Bis zur Verleihung werden wir hier die Rezensionen aller 6 Bücher veröffentlichen. Hier Teil III: „Die Projektoren“ von Clemens Meyer. <b>von Ferruccio Delle Cave</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1083549_image" /></div> <BR /><BR />Man hatte sich an den großen, zuweilen über 1000 Seiten reichenden Romanen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der deutschsprachigen Literatur wie Musils „Mann ohne Eigenschaften“, Doderers „Dämonen“ oder Brochs Romantrilogie „Die Schlafwandler“ so richtig frei gelesen, und nun präsentiert <Fett>Clemens Meyer</Fett> zum Deutschen Buchpreis 2024 seinen neuesten Roman mit dem Titel <TextHBlau>„Die Projektoren“</TextHBlau>. Die Leser und Leserinnen blättern ernüchtert durch 1047 Seiten! Dass dabei der Plot nicht einfach zusammenzufassen ist, wird bald beim ersten Lesen klar. <BR /><BR />Nun, der Autor reitet buchstäblich mit Winnetou durch die Geschichte Jugoslawiens und endet im wiedervereinigten Deutschland, wobei der Roman, an dem Meyer mehrere Jahre mitsamt akribischer Recherche gearbeitet hat, wenige Tage vor den Wahlen in Ostdeutschland im S.Fischer-Verlag erschienen. „Die Projektoren“ sind ein Epos, in dem es zwar auch um Halb-, Unter- und Zwischenwelten geht, in denen es nicht minder gewalttätig und tragisch zugeht, das aber vorwiegend in einem europäischen Land spielt, das es, wie die Heimat Clemens Meyers nicht mehr gibt: in den Staaten des ehemaligen Jugoslawien. <BR /><BR />Erdrückend ist schon die Fülle an Schauplätzen, Figuren und Geschichten, die da in 17 Kapiteln erzählt werden. Einer der überraschenden Protagonisten dieses Buches ist Winnetou, eine klassische literarische Erfindung aus Karl Mays Schreibstube im sächsischen Radebeul. Karl May hat immer behauptet, Winnetou oder Old Shatterhand seien ja gar keine fiktiven Figuren, sondern der Autor selbst. Clemens Meyer geht aber weiter: Verfilmt wurden ja die bekanntesten Karl-May-Romane ausgerechnet in Jugoslawien, vor allem im südlichen Teil des kargen und unwirtlichen kroatischen Gebirgsmassivs Velebit. In diesem balkanisch geprägten Wilden Westen spielt ein großer Teil der „Projektoren“. Denn dort, wo in den 1960er Jahren kroatische, serbische und bosnische Statisten mit rot bemalten Gesichtern und Federn im Haar mit deutschen, französischen und amerikanischen Schauspielern Cowboy und Indianer spielten, bekämpften sich, gar nicht mehr virtuell, 30 Jahre später Serben und Kroaten gegenseitig. <BR /><?Schrift Spationierung="0ru"> <BR />Hier präsentiert uns Clemens Meyer einen Hauptdarsteller des Romans. Er wird „Cowboy“ genannt, weil er ein kariertes Tuch um den Hals trägt. Um seinen richtigen Namen zu erfahren, muss man das Buch allerdings bis fast zu Ende lesen. Cowboy wächst im serbischen Belgrad auf, wo er 1941 seine Eltern beim Luftangriff der Deutschen verliert, er kommt als Kind zu den jugoslawischen Partisanen, wird dort Botengänger zwischen den Fronten. Nach Ende des Krieges und Titos Abkehr von Stalin wird Cowboy auf die berüchtigte Strafgefangeneninsel Goli Otok verbannt. Als dann in den 1960er Jahren die deutsche Filmcrew auftaucht, um unter seiner Hütte „Winnetou“ zu drehen, wird Cowboy zum Indianer-Statisten und zum Dolmetscher für Lex Barker. <BR /><?_Schrift> <BR />Und nun fragt sich der Leser oder die Leserin. Wer ist hier eigentlich Statist, wer ist real greifbar oder nur filmische Erfindung? Clemens Meyer gerät dabei in einen Erzählrausch, der die Leser und Leserinnen auch mitnimmt durch die Labyrinthe der verworrenen jugoslawischen Geschichte, in der auch Deutsche mitmischen. <BR /><BR />Also ist es auch unsere Geschichte, die hier auf über 1000 Seiten ausgebreitet wird. Erzählhaltung und Erzählsprache wechseln dabei wie ein wilder Fluss. Eine Unmenge an Zitaten und Hinweisen, an Fakten bilden den Unterstrom der „Projektoren“. Man kann diesen Roman aber auch als Versuch werten, dem ganzen Irrsinn von Faschismus, Mord, Grausamkeit, von Neonazis und Blutsprudel irgendeinen Sinn, irgendeinen vernünftigen Grund, irgendeine Rationalität abzuringen. Es ist ein großer Wurf, Clemens Meyers Roman, der für kommende unendlich lange Novemberabende ein Leseerlebnis sui generis darstellt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1083552_image" /></div> <BR /><BR /><b>Buchtipp:</b><BR />Clemens Meyer, „Die Projektoren“, S.Fischer Verlage 2024, 1056 Seiten<BR /><h3> Zur Person Clemens Meyer</h3><BR />1977 in Halle/Saale geboren, lebt der Autor in Leipzig. Nach dem Abitur arbeitete er als Bauhelfer, Möbelträger und Wachmann. Von 1998 bis 2003 studierte er am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2006 erschien sein Debütroman „Als wir träumten“, es folgten „Die Nacht, die Lichter. Stories“ (2008), „Gewalten. Ein Tagebuch“ (2010), der Roman „Im Stein“ (2013), die Frankfurter Poetikvorlesungen „Der Untergang der Äkschn GmbH“ (2016) und die Erzählungen „Die stillen Trabanten“ (2017). Für sein Werk erhielt der Autor zahlreiche Preise, darunter den Preis der Leipziger Buchmesse. „Im Stein“ stand schon auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, wurde mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet. „Die Projektoren“ ist auch für den Bayerischen Buchpreis 2024 nominiert. Für sein Gesamtwerk erhält Clemens Meyer den Lessing-Preis 2025 des Freistaates Sachsen.