Hier Teil IV:„Von Norden rollt ein Donner“ von Markus Thielemann. <b>Von Margit Oberhammer</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1083963_image" /></div> <BR /><BR />In den Südtiroler Lesebüchern der 50- und 60er Jahre war die sogenannte Heimatliteratur stark vertreten. Die Geografie der besungenen Heimat war nicht wichtig, es konnten die Alpen ebenso sein wie die norddeutsche Heide. Dass auch Texte von Kriegstreibern wie Bruder Willram oder von den Nationalsozialisten posthum Gefeierte wie Hermann Löns abgedruckt wurden, störte die damaligen Buchmacher nicht. Vom Inbegriff des „Heidedichters“, von Hermann Löns, lernten wir Schulkinder, dass es eine Heidelandschaft gibt. Später kamen die Gedichte von Theodor Storm dazu. Beide Dichter haben mit der Stimmung im Roman von <Fett>Markus Thielemann</Fett> zu tun.<BR /><BR /><BR />Der Autor stellt seinem Buch „Von Norden rollt ein Donner“ einen Vierzeiler von Theodor Storm als Motto voran: <BR /><BR /><BR /><i>„Es ist so still; die Heide liegt<BR />Im warmen Mittagssonnenstrahle, <BR />Ein rosenroter Schimmer fliegt Um ihre alten Gräbermale.“</i><BR /><BR /><BR />Der rosenrote Schimmer aus Theodor Storms Versen verkehrt sich bereits in den ersten Zeilen des Romans in ein Anti-Idyll. Der Schimmer ist einem düsteren grau-braunen Kolorit gewichen, der titelgebende von Norden rollende Donner wird erzeugt von der explodierenden Munition einer Rüstungsfabrik. Wir befinden uns im Jahr 2015. Die Straßen der Heidedörfer sind gesäumt von Baumärkten, Dönerläden, McDonald's Filialen; Schützenscheiben an den Fassaden, Igel und Gartenzwerge aus Ton in den Gärten. Zwischen Truppenübungsplätzen und Schienenresten einer Verladerampe ins ehemalige Konzentrationslager Bergen-Belsen steht ein Denkmal von Hermann Löns. Wie viele Bewohner der Heide verehrt auch der Großvater des jungen Schäfers Jannes den Dichter. <BR /><BR /><BR />Der 19-jährige Schäfer Jannes Kohlmeyer ist die Hauptfigur im Roman. Er bewirtschaftet mit seinen Eltern und dem Großvater den Hof; die demente Großmutter ist im Pflegeheim untergebracht. Die Dreigenerationenfamilie lebt mehr schlecht als recht von den Schafen, eigentlich von den Exkursionen mit den Touristen auf deren Kaffeefahrten in die Lüneburger Heide. Die Pläne des Vaters von Hofladen und Ferienwohnungen boykottiert der Großvater. Wenn es mit der Schafzucht weiter gehen soll, muss Jannes den Hof übernehmen. Nach und nach ahnt er, dass das Erbe nicht nur aus seiner Schafherde besteht, die er Tag für Tag auf die Heide treibt. Er wird von einer hexenhaften Gestalt heimgesucht. Beim Lesen befremdet die barfüßige Gestalt, die entweder aus einem Komposthaufen auftaucht oder sonst wo in der Landschaft erscheint. <BR /><BR /><BR />Was soll plötzlich diese Geisterwelt inmitten der realistischen Erzählebene? Man versucht es sich mit dem sogenannten „Zweiten Gesicht“, zu erklären, mit den hellseherischen Fähigkeiten, die man in den Sagen manchen Menschen in der Heide zuspricht, oder mit einer jugendlichen Rausch-Fantasie. Im Laufe des Romans erinnert die Geschichte jedoch an die „Untoten“ von Elfriede Jelinek, an die gewaltsam zu Tode gekommenen Menschen, deren Blut nicht vertrocknen kann. Unerlöst tauchen sie von Zeit zu Zeit gespenstisch in der Landschaft auf. Voller Angst und Scham nimmt Jannes zuerst seine Visionen zur Kenntnis; zunehmend entschlossen beginnt er, seiner schweigenden Familie Auskünfte über die Vergangenheit zu entlocken. Hinter den früheren bruchstückhaften Erzählungen der Großmutter, hinter der wieder und wieder erzählten Anekdote des Großvaters über einen heldenhaft erschossenen Wolf dämmert ein Verbrechen herauf. <BR />Markus Thielemann packt (zu?) viel hinein in seine Geschichte. Nicht nur Untote, auch die Wölfe treiben ihr Unwesen. <BR /><BR /><BR />Manchmal geht das eine in das andere über. Die Schafbauern sind alarmiert; in der Heide ist die Aufregung dieselbe wie in den Alpen. Schafzüchtergruppen auf Facebook, Mahnfeuer gegen die untätige Politik, Streit zwischen jenen, „die mit dem Gewehr denken“ und den Tierschützern, zwischen den völkisch Bewegten, für die „der Wolf nicht in die deutsche Kulturlandschaft passt“ und denen, für die die Wolfsrisse eine tatsächliche Existenzbedrohung darstellen. Friedrich, der Vater von Jannes, heimgesucht von „Ausfällen“ einer beginnenden Demenz, ist von der Wolfsparanoia besonders schlimm betroffen. <BR /><BR />Jannes stellt für sich und seine Familie fest „wie schmal der Grat ist, auf dem sie alle balancieren“. Der junge Autor Markus Thielemann, geb. 1992 in Hannover, Absolvent des Studiengangs für Literarisches Schreiben in Hildesheim, schreibt gekonnt diesen schmalen Grat entlang. Auch dem schmalen Grat zwischen dem Verdrängen der nationalsozialistischen Vergangenheit und deren gefährlichem Wiederaufflammen. Im Bücherschrank des waffenbegeisterten Onkels von Jannes steht der Wehrwolf von Hermann Löns, in der alten Wehrmachtausgabe mit dem Symbol der Wolfsangel. Diese, heute ein Symbol der Neonaziszene, begegnet Jannes als Ornament im Garten der neu in die Heide zugezogenen Nachbarn. <BR /><BR /><BR />Die Heide ist für Markus Thielemann mehr als ein Schauplatz. Er blickt hinter die ideologisch verbrämte Kulisse in der Vergangenheit und Gegenwart. Dahinter verbirgt sich nicht nur Düsteres, sondern auch die Faszination des Autors für das Besondere dieser Kulturlandschaft. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1083966_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Buchtipp:</b><BR />Markus Thielemann, „Von Norden rollt ein Donner“, C. H. Beck Verlag 2024, 287 Seiten <BR /><h3> Zur Person Markus Thielemann</h3><BR />Geboren 1992, lebt der Autor in Hannover. Er studierte Geografie und Philosophie in Osnabrück, anschließend Literarisches Schrei- ben in Hildesheim. „Von Norden rollt ein Donner“ ist sein zweiter Roman nach „Zwischen den Kiefern“ von 2021.