfach gelesen werden kann, dass es gar nicht kompliziert ist, einen Theatertext zu lesen. Das finde ich toll, denn Theatertexte können, wie andere Texte auch, gelesen werden.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1237944_image" /></div> <BR /><BR /><b>In der Jurybegründung heißt es u.a.: „Miriam Unterthiners Theatertext 'Blutbrot' nimmt sich eines Kapitels der Südtiroler Nachkriegsgeschichte an, das bislang kaum literarisch bearbeitet wurde: der Fluchthilfe für NS-Verbrecher über den Brennerpass…. Sie begegnet diesem schwierigen Stoff nicht mit dokumentarischem Realismus, sondern mit großer poetischer Wut und Wucht.“ Wenn Sie diesen Worten zustimmen, woher rührt diese Wut und Wucht? Ist sie dem Thema geschuldet?</b><BR />Unterthiner: Ich glaube, mein eigenes Schreiben kann ich gar nicht von außen betrachten, deshalb kann ich diesen Worten gefühlt weder zustimmen noch ihnen etwas entgegnen. Allerdings kann ich nachvollziehen, dass von Wut und Wucht die Rede ist, diese sehe ich in den Figuren des Textes verortet. Es ist ihre Wut, die zur Sprache findet und die sich teilweise sehr ungefiltert an der Sprache selbst auslässt, sie entlarvt, und damit zeigen sie sich selbst wiederum.<BR /><BR /><BR /><b>„Texte schreiben ist Mannschaftssport – in diesem Fall war es eine Frauschaft“, sagten Sie in Ihren Dankesworten. Was konkret meinen Sie damit?</b><BR />Unterthiner: Das Schreiben wird häufig als einsame Tätigkeit beschrieben und der Text als etwas, das einer Person entspringt. Für mich stimmt dies nicht, denn um schreiben zu können, bedarf es Vordenkerinnen, andere Texte, Unterstützer, Personen, mit denen ich am Text arbeiten, mit denen ich meine Überlegungen, Zweifel und Gedanken teilen kann. Ich habe bei „Blutbrot“ nachgezählt, mit wie vielen Personen ich dafür zusammengearbeitet habe, es waren definitiv mehr als eine Fußballmannschaft oder -frauschaft. Deshalb ist für mich das Schreiben ein Mannschaftssport und da im Falle von „Blutbrot“ vor allem Frauen darunter waren, ist es in meinem Fall ein „Frauschaftssport“.<BR /><BR /><BR /><b>Auch haben Sie gesagt: „Der Preis ist für mich die Möglichkeit, weiterzuschreiben.“ Und der Österreichische Buchpreisträger Dimitré Dinev meinte, der Preis könne sein Leben leichter machen. Braucht es heute Auszeichnungen mehr denn je, um auf gute Literatur aufmerksam zu machen?</b><BR />Unterthiner: Aktuell werden die Kultur- und Literaturgelder weniger, Förderungen und Stipendien werden kleiner oder ganz gestrichen – für viele Autoren und Autorinnen ist das jedoch die Haupteinnahmequelle. Vielleicht kurz zum Einblick: Kostet das Buch im Geschäft 20 Euro, erhält die Autorin oder der Autor davon etwa 1,50 Euro. Zudem werden die Schriftsteller für Lesungen bezahlt. Um davon leben zu können, muss mensch deshalb nicht nur sehr sehr viele Bücher verkaufen und sehr viele Lesungen halten, sondern eben auch von sehr wenig leben können. Preise sind deshalb nicht nur wichtig, um Aufmerksamkeit zu generieren, sondern eben auch eine wichtige Einnahmequelle, unser Gehalt. (Anm. d. Red.: Der Österreichische Buchpreis ist mit 20.000 Euro, der Debütpreis mit 10.000 Euro dotiert).<BR /><BR /><BR /><b>„Blutbrot zeigt, wie sich unsere grausame Geschichte in Körper, Sprache und Landschaft einschreibt und wie sie vielleicht doch durch einen 'Nationalhumanismus' überwunden werden könnte“, meint die Jury auch. Ein schönes Bild…</b><BR />Unterthiner: Das Lob würde ich gern weitergeben. Dieser Textteil ist eine Fortschreibung der Philosophie von Max Brod, der als Jude vor den Nationalsozialisten geflohen ist und nach Ende des Zweiten Weltkrieges über eine neue Art des gemeinschaftlichen, friedlichen Zusammenlebens nachgedacht hat. Ich bin von seinen Gedanken dazu tief beeindruckt und habe davon sehr viel für unsere heutige Zeit mitgenommen.<BR /><BR /><BR /><b>Ihr Stück wurde bereits im September im Theater Aachen uraufgeführt und hatte am 10. Oktober im Theater am Werk in Wien Premiere. Dürfen wir hoffen, es auch hier in Südtirol an einer Bühne zu sehen?</b><BR />Unterthiner: Bislang ist noch nichts Konkretes vereinbart, ich würde es mir aber sehr wünschen.<BR /><BR /><BR /><b>Und abschließend noch: Woran schreiben Sie gerade?</b><BR />Unterthiner: Aktuell schreibe ich für das Schauspielhaus Wien am Theatertext „Mundtot“ über eine Handballfrauschaft. Der Text beschäftigt sich mit weiblichem Leistungssport, den Blicken auf die Sportlerinnen, sexualisierten Körperbildern, Konkurrenzdruck und Solidarität, zu knappen Trikots und unangemessenen Berührungen. Die Figuren probieren über das zu sprechen, was lange ungesagt geblieben ist und kämpfen mit ihrer eigenen Sprache gegen das „Mundtotmachen“ der Sportlerinnen an.<h3> Zur Person Miriam Unterthiner</h3><BR />Die Autorin wurde 1994 geboren. Sie stammt aus Latzfons. Ihre Jugend verbrachte sie u.a. auf dem Handballfeld. Sie studierte Philosophie, Germanistik, Deutsche Philologie sowie Szenisches Schreiben beim „Drama Forum und Sprachkunst“ an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Sie schreibt Theaterstücke und Prosa. Zu ihren Auszeichnungen gehören unter anderem der „Kathi-Trojer Preis“ Brixen, der Preis des literarischen Wettbewerbs „Das Unsagbare zur Sprache bringen“ des Südtiroler Künstlerbundes sowie der Prosa-Förderpreis der Gruppe 48. Für den Theatertext „Va†erzunge“ erhielt sie das Dramatikerinnenstipendium der österreichischen Bundesregierung und wurde für das Autorinnenprogramm „Drama Lab“ der „Wiener Wortstaetten“ ausgewählt. Das Stück wird in der Regie von Blanka Rádóczy am 24. Mai am Tiroler Landestheater uraufgeführt. Miriam Unterthiner ist die Gründerin und Leiterin des Nachwuchsförderprogramms für experimentelle Sprach-Literatur in Südtirol, Sprachlabor/Laboratorio linguistico/ Lëura- tuere de rujeneda und wirkt auch als Teammitglied der Summer School Südtirol für dramatisches Schreiben. Seit 2019 ist sie im Vorstand der Südtiroler Autorinnen-Autoren-Vereinigung. <BR /><BR /><BR /><b>Buchtipp:</b><BR />Miriam Unterthiner, „Blutbrot“, edition laurin, Februar 2025, 72 Seiten